Radio Hamburg

Die von sich hören machen

Die Beschäftigten fordern einen Tarifvertrag. Eine erste Betriebsvereinbarung konnten sie schon erfolgreich abschließen

Radioverrückt, aber nicht betriebsblind – Erfolgsbeteiligung gefordert

Foto: ver.di Hamburg

Hamburg – Sie sorgen an sieben Tagen in der Woche für gute Unterhaltung. Die aktuell 37 Beschäftigten, die bei Radio Hamburg arbeiten, bezeichnen sich selbst als radioverrückt. An ihre Arbeit haben sie einen hohen Anspruch, erreichen über eine Million Hörer/innen am Tag und haben allein 2016 insgesamt 5,75 Millionen Euro Gewinn erwirtschaftet. Doch an diesem Erfolg werden sie nicht beteiligt.

2003 schon hatte sich der Sender aus dem Tarifvertrag verabschiedet, seitdem gab es keine Entwicklung der Gehälter mehr, die zumindest einen Inflationsausgleich hergestellt hätte. Dabei leisten, wie in vielen anderen Unternehmen auch, immer weniger Mitarbeiter/innen immer mehr.

Die dju, die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union in ver.di, und der DJV (Deutscher Journalisten-Verband) ­haben Radio Hamburg deshalb zu Tarifverhandlungen aufgefordert, die die Geschäftsführung bisher kategorisch verweigert. Laut einem Bericht des Hamburger Abendblattes vom 19. Juli 2018 hält die Geschäftsführung „politische Tarifverträge in Zeiten der Digitalisierung ... für nicht mehr zeitgemäß“. Deswegen gingen die Beschäftigten mit Unterstützung der dju und dem DJV in die digitale Offensive: Mit einem eindringlichen ­Video auf ihrer Internetseite wirsindradiohamburg.de fordern sie einen Tarifvertrag.

Die Reaktion des Senders kam spät, aber deutlich. Er forderte von den Gewerkschaften eine Unterlassungserklärung, da er durch die Website-Domain seine Markenrechte verletzt sah. Das Eilverfahren vor dem Arbeitsgericht hat der Sender jedoch am 26. September verloren. Die Webseite ist weiterhin in Betrieb. Der Sender versucht nun mit einer eigenen Webseite (www.wirsindradiohamburg.de), die Argumente der Belegschaft zu entkräften.

Offener Brief an die Gesellschafter

Mit einem Brief an die Gesellschafter Axel Springer Verlag AG, RTL Group, ­Heinrich Bauer Verlag KG, Lühmanndruck Harburger Zeitungsgesellschaft mbH & Co.⁠KG und die Morgenpost Verlag GmbH legten die Beschäftigten nach: „Nachdem unsere Bemühungen um Anpassungen erfolglos waren, haben wir die Tarifforderung gestellt. Das daraufhin ergangene Angebot einer Betriebsvereinbarung liegt deutlich unterhalb des Tarifvertrags­niveaus. Damit sind wir angesichts der hervorragenden wirtschaftlichen Lage von Radio Hamburg nicht einverstanden. Wie der Gesetzgeber es vorsieht, fordern wir einen fair verhandelten Haustarifvertrag, vereinbart zwischen Verhandlungspartnern, die auf Augenhöhe agieren. Dafür steht unsere Tarifkommission bereit.“

Eine Antwort kam vom Gesellschafter Christoph Falke, Head of Portfolio TV/Radio bei Axel Springer: „Wir wissen Ihren Einsatz und Ihre Leidenschaft für Radio Hamburg sehr zu schätzen, allerdings lehnen wir – genauso wie die Geschäftsführung – den Abschluss eines Tarifvertrages ab.“ „Der Sender fährt seit Jahren hervorragende Ergebnisse für die Gesellschafter ein. Wer in einem Cash Call 50.000 Euro an seine Hörer/innen verschenken kann, der sollte seinen Beschäftigten auch den Branchentarif zahlen können“, sagt Lars Stubbe, der zuständige ver.di-Gewerkschaftssekretär.

Ein erster Erfolg

Immerhin: Die gewerkschaftliche Organisierung hat einen ersten Erfolg gezeitigt. Die Beschäftigten konnten in der Einigungsstelle eine bessere Betriebsvereinbarung durchsetzen: Danach erhalten alle Beschäftigten eine Gehaltserhöhung von 250 Euro, Teilzeitkräfte entsprech­end anteilig, eine Einmalzahlung von 1.000 Euro für 2018, die Arbeitszeit wird von 38 auf 37,5 Stunden reduziert, und alle Volon­tär/innen bekommen monatlich einen Mietkostenzuschuss in Höhe von 200 Euro. Die Stundensätze der Freien sollen an­gehoben werden. Die Sicherheiten des Tarifvertrags für den Privaten Rundfunk wie Zeitzuschläge, Nachwirkung bei Kündigung, regelmäßige Gehaltssteigerungen, Jahresleistungen, betriebliche Altersversorgung und anderes bietet dies aber nicht.

Darüber hinaus wird der Rückstand auf den bestehenden Branchentarif für den Privaten Rundfunk auch nach 15 Jahren nicht ausgeglichen. Die Unterschiede können immer noch mehrere hundert Euro betragen.

Über drei Viertel der Belegschaft von Radio Hamburg sind gewerkschaftlich organisiert und es sind viele Möglichkeiten offen, auch einen Tarifvertrag zu erreichen. Den nötigen langen Atem dafür haben sie, die Radiomacher/innen genauso wie ihre Gewerkschaft.

Weitere Infos auf mmm.verdi.de und auf wirsindradio.hamburg