AUSSTELLUNG

Im Innersten der Welt

Facing India

Man muss dieser Tage nicht unbedingt bis nach Indien reisen, um zu ­­sehen, dass Zeit verloren geht, um das Ruder zur besseren Seite umzu­legen. Überall auf der Welt steht irgendetwas auf dem Spiel. Indien wirkt da wie ein Labor, in dem sich heute teils abspielt, was morgen den Rest der Welt einholen könnte. In der Ausstellung Facing India im Kunstmuseum Wolfsburg sezieren jetzt sechs Künstlerinnen wie in einem Labor ihr Land, dass seit Jahren vor allem durch Umweltkatastrophen und grauenhafte Vergewaltigungen Schlagzeilen macht.

Eine der ausstellenden Künstlerinnen ist Vibha Galhotra. In Wolfsburg hat sie unter anderem eine Uhr aufgestellt. Niemand erkennt auf den ersten Blick, dass es sich bei der großen Schale mit schwarzer Flüssigkeit, in der eine kleine Schale mit einer ebenso dunklen Flüssigkeit schwimmt, um eine Wasseruhr handelt. Tatsächlich aber sehen alte indische Wasser­uhren so aus: ein Gefäß mit einer Öffnung am Boden in einem größeren mit Wasser gefülltem Gefäß. Durch die Öffnung dringt langsam Wasser ein, so dass es tiefer und tiefer sinkt und schließlich untergeht. Dann ist wieder ein Tag abgelaufen. Galhotras Schalen sind aber nicht mit Wasser, sondern mit fossilem Brennstoff gefüllt, was das Absaufen der kleinen Schale beschleunigt. Die Künstlerin, die in Delhi lebt, der Millionen-Metropole, die sich inzwischen ganzjährig unter einer dunklen Smogglocke befindet, will deutlich machen, dass die Zeit davonrennt. Dass Indiens Umwelt zu kollabieren droht.

Ist ihr Thema die grassierende Umweltverschmutzung, setzen sich Bharti Kher, Prajakta Potnis und Mithu Sen auf ganz unterschied­liche Weise mit der Situation der Frauen in Indien auseinander. Khers Gipsfiguren von nackten Prostituierten sprechen auch ohne Worte von der Lage vieler Frauen – so wie ihre „Blutspur“ aus roten Armreifen und der „Stille Raum“ aus Glasbausteinen, die ebenfalls aus roten Bangles entstanden sind. Bei Potnis ist es der häusliche Lebensraum, vor allem die Küche, den sie in Kühlschränken inszeniert und dann fotografiert. Und bei Mithu Sen das Geschlechterverhältnis, das sich in Installationen offenbart, in denen Blut, aber auch Zähne eine ­große Rolle spielen.

In die Wunde des geteilten Landes legt Reena Saini Kallat mit akribischen Zeichnungen und Installationen die Finger. Nicht nur ihre Weltkarte aus Wolle, Drähten und Lautsprechern spricht Bände. Sie bringt auf den Punkt, was Kallat im Katalog zur Ausstellung sagt: „Wir leben in einer Welt, die durch Kommunikation hochgradig vernetzt ist, und doch scheint die Kommunikation zu scheitern und uns in eine Art Chaos und Zwietracht zu führen.“ Indien in Wolfsburg, das zeigt, was das Innerste der Welt zusammenhält – und auch auseinanderbrechen lässt.       Petra Welzel

KUNSTMUSEUM WOLFSBURG, HOLLERPLATZ 1, BIS 7. OKTOBER, DI–SO 11–18 UHR


ScienceStation – Wissenschaft im Bahnhof

Bahnreisende Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene sollten derzeit die Augen offen halten, denn sie könnten ­etwas über ihre beruflichen Zukunftsmöglichkeiten lernen. Noch bis zum 27. September ist die ScienceStation 2018 an drei Hauptbahnhöfen zu erleben: in Frankfurt/Main, 21. bis 30. August, in Mainz, 4. bis 13. September, und in Köln, 18. bis 27. September. Thematisch orientiert sich die Ausstellung am Wissenschaftsjahr des Bundesministeriums für Bildung und ­Forschung, das sich 2018 dem Thema „Arbeitswelten der Zukunft“ widmet. Für Schüler/innen und Studierende ist oft noch nicht klar, welche beruflichen Möglichkeiten sie in ein paar Jahren haben werden, denn sie müssen sich immer im Heute für einen Berufseinstieg entscheiden. Die ScienceStation bietet Wissenschaft zum Anfassen und regt an, über die modernen Arbeitswelten von morgen nachzudenken. Dabei geht es um technische Innovationen, Berufswahl im Zeitalter der Digitalisierung, um krankmachende Risiken, um neu gewonnene Freiräume für Kunst, aber auch um Wünsche für die Zukunft. Der Eintritt ist frei. Marion Lühring


Liu Xiaodong: Lang­sa­me Heim­kehr

Der chi­ne­si­sche Ma­ler Liu Xiaodong ist ein bisschen der Neo Rauch Chinas. ­Jedenfalls, wenn man sich seine realistischen Gemälde ansieht, in denen er vermeintliche Alltagsituationen darstellt: Ausflüge, Menschen beim netten Bei­einandersein. Doch beim genauen Hin­sehen liegt dort auch mal ein toter Mensch, und so nett scheint man es dann doch nicht miteinander zu haben. Liu Xiaodong ist einer der Künstler, der 1989 zu den friedlich Demonstrierenden auf dem Platz des Himmlischen Friedens zählte. Dass er es heute mit seinen Bildern, Fotografien und Filmen zu einem Superstar der asiatischen Kunstszene gebracht hat, war nicht abzusehen, eckte er doch immer wieder mit dem politischen System in der Volksrepublik China an. Liu Xiaodong bil­det aber nur ab, was er sieht, und das ist auch im heutigen China nicht nur erfreulich. Zum ersten Mal ist nun eine große Retrospektive des Künstlers in Deutschland zu sehen, die vor allem Anhänger des Realismus nicht verpassen sollten.    
    Petra Welzel

KUNSTHALLE DÜSSELDORF, GRABBEPLATZ 4, BIS 19. AUGUST, DI–SO 11–18 UHR