Frauengeschichte

Nichts ist unmöglich

Seit 17 Jahren gibt Gisela Notz den Kalender „Wegbereiterinnen“ heraus, um bedeutende Frauen vorzustellen, die von den Geschichtsbüchern ignoriert werden. Nun ist zum Kalender ein beeindruckendes Nachschlagewerk hinzugekommen

Von Ulla Lessmann

Vor genau 100 Jahren wurde das Frauenwahlrecht eingeführt – aber natürlich nicht einfach „eingeführt“, genauso wenig wie der Acht-Stunden-Tag oder die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall vom Himmel gefallen sind. All das musste hart erkämpft werden, Frauen auf der ganzen Welt hatten für ihr Recht auf Wahlen jahrzehntelang gekämpft, im Gefängnis gesessen, waren verfolgt und geächtet worden. Wesentlich später erst haben Frauen in der alten Bundesrepublik das Recht erlangt, ein eigenes Konto zu eröffnen, nämlich erst 1962! Sie galten zudem bis 1969 als nicht geschäftsfähig und durften dort bis 1977 ohne die Zustimmung ihrer Ehemänner nicht arbeiten. Elisabeth Selbert, eine der vier „Mütter“ des Grundgesetzes, musste für die Aufnahme des schlichten Satzes „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ ins Grundgesetz massiven Widerstand auch ihrer eigenen Genossen überwinden. ­Elisabeth Selbert gehört inzwischen zu den nach wie vor vergleichsweise wenigen wirkmächtigen Frauen, die von Frauengeschichtsforscherinnen aus dem Vergessen geholt wurden. Nach ihr sind Schulen und Straßen benannt, ihre Lebensgeschichte ist gut dokumentiert von Frauen, die nicht hinnehmen wollten, dass ­ihre Wegbereiterinnen in Geschichtsbüchern nicht vorkommen, ihre Errungenschaften und ihre Kämpfe vergessen und verschwiegen wurden – und häufig genug immer noch werden.

Raus aus dem Verborgenen

Vor 17 Jahren haben die Sozialwissenschaftlerin Gisela Notz, eine der renommiertesten feministischen Forscherinnen Deutschlands, und zahlreiche Mitstreiterinnen deshalb erstmals den Kalender „Wegbereiterinnen“ aufgelegt, der jeden Monat in Bild und Text eine dieser Frauen vorstellt. Nun hat Notz unter demselben Titel ein großartiges Nachschlagewerk herausgegeben, das 192 Frauen vorstellt, deren Wirken und Leben nicht mehr im Verborgenen bleiben sollen. Historikerinnen und Historiker stellen auf jeweils einer Textseite die Frauen vor: Politikerinnen, Gewerkschafterinnen, Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen, Sozialarbeiter­innen, Architektinnen, Widerstandskämpferinnen, Friedenskämpferinnen, Schriftstellerinnen.

Beispielsweise Jeanette Schwerin (1852–1899), die sich für die Ausbildung von Sozialhelferinnen einsetzte, damit nicht nur „aus dem guten Herzen heraus“ geholfen, sondern soziale Arbeit fachlich fundiert ausgeübt wurde. Sie leitete die Kommission für Arbeiterinnenschutz im „Bund Deutscher Frauenvereine“ und „votierte ebenso entschieden wie erfolglos für das Zusammengehen von bürgerlichen und sozialistischen Frauen“. Als erste bürgerliche Frauenrechtlerin wurde sie mit einer Gewerkschaftsfahne über ihrem Grab geehrt.

Oder die österreichische Wider­standskämpferin, Gewerkschafterin und ­Sozialdemokratin Rosa Jochmann (1901–1994), die im KZ litt und später – nach Adelheid Popp – die zweite Frau im SPÖ-Parteivorstand wurde.

Beispielsweise Wilhelmine Kähler (1864–1941), ­eine der ersten Gründerinnen sozialistischer Frauenvereine überhaupt und Mitbegründerin des Fabrik- und Hausarbeiterinnenverbandes, zudem 1892 bis 1898 das ­einzige weibliche Mitglied in der „Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands“, Mitbegründerin der Arbeiterwohlfahrt, Reichstagsabgeordnete der SPD. Herausgeberin Gisela Notz sagt: „Ich will mit diesem Projekt vor allem zu Unrecht vergessene Frauen aus der emanzipatorischen ‚alten’ Frauenbewegung bekannt machen. Aus ihren Biografien kann man lernen, dass es schwer ist, gegen den Strom zu schwimmen, aber nicht unmöglich. Angesichts von Rechtsruck, Nationalismus, Rassismus, Sexismus, Antifeminismus, Antisemitismus, Gewalt und Kriegstreiberei ist das heute, über hundert Jahre später, notwendiger denn je.“

Das Buch ist eine Schatzkiste für alle, die wissen wollen, welchen Frauen wir unsere Errungenschaften zu verdanken haben, und selbst für Leserinnen und Leser, die sich schon länger mit den Kämpfen von Frauen beschäftigen, eine wahre Fundgrube. Hilfreich sind ein Register der Porträtierten mit Lebensdaten und Literaturangaben sowie ein Register der ­Autor/innen.


Gisela Notz (Hg), Kalender 2019: Wegbereiterinnen XVII, AG SPAK Bücher, Neu-Ulm, DIN A 3-Format mit 12 Wegbereiterinnen der emanzipatorischen Frauenbewegung, 14,50 €. Postkartenset mit den Frauenporträts des Kalenders 9 €

Gisela Notz (Hg.), Wegbereiterinnen. Berühmte, bekannte und zu Unrecht vergessene Frauen aus der Geschichte, AG SPAK Bücher, Neu-Ulm 2018, 428 S., 24 €