Textilindustrie

Viele Nadelstiche gegen Hungerlöhne

Seit mehr als 25 Jahren arbeiten Gewerkschaften, Nichtregierungs-Organisationen und kirchliche Initiativen gegen die schlimmen Arbeitsbedingungen in den Nähfabriken etwa in Asien. Das Ringen um Erfolge ist mühsam und zäh

Von Annette Jensen

Bis es mir vom Leibe fällt e. V.: ausgezeichnet mit der Spitzen Nadel 2018, angelehnt an Eugène Delacroix‘ Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ von 1830

Foto: AKUD

Das Modekarussell dreht sich immer schneller – im Internet bieten manche großen Handelshäuser inzwischen alle zwei Wochen eine neue Kollektion an. Vor allem junge Kundschaft wird mit Fotos auf Instagram und Facebook geködert: Sich jedes Wochenende und bei jeder Party im neuem Outfit zu präsentieren, gilt als trendy. Die Arbeitsbedingungen, unter denen die Klamotten hergestellt werden, bleiben selbstverständlich ebenso unerwähnt wie die Folgen der immer größeren Materialschlacht für die Umwelt.

Damit wollte sich die angehende Kommunikationsdesignerin Tanja Hildebrandt nicht abfinden. Für Verzicht zu werben, erschien ihr allerdings unsinnig. „Aufklären allein reicht nicht, man muss auch attraktive Alternativen bieten“, ist sie überzeugt. Deshalb nutzte die 29-Jährige ihre Examensarbeit für ein Experiment. Zunächst studierte sie eingehend, wie H &M und Zara ihre Verkaufskampagnen aufbauen. Mit Unterstützung von Freunden und Modedesignerinnen entwickelte sie dann eine ähnliche Werbestrategie ihres vermeintlichen Handelshauses Momus und kündigte für zwei Monate später den Verkaufsstart an. Wer alte Sachen mitbringe, bekomme die Neuware billiger, so das Versprechen – auch das ein inzwischen beliebtes Lockmittel in der Branche.

Tatsächlich sahen sich die rund 50 Neugierigen bei der Veranstaltung in Berlin dann aber nicht mit neuem Fummel konfrontiert, sondern mit der Aufforderung, ihre mitgebrachten Sachen untereinander zu tauschen oder mit Hilfe von Fashion-Designerinnen aufzupimpen: Hier eine kleine Stickerei, dort die Hosenbeine abschneiden und mit einem bunten Band säumen oder das mitgebrachte T-Shirt mit einem coolen Siebdruck-Spruch versehen – schon entstanden ganz neue, individuelle Kleidungsstücke. „Erst haben die Leute sehr kritisch geguckt, aber dann haben viele ihre Kreativität entdeckt“, sagt Tanja Hildebrandt. En passent vermittelte sie den Besucherinnen des Events auch noch ein paar Infos über 15-Stunden-Tage und Hungerlöhne in asiatischen Nähfabriken und über den durch den Baumwollanbau ausgetrockneten Aralsee.

Für ihr Projekt wurde sie in diesem Jahr mit einer von drei „Spitzen Nadeln“ ausgezeichnet. Damit ehrt die Nichtregierungsorganisation Inkota Initiativen, die sich entschlossen und originell für mehr Gerechtigkeit und menschenwürdige Arbeitsbedingungen in der globalen Textilindustrie einsetzen. Denn um dort etwas zu ändern, braucht es vielfältige Ansätze – und einen langen Atem. Seit über einem Vierteljahrhundert arbeiten Gewerkschaften, Nichtregierungs-Organisationen (NRO) und kirchliche Gruppen gemeinsam an der Kampagne für saubere Kleidung; ver.di zählt zu den etwa 300 Mitgliedern.

Von der Baumwolle bis zum Bügel

Lange Zeit haben die Konzerne das Thema völlig ignoriert, dann versuchten sie, die Kundschaft mit unverbindlichen Selbstverpflichtungen zu beruhigen. 2013 brach dann die Fabrik Rana Plaza in Bangladesch zusammen, 1.135 Menschen verloren ihr Leben – und das, nachdem der TÜV-Rheinland den Betrieb wenige Wochen zuvor zertifiziert hatte. Solche Nachrichten stören das ungetrübte Einkaufserlebnis.

Für den Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Gerd Müller, CSU, war Rana Plaza der Anlass, das Textilbündnis ins ­Leben zu rufen. Zur Überraschung aller Beteiligten verlangte er von den Unternehmen, sich für eine grundlegende Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der gesamten Lieferkette von der Baumwolle bis zum Bügel einzusetzen. Zwar ist der Beitritt zum Bündnis freiwillig – aber wer mitmacht, muss Transparenz- und Berichtspflichten erfüllen, sonst fliegt er raus. Zunächst unterschrieben nur wenige Unternehmen. Viele Beobachter munkelten bereits, das ganze Projekt werde ein Rohrkrepierer. Doch inzwischen ist es gelungen, einen erheblichen Teil der Großen an Bord zu holen – von H &M und C &A über Hugo Boss, Adidas und Esprit bis hin zu Tschibo, Lidl, Kik und Aldi. Zugleich sind aber 63 Firmen auch schon wieder ausgestiegen oder wurden ausgeschlossen. Gegenwärtig repräsentieren die Beteiligten etwa 50 Prozent des deutschen Bekleidungsmarktes.

15-Stunden-Tage sind in Kambodscha eher die Regel als die Ausnahme

Foto: Mak Remissa / EPA / DPA

„Das Ganze ist ein mühsamer und zäher Prozess“, sagt Berndt Hinzmann von Inkota, der als einer von drei NRO-Vertretern im Steuerungsgremium sitzt. Das ist immerhin paritätisch besetzt: Ein Gewerkschafts- und drei NRO-Stühle stehen dort vier Plätzen für Verbände und Unternehmen gegenüber; außerdem gehören noch zwei Ministeriale dem zehnköpfigen Gremium an. Während die Wirtschaftsvertreter darauf drängen, verbindliche Zeit- und Mengenziele zu verhindern, und sich möglichst wenig in die Karten schauen lassen, verlangt die Gegenseite Transparenz, unabhängige Kontrollen und die Messung der Wirkung bestimmter Maßnahmen.

Im vergangenen Jahr war die Veröffentlichung einer „Roadmap“ – also konkreter Pläne zur Verbesserung der Lage in der ­eigenen Lieferkette – noch freiwillig, in diesem Jahr sind die beteiligten Firmen dazu verpflichtet. Die Frist wurde bereits bis August verlängert, von den 137 Mitgliedern haben nur 115 geliefert; weitere Ausschlüsse sind also absehbar. 2019 müssen dann die ersten Fortschrittsberichte vorgelegt werden. „Allerdings gibt es ­keine Pflicht, die jeweilige Ausgangslage zu dokumentieren“, kritisiert Gisela Burckhardt von Femnet, die ebenfalls als Vertreterin der Kampagne für saubere Kleidung in das Gremium gewählt wurde. Auch ist es noch nicht gelungen, Berechnungsgrundlagen für existenzsichernde Löhne im Bündnis zu verankern. Doch immerhin konnten Burckhardt und ihre Mitstreiter eine Systematik der vorzulegenden Dokumente durchsetzen, sodass sich die Firmen nicht mehr hinter lyrischen Formulierungen verstecken können.

Kommt der grüne Knopf?

Noch lassen sich kaum positive Effekte des Textilbündnisses auf die Arbeitsbedingungen für die 60 Millionen Menschen in der weltweiten Textil- und Bekleidungsindustrie erkennen. „Sollte es in nächster Zeit keine qualitativen und quantitativen Fortschritte geben, dann muss die Politik handeln und die Unternehmen gesetzlich verpflichten, auch in ihrem Auslandsgeschäft die Menschenrechte zu achten und Umwelt- und Sozialstandards einzuhalten,“ fordert Uwe Wötzel von ver.di. Doch weder auf Bundes- noch auf EU-Ebene zeichnet sich ab, dass sich hier endlich ­etwas tut. Minister Müllers Ministerium arbeitet an der Entwicklung eines „grünen Knopfes“, der sozial und ökologisch nachhaltig produzierte Kleidung kennzeichnen und bereits 2019 angenäht werden soll.

Seit Jahren bohren Gewerkschaften und NRO das dicke Brett deshalb an vielen Stellen an. 2016 startete die Initiative ACT, die der internationale Gewerkschaftsverband IndustrieALL ins Leben gerufen hat. Ihm war gelungen, Inditex, H &M, Tchibo, C &A und 13 weitere große Textilhändler zur Zusammenarbeit zu bewegen. Gemeinsames Ziel ist es, die Einkaufspraktiken in der Branche so zu verändern, dass die Lieferanten ihren Belegschaften existenzsichernde Löhne zahlen können. Dabei geht es nicht allein um den Preis für die Ware. Auch knappe Lieferfristen, kurzfristige Designänderungen und die Bonusstruktur von Einkaufsmanagern haben Anteil daran, dass die Bezahlung in den globalen Textilfabriken so katastrophal schlecht ist. Gegenwärtig betragen die Lohnkosten der Näherinnen durchschnittlich 0,5 bis 3 Prozent des Verkaufspreises. Schon mehrfach sind ACT-Delegationen in Produktionsländer gereist und haben sich dort mit Gewerkschaften, Unternehmen und Regierungsvertretern getroffen. Die Sorge dort ist groß, dass höhere Löhne Aufträge und damit Arbeitsplätze kosten. Gegen den Unterbietungswettbewerb im eigenen Land sind Flächentarifverträge ein gutes Mittel, versuchen die ACT-Mitglieder zu vermitteln. Darauf aber werden sich die Lieferländer nur dann einlassen, wenn sie im Gegenzug langfristige Zusagen über Einkaufsmengen bekommen. Würden große Einkäufer ihre Marktmacht nutzen und vermitteln, dass sie nur bei tarifgebundenen Unternehmen einkaufen und Länder mit Flächentarifverträgen bevorzugen, wäre das ein großer Schritt hinzu grundlegenden Änderungen.

Viele sind am Modekarussel beteiligt. Damit der Spaß am neuen Outfit bei uns nicht länger lebens- und gesundheitsgefährlich für die Beschäftigten auf den Baumwollfeldern und in den Textilfabriken bleibt, sind viele Hebel umzulegen.