Buchtipp

Die  Revolution von 1918 / 19 – Im November 1918 weigern sich die Matrosen der vor Wilhelmshaven liegenden Hochseeflotte, zum Gefecht gegen die Royal Navy auszulaufen. Die Niederlage der Deutschen im Ersten Weltkrieg ist für sie zu diesem Zeitpunkt klar absehbar, in anderen Städten an der Küste ist es bereits zu Aufständen von Arbeitern und Soldaten gekommen, sie haben Räte installiert. Sie erwarten den Waffenstillstand, die Abdankung des Kaisers. Am 9. November, nach der Abdankung, wurde gleich zwei Mal die Republik ausgerufen. Einmal die Deutsche Republik durch den Sozialdemokraten Philipp Scheidemann, dann, zwei Stunden später, die freie sozialistische Republik durch den Sozialisten Karl Liebknecht.

Für den Historiker Wolfgang Niess ist dies die „größte und erfolgreichste Massenbewegung in der deutschen Geschichte“. Daher trägt sein Buch über die Ereignisse nach dem Ende des Ersten Weltkriegs den Untertitel „Der wahre Beginn unserer Demokratie“. Als solcher werde sie in der ­Geschichtsschreibung jedoch nicht gewürdigt. Die Bewertung dieser Zeit sei in Deutschland der Stempel einer Dolchstoßlegende, der ihr in den Jahren 1933 bis 1945 aufgedrückt wurde.

Viele der Errungenschaften dieser Revolution sind heute selbstverständlich. Das Frauenwahlrecht zählt ebenso dazu wie die Verankerung von freiheitlichen und sozialen Grundrechten in der Verfassung, der Achtstundentag und die Tarifpartnerschaft zwischen Unternehmerverbänden und Gewerkschaften, Betriebsräte und die Mitbestimmung. Weil das vielen nicht mehr bewusst sei, hält Niess es für wichtig, die Sichtweise auf diese Zeit wieder auf eine andere Basis zu stellen.

Mit seinem Buch leistet er einen wichtigen Beitrag dazu. In 30 Kapiteln beschreibt er, gut lesbar, historisch fundiert, aber dennoch nicht wissenschaftlich verkopft, die Tage der Revolution im Winter 1918/19 und ihre unmittelbaren Folgen. Er zeigt, wie die Weimarer Verfassung entsteht, und führt auf, wie schon nahezu zeitgleich die Gegenrevolution in konservativen und nationalen Kreisen ihren Anfang nimmt. So bricht die Revolution zusammen, Deutschland ist ein tief gespaltenes Land. Der 9. November 1918 wird für die Nationalisten zu einem Symbol für das, wogegen sie antreten, was ihren Werten und Vorstellungen widerspricht. Insbesondere Adolf Hitler hat sich immer wieder darauf berufen, dass sich in Deutschland ein November 1918 niemals wiederholen werde.

Die Auseinandersetzung um die Neubewertung dieses Tages, dieser Zeit, lohne sich, findet Niess. „Die Revolution von 1918/19 gehört zu den Sternstunden der Freiheits- und Demokratiebewegung in Deutschland. Ihr verdanken wir die erste demokratische Republik“, sagt er.    hla

Wolfgang Niess: Die Revolution von 1918/19. Der wahre Beginn unserer Demokratie, Europa-Verlag, München, 465 Seiten, 24,90 €, ISBN 978-3958900745