Handel

Doppelte Chancen

Karstadt und Galeria Kaufhof werden eins, doppelte Standorte bieten da Chancen

Beim Zusammengehen von Karstadt und Galeria Kaufhof müssen endlich auch die Beschäftigten mit ihrem Sachverstand einbezogen werden

Foto: Christophe Gateau/dpa-Bildfunk

Von Gudrun Giese

Die Gerüchteküche brodelte seit Monaten, aber Gewissheit gab es erst am 11. September: Die beiden letzten verbliebenen Warenhausunternehmen Karstadt und Galeria Kaufhof gehen ein Joint Venture ein. Künftig werden sie gemeinsam vom bisherigen Karstadt-Chef Stephan Fanderl geführt. Die Signa-Holding (Karstadt) wird 50,01 Prozent, die Hudson’s Bay Company (Galeria Kaufhof) 49,99 Prozent am operativen Geschäft halten. Was sich sonst noch alles ändern wird für die insgesamt mehr als 30.000 Beschäftigten an 243 Standorten in Deutschland, Belgien und den Niederlanden, ist im Moment noch offen.

Die Mitarbeiter/innen jedenfalls sind in großer Sorge und fühlen sich von den Unternehmensleitungen im Entscheidungsprozess übergangen. Die Informationspolitik sei „unzureichend und führt zu mehr als schwierigen Situationen für die Beschäftigten“, stellten die Betriebsräte von Karstadt und Galeria Kaufhof in einer gemeinsamen Erklärung fest. Die Beschäftigten hätten von den Plänen zum Zusammengehen aus den Medien erfahren. Dadurch seien sie „in massive Zukunfts- und Existenzängste gestürzt“, heißt es in der Erklärung, hätten aber „trotzdem tagtäglich für die Kunden gute Arbeit“ geleistet.

Beschäftigte und Betriebsräte beider Warenhausunternehmen sind sich mit ver.di einig, dass beim Zusammengehen von Karstadt und Galeria Kaufhof der Sachverstand der Belegschaften einbezogen werden muss, vor allem auch beim Entwickeln dringend notwendiger neuer Konzepte. Und für die Betriebsräte steht fest: „Beide Warenhäuser haben ihren Platz in Deutschland. Sogenannte Doppelstandorte sind doppelte Chancen und decken ein breiteres Kundenspektrum ab.“ Es dürfe keine Verschmelzung der beiden Unternehmen geben. „Effizienzgewinne“ daraus würden nämlich Verzicht auf Umsatz und Wachstum bedeuten. Nötig seien Investitionen und keine weiteren Kostensenkungsprogramme.

Krise durch Missmanagement

Tatsächlich sind sowohl Karstadt als auch Galeria Kaufhof in den zurückliegenden Jahren nach der Übernahme durch Investoren durch umfangreiches Missmanagement in die Krise gestürzt worden. Bei Karstadt zeichnete sich der Niedergang bereits vor rund 15 Jahren ab und zog nach mehreren Leitungs- und Inhaberwechseln Häuserschließungen und enormen Personalabbau nach sich. Eine Zahl: In den besten Zeiten waren in den Karstadt-Warenhäusern mehr als 100.000 Menschen beschäftigt. Heute sind es noch etwa 12.000. Nach dem letzten Eigentümerwechsel hin zur Signa-Holding des österreichischen Immobilieninvestors René Benko Ende 2014 wurde radikal umstrukturiert; die aus den hochrentablen Häusern KaDeWe, Alsterhaus und Oberpollinger bestehende Luxussparte etwa gesellschaftsrechtlich komplett vom Rest getrennt.

Immerhin konnte ver.di Ende 2016 einen Tarifvertrag zur Standort- und Beschäftigungssicherung sowie schrittweisen Rückkehr in den Flächentarifvertrag für die Karstadthäuser abschließen. Unter Voreigentümer Nicolas Berggruen hatte Karstadt 2013 die Tarifbindung aufgekündigt. Karstadt-Chef Stephan Fanderl baute seit der Übernahme durch Signa rund 2.000 Stellen ab und vergab Teile der Verkaufsflächen an Unternehmen wie Aldi, dm oder Apollo-Optik. Mit dieser Strategie schaffte er im Geschäftsjahr 2016/17 erstmals nach zwölf Jahren einen Gewinn in Höhe von 1,4 Millionen Euro.

Die Warenhauskette Galeria Kaufhof galt im Unterschied zu Karstadt bis zum Verkauf im Herbst 2015 von der Metro AG an die kanadische Hudson’s Bay Company (HBC) als kerngesund. HBC verfolgte jedoch ein Konzept, das auch schon bei Karstadt verheerend gewirkt hatte: Die übernommenen 59 Warenhaus-Immobilien wurden gesellschaftsrechtlich vom Warenhausgeschäft getrennt. Die Kaufhäuser mussten ständig steigende Mieten und Investitionsrücklagen erwirtschaften. Umsätze und Gewinne der Galeria Kaufhof-Häuser verfielen rasant – und die wechselnden Leitungskräfte in Deutschland, die sich gemeinsam durch Missmanagement hervorgetan haben, wollten vor allem bei den Beschäftigten sparen. Bis zum Frühsommer dieses Jahres verhandelte ver.di mit dem Unternehmen über ein tragfähiges Zukunftskonzept sowie einen Sanierungs- und Beschäftigungssicherungstarifvertrag.

Sicherheit fordern die Beschäftigten und ihre Betriebsräte auch zum Start des neuen Gemeinschaftsunternehmens. Die Tarifbindung sei „zwingende Voraussetzung für die Zusammenführung“, heißt es in der gemeinsamen Erklärung der Betriebsräte. „Wer für Milliarden Unternehmen kaufen kann, muss auch Geld für seine Beschäftigten haben.“ Zunächst muss aber noch das Bundeskartellamt entscheiden, ob das Joint Venture wie geplant zulässig ist.