Kino

Schauplatz Kreisverkehr

Sauerkrautkoma

Maibaumschändung, Sauerkrautüberdosis, verpatzte Heiratsanträge – der Eberhofer Franz steht mal wieder vor schweren kriminalistischen und kulinarischen Herausforderungen. Dem grantelnden Dorf­polizisten kommt eine Beförderung ins ungeliebte München in die Quere. Für ihn eine No-Go-Area. Dass er dort auch noch bei seinem Ex-Kollegen Rudi Birkenberger landet, macht die Sache nicht besser. Denn das bedeutet nicht nur Zweier-WG mit seinem Spezl, sondern hat noch ärgere Konsequenzen. Er landet bei seiner Widersacherin Thin Lizzy.

Die unerbittliche Beamtin ist seine neue Chefin. Und die nutzt das weidlich aus. „So, Kollegen, bitte mal her­hören, das ist der Franz Eberhofer aus Niederdingenskirchen,“ verkündet sie vor versammelter Belegschaft an seinem ersten Tag. „Wenn Sie also mal die Fähigkeiten eines eingeborenen Niederbayerns benötigen, als Dolmetscher oder Fährtensucher, dann wenden Sie sich vertrauensvoll an Herrn Eberhofer.“ Der ewigen Demütigung der Landbevölkerung durch die Städter entkommt dieser in wahrlich großstädtischer Manier. Brummelnd täuscht er die eigene Wichtigkeit vor und verschwindet schnell mit den Worten: „Ich muss leider los. Wichtiger Einsatz. Servus.“ Ja, und da ist sogar etwas dran. Denn der alte Opel Admiral seines Hippie-Vaters, der in Parka und Latzhose demonstrativ die späten Siebziger verkörpert, wurde geklaut. Ausgerechnet in ­München. Und als der Oldtimer endlich wieder auftaucht, liegt eine Frauenleiche im Kofferraum.

Dass alle Spuren seiner Ermittlungen in dem delikaten Fall zurück nach Niederkaltenkirchen führen, kann dem Eberhofer nur recht sein. Denn dort lässt sein ehemaliger Schulkamerad Karl-Heinz Fleischmann, früher der ­pickelige „Fleischi“, nun erfolgreicher Computerspezialist, nichts anbrennen. Schamlos macht sich der attrak­tive Sportwagenfahrer an seine langjährige On-Off-Freundin Susi ran. Und die würde sich so langsam mal ­einen Heiratsantrag und Nachwuchs wünschen. Klar, dass der Eberhofer mit dieser Situation endgültig überfordert ist. Auch wenn er es eher gemütlich mag, fehlt in keinem seiner Abenteuer Action. Und so kommt als Symbol für die wilde Freizone in der provinziellen Welt erneut der Schauplatz Kreisverkehr zum Einsatz. Skurrile Typen, staubtrockener Humor, niederbayerischer Charme und ein verzwickter Fall. Der fünfte bayerische Heimatkrimi nach der Vorlage von Bestsellerautorin Rita Falk entfaltet erneut ein hinreißendes Panoptikum von ­authentischen Charakteren. Bestes Kino aus Bayern, das sein Publikum mit Herz und Dialekt erreicht. Luitgard Koch

DEUTSCHLAND 2017. R: ED HERZOG D: SEBASTIAN BEZZEL, SIMON SC


Auf der Suche nach Ingmar Bergman

In die Gefühlswelten von Frauen, von ­denen viele seiner Filme handeln, konnte sich Ingmar Bergman gut einfühlen. Aber mitunter mutete der geniale Regisseur ­seinen Schauspielerinnen doch einiges zu. Am Münchner Residenztheater soll er bei niedrigen Temperaturen von 12 Grad geprobt haben. Dank solcher kaum bekannte Details gelingt Margarethe von Trotta ein aufschlussreicher dokumentarischer Beitrag zum 100. Geburtstag des großen Schweden. Dies auch dank persönlicher Betrachtungen von Künstler zu Künstler, die in Interviews und Gespräche mit anderen Weggefährten und Filmemachern eingeflossen sind. Die Abgründigkeiten in Bergmans Oeuvre kommen zwar in der Analyse ein bisschen kurz. Dafür gibt es spannende Einblicke in sein Privatleben. Er habe seinen ­Vater, der über seiner Arbeit die Familie vergaß, seit dessen Tod nie vermisst, gibt sein Sohn Daniel unverhohlen zu. Demnach versagte Bergman, wiewohl er mit psychoanalytischem Scharfblick die Traumata seiner eigenen Kindheit in seinen Dramen aufarbeitete, kläglich in der Rolle des Vaters.    Kirsten Liese

D 2018. REGIE: MARGARETHE VON TROTTA, MIT: LIV ULLMANN, DANIEL BERGMANN, GUNNEL LINDBLOM U. A., 98 MIN., KINOSTART: 12. JULI 2018


Zuhause ist es am Schönsten

Mit seinem fesselnden Porträt einer italienischen Großfamilie gelingt dem hollywooderprobten Regisseur Gabriele ­Muccino ein großer Wurf. Das turbulente Familiendrama leuchtet die ambivalenten Gefühle und mediterran-theatralischen Wesenszüge mit radikaler Tiefenschärfe aus. Lust, Liebe und Leidenschaft, inszeniert vor der traumhaften ­Kulisse der Vulkaninsel Ischia im Golf von Neapel und furios gespielt von einem exzellenten Ensemble, sorgen für Trubel beim Treffen zur goldenen Hochzeit. Am Anfang regiert Heiterkeit,  das italienische Dolce Vita verheißt ­Lebenslust. Alba und Pietro haben ihre komplette Großfamilie eingeladen. Eine harmonische Feier wünscht sich das Paar. Doch nicht selten kippt die Stimmung unter diesem Druck. Fassaden stürzen ein, Selbsteinschätzungen bröckeln, Geheimnisse brechen sich Bahn, Kämpfe werden ausgetragen. Schuld an dem Schlamassel ist nicht zuletzt ein Unwetter. Kein Schiff fährt. Die illustre Gesellschaft sitzt auf der Insel fest. Wie einst der italienische Altmeister Ettore Scola betrügt der römische Regisseur Muccino sein Publikum nicht um die Wirklichkeit.    Luitgard Koch

Italien 2017. R: GABRIELLE MUCCINO, D: STEFANIA SANDRELLI, IVANO MARESCOTI U. A., 102 MIN., KIN0START: 2. AUGUST 2018