Chemnitz

Chemnitz ist nicht grau und braun, sondern bunt – nach einer Woche voller hässlicher Bilder von hetzenden Rechten hat das Konzert unter dem Motto #wirsindmehr andere Zeichen gesetzt

Alle Fotos: Dominik Butzmann


65.000 Demokraten sind mehr. Nehmt sie endlich zur Kenntnis

Von Jenny Mansch

Das waren wohltuend andere Bilder, die am 3. September aus Chemnitz gezeigt werden konnten. Keine vom Hass verzerrten Gesichter künstlich aufgebrachter und aus allen Landesteilen herbeigekarrter Rechtsextremisten; keine Halsabschneide-Gesten in Richtung demokratischer Gegendemonstranten; keine Behinderung von Journalisten – und keine einzige Deutschlandfahne. Laut Angaben der ­Polizei gab es keine gewalttätigen Zwischenfälle.

65.000 Menschen muss man erstmal auf ein Bild bekommen

In nur vier Tagen und unter dem Eindruck der rechtsextremen Ausschreitungen der vorangegangenen Tage hatten die Toten Hosen aus Düsseldorf, Marteria aus Rostock, Kraftklub und Trettmann aus Chemnitz, K.I.Z. aus Berlin, Casper aus Extertal und Feine Sahne Fischfilet aus Mecklenburg-Vorpommern das Konzert für Daniel H. auf die Beine gestellt. Statt Eintritt zu verlangen, wurden Spendengelder gesammelt, deren eine Hälfte der Familie von Daniel H. zugute kommen wird, die andere Hälfte geht an antirassistische und zivilgesellschaftliche Initiativen in Sachsen. Zum Auftakt gaben einzelne Bandmitglieder eine Pressekonferenz, das Konzert begann mit einer Schweigeminute.

Währenddessen strömten die Leute zum Chemnitzer „Kopp“ , dem steinernen Karl Marx. Nur wenige Tage nach der AfD-„Trauerfeier“, bei der mit entblößtem Hinterteil und besagten Gesten des Getöteten, der Nazis nicht ausstehen konnte, „gedacht“ worden war. Die Demokraten boten dagegen ein friedlicheres, empathischeres Bild ihrer Heimatstadt. Sagenhafte 65.000 Teilnehmer, darunter neben den Chemnitzern auch viele eigens Angereiste, haben unter dem Motto #wir sind mehr beim Konzert gezeigt, wie die Mehrheit im Lande wirklich tickt. Es ist ein Signal, das endlich Beachtung finden muss.

Rocken gegen Rechts geht auch noch mit 50plus

Wir sind die Mehrheit, die sich nicht damit abfinden will, dass der Hitlergruß zur verhandelbaren Normalität wird und dass friedlicher, aber wehrhafter Protest gegen Rechts als kriminell und linksextremistisch diskreditiert wird. Da hatte sich im Vorfeld besonders CDU-Generalsekretärin Annegret Kamp-Karrenbauer hervorgetan. Sie schwang sich zu einer Rüge des Bundespräsidenten Steinmeier, SPD, auf, nur weil er den Aufruf zum Konzert auf seiner Facebook-Seite geteilt hatte. Vorwand war die angeblich linksextremistische Punkband Feine Sahne Fischfilet. Dabei hatte die CDU-Frau noch 2016 über ihren Besuch beim „Rocko del Schlacko“-Festival, bei dem auch Feine Sahne auftraten, „einfach nur wow!“ getwittert. Diese Begeisterung wundert Eingeweihte nicht. Schon Charly „Tatort“ Hübners Film „Wildes Herz“ über die Hintergründe der Band hatte 2017 den ver.di-Preis beim Dok-Leipzig Festival gewonnen.

Einfach mal unterstützen

Die 65.000 friedlichen Konzertbesucher in Chemnitz haben hingegen getan, was Außenminister Heiko Maas mit „vom Sofa hochkommen“ und „auf der Straße zeigen, dass wir die Mehrheit sind“ meinte. Die Besucher haben es geschafft, gemeinsam ein Gefühl wiederzubeleben, das viel zu lange vom rechten Geschrei übertönt worden ist. Das Gefühl von Zusammengehörigkeit durch die Kraft der Musik und mit der Aussicht auf Frieden statt Hass. Was diese Menschen aber auch künftig brauchen werden, ist Unterstützung im Alltag. „Wir kommen aus Chemnitz und werden noch in Chemnitz sein, wenn hier alle wieder abgereist sind!“, versichert Kraftklub-Sänger Felix Brummer („Ich will nicht nach Berlin“) unter großem Beifall und Schwenken von Regenbogenfahnen und goldenen Rettungsdecken.

Felix Brummer, der Initiator und Frontmann von Kraftklub

Zu einem kostenlosen Konzert samt gutem Zweck anzureisen ist das eine. Das andere ist, diesen frischen Wind des ­Widerstands zu bewahren, damit er in der Stadt eine bessere Atemluft für alle erzeugt. Damit Hausfrauen und Rentner sich nicht mehr bei Neonazis unterhaken müssen, sondern eine andere, aufrichtigere Form der Trauerarbeit kennenlernen, braucht es jetzt die Unterstützung durch Politik und Polizei. Beatrix von Storch (AfD) twitterte über das Konzert: „Ihr seid nicht mehr. Ihr seid Merkels Untertanen, ihr seid abscheulich – und ihr tanzt auf Gräbern. #wirsindmehr“. Mit diesem Totschlag-­Argument haben es nicht nur Chemnitzer Demokraten täglich zu tun. Deshalb: Zivilgesellschaftliche Projekte müssen wieder gefördert statt diskriminiert werden, die Gespräche mit den Bürger/innen von Chemnitz dürfen nicht abreißen. Und der Konzertmitschnitt dieses gemeinschaftsfördernden Abends gehört in die Prime Time der ARD.

Ein unschätzbares Kapital

Von wegen „Tote Hosen“

Denn eines hat die euphorisierende Stimmung und das sinnstiftende Zusammengehörigkeitsgefühl in Chemnitz gezeigt. Eine bessere Welt, als sie den Rechten vorschwebt, ist möglich. Und nein, die AfD bildet nicht den Willen der deutschen Mehrheit ab, im Gegenteil. Das war ein wichtiges und überfälliges Signal auch an die vielen, die sich weiterhin tatkräftig in der Flüchtlingshilfe engagieren und für Integration stark machen. An eine fröhliche, problembewusste und ansehnliche Jugend, die sich mit dem Kampf gegen Rechts von der Politik im Stich gelassen und entmutigt fühlte. Und an eine alternde Gesellschaft, für die sich demokratischer Widerstand mancherorts kaum noch ausgezahlt hat. Sie alle haben nun zu spüren bekommen, wovon Felix Brummer auf der Bühne gesprochen hat: Es tut gut zu wissen, dass man nicht alleine ist, und gut zu sehen, wieviel Gleichgesinnte tatsächlich da sind, um sich im täglichen Kleinkrieg mit Rechten gegenseitig zu helfen. Dieser andere Geist von Chemnitz ist ein unschätzbares Kapital, in das sogar Karl Marx investiert hätte.