Ryanair

Die trauen sich was

Wie sich Beschäftigte der ausbeuterischen Billigfluglinie erfolgreich bessere Löhne und Schutz erkämpfen

Es war vielleicht ihr letzter Ryanair-Flug von und nach Bremen, aber die Kabinenbeschäftigten des Billigfliegers lassen sich nicht länger billig abspeisen

Foto: Kay Michalak / Fotoetage

Von Marion Lühring

Einträge in der Personalakte, nach Dublin zur Zentrale zitiert oder gar entlassen werden – die Ryanair-Beschäftigten nehmen viel auf sich, damit am Ende der angepeilte Tarifvertrag steht. Eine von ihnen ist Karin Lange aus Bremen. Die gebürtige Argentinierin ist seit 2006 bei Ryanair beschäftigt, anfangs in London, seit 2009 in Bremen. Glücklich ist sie vor allem über die erreichten Sozialplanzusagen. „Ich freue mich sehr, dass Ryanair endlich mal etwas zu unseren Gunsten unterschrieben hat. Ohne ver.di hätten wir das nie hinbe­kommen.“

Die Beschäftigten können stolz auf sich sein. Sie haben in einer denkbar schwierigen Situation ihren Arbeitgeber herausgefordert und nicht aufgegeben. Philipe M., der gebürtige Berliner mit spanischen Wurzeln, spricht vier Sprachen fließend (Name und Herkunft geändert) und arbeitet seit drei Jahren bei Ryanair. Der Gewerkschaft ver.di ist er beigetreten, weil er bei den Arbeitsbedingungen mitbestimmen will. Er findet, die Beschäftigten haben sich mit den Streiks nicht nur bessere Löhne, sondern auch Gerechtigkeit erkämpft. Auf einem seiner letzten Flüge waren vier Flugbegleiter mit vier verschiedenen Verträgen und unterschiedlichen Einkünften an Bord: Chefsteward, Flugbegleiter Junior und zwei Begleiter mit Agenturverträgen. „Wenn wir einen Tarifvertrag haben, ist es fairer.“

Ein starkes Stück

10.000 Beschäftigte hat die irische Fluglinie, davon rund 1.000 in Deutschland. Die meisten von ihnen, schätzungsweise 70 Prozent, haben Leiharbeitsverträge bei den irischen Leiharbeitsfirmen Crewlink und Workforce. Wer negative Einträge kassiert, zum Beispiel durch Krankheit, Fehlverhalten oder durch Streik, bekommt keine Verlängerung. Die Bezahlung ist schlechter als bei der Konkurrenz, die Löhne liegen durchschnittlich um 1.000 Euro niedriger. Wer deshalb streikt, wird fotografiert und als „nicht zur Arbeit erschienen“ geführt. Einladungen zu Meetings in Dublin sind keine Geschäftsessen, sondern dienen dazu, die Beschäftigten mündlich abzumahnen, wenn sie mehrere Einträge in der Personalakte gesammelt haben.

Karin Lange musste schon einmal zu so einem „Meeting“. Die Flugbegleiterin berichtet von Willkür und systematischen Schikanen. „Mal war dem Supervisor der Nagellack zu dunkel. Mal war er zu hell. Und mal haben wir nicht genug an Bord verkauft. Alles genügte, um negative Einträge zu sammeln.“ Als Karin Lange das zweite Mal krank wird und einen zusätzlichen negativen Eintrag erhält, weil sie ­einen Bereitschaftsanruf verpasste, muss sie nach Irland. „Der Streik stand bevor. Da haben sie mich in die Zentrale gerufen, damit ich schon vorher eingeschüchtert war“, glaubt sie.

Mit welcher Härte Ryanair Streiks ahndet, zeigt auch das Schließen der Basis in Bremen. „Ausgerechnet der Standort mit der größten Streikbereitschaft“, sagt Philipe. Offiziell ging es zwar um den gestiegenen Ölpreis und wirtschaftliche Fragen, doch Ryanair ließ keine Gelegenheit aus, die Beschäftigten zu drangsalieren. Eine Bremer Ryanair-Mitarbeiterin, die unerkannt bleiben möchte, sagte nach dem letzten Ryanair-Flug mit der Nummer FR6662 von Fuerteventura nach Bremen, sie habe in ihrer Laufbahn schon so viele Drohungen von Ryanair erhalten, da habe sie erst nicht geglaubt, dass die Basis geschlossen wird.

Der Bremer ver.di-Bezirksgeschäftsführer Markus Westermann weiß von weiteren Beschäftigten, denen das Unternehmen mit der Schließung der Basis gedroht habe, wenn sie streiken. Und Philipe hat in Portugal erlebt, dass nach einem Streik nur die befördert wurden, die nicht gestreikt haben.

Weg frei für den ersten Tarifvertrag

Damit die unternehmerische Willkür bei Ryanair aufhört, sind immer mehr Beschäftigte in ver.di eingetreten und haben für bessere Arbeitsbedingungen gestreikt. Eckpunktevereinbarungen haben schließlich den Weg für den ersten Tarifvertrag für die Flugbegleiter*innen in Deutschland freigemacht. Er wird für mehr Fairness sorgen, denn auch Leiharbeitnehmer*innen, die bislang die schlechtesten Verträge hatten, sollen unter diesen Schutz kommen. Die Laufzeit soll bis März 2021 gehen. „Danach wird wieder verhandelt“, sagt Philipe.

Ihm selbst gehe es bei allem ums Menschliche. „Der Sozialplan war für uns eine Überraschung. Wir haben damit etwas sehr Großes erreicht“, sagt er. Die Abfindungsregelungen bei Stationsschließungen oder Reduzierung von Flugzeugen sollen rückwirkend und damit auch in Bremen gelten. Die Beschäftigten bleiben im Unternehmen. Philipe hofft zudem, dass mit der Schließung noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. „Wenn im Sommerplan Flüge morgens um 6 Uhr gehen, dann ist das nur von einer Bremer Basis aus möglich.“

Ein besonderer Erfolg ist auch die Umstellung der Verträge auf deutsches Arbeits- und Sozialrecht, wie ver.di-Bundesvorstandsmitglied Christine Behle betont. Künftig erhalten die Flugbegleiter*innen unter anderem Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall und fallen unter den deutschen Kündigungsschutz. „Das alles konnte nur durch den besonderen Mut der Beschäftigten erreicht werden, die trotz größter Widrigkeiten und Probleme für ihre Rechte gekämpft haben. Das verdient die größte Bewunderung“, sagt Behle.

Für Karin Lange wird Ryanair trotzdem nicht die Zukunft sein. Sie muss jetzt entscheiden, ob sie nach Frankfurt am Main wechselt oder das Unternehmen verlässt. Eine schwierige Wahl, da sie gerade vor wenigen Wochen ihren Lebensgefährten verloren hat und sich die Wohnung in Bremen allein nicht leisten kann. „Ich muss jetzt schnell eine neue Arbeit in Bremen finden“, sagt sie. Ohne die Aussicht auf die erstrittene Abfindung würde sie verzweifeln.

Hoffnung auf Verlängerung bei Ryanair in Bremen hat sie momentan nicht, solange die Abflüge noch aus dem Sommerflugplan gestrichen sind. Auf den ersten Tarifvertrag bei Ryanair ist sie trotzdem stolz: Alle würden profitieren. Und noch sei auch nicht entschieden, ob sie nicht doch nach Frankfurt gehe.

Guardians der Lüfte

In der Tarifauseinandersetzung blieb auch die Politik nicht untätig. So gab es zahlreiche prominente Patinnen und Paten, die für einen ungestörten Verlauf der Tarifverhandlungen sorgten. Zu den über vierzig „Guardians der Lüfte“ zählt der stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel. Er begründete sein Engagement damit, dass die Geltendmachung von Arbeitnehmerinteressen in Deutschland geschützt sei: „Der Zusammenschluss in Gewerkschaften und Verbänden und der Arbeitskampf haben hier Verfassungsrang.“ Und Bernd Riexinger, Vorsitzender der Partei Die Linke betonte: „Es kann nicht angehen, dass internationale Konzerne ihre Profite durch Lohndumping auf dem Rücken der Beschäftigten machen.“ Nur ein Tarifvertrag könne nachhaltige Verbesserungen und gleichwertige Arbeitsbedingungen für alle Flugbegleiter*innen bei Ryanair in Deutschland sicherstellen.

Betriebsrat fliegt bald mit

Künftig kann fliegendes Personal uneingeschränkt einen Betriebsrat gründen. Das hat nach dem deutschen Bundeskabinett nun auch das Parlament beschlossen. Bis zuletzt hatte Ryanair das Recht auf einen Betriebsrat verweigert. Nun wird das Betriebsverfassungsgesetz geändert und eine aus den 70er Jahren stammende und heute störende Regelung in Paragraf 117 gekippt. Dieser Paragraf sah Betriebsräte für Flugbegleiter*innen nur dann vor, wenn das ausdrücklich in einem Tarifvertrag vereinbart war. Das aber ist in Zeiten von Billigfliegern, schlecht bezahlten Arbeitsplätzen und international rekrutiertem Personal utopisch, wie an Ryanair sichtbar wird.

Betriebsräte über mehrere Standorte hinweg dürften hingegen kein Problem sein, da sich die Flugbegleiter*innen sowieso schon mit Hilfe von Smartphones und Internet austauschen. Auch Karin ­Lange ist dabei. „Wir kommunizieren über Facebook-Gruppen.“ Mit dem Parlamentsbeschluss können sich Ryanair und alle ­anderen Billigflieger, die prekär beschäftigen und bezahlen, nicht mehr gegen Betriebsräte wehren. Am 1. Mai 2019 gilt die neue Regelung. „Dann wird gewählt“, sagt Philipe.

 

Schutz und mehr Geld

Neben den Sozialplanregelungen sieht die Tarifeinigung für die Beschäftigten bei Ryanair und den Leiharbeitsfirmen ­eine deutliche Erhöhung des Grundge­haltes sowie weitere Entgeltsteigerungen vor. Künftig soll es für jede*n Flugbegleiter*in eine Mindeststundengarantie von 600 Stunden geben. Das Grundgehalt soll um 600 Euro steigen. Zusätzlich soll es eine weitere Gehaltserhöhung von 200 bis 250 Euro im Monat geben. Beispielsweise soll eine Flugbegleiterin, die bislang 825 Euro Grundgehalt erhielt, künftig rund 1.420 Euro Grundgehalt ­bekommen. Mit den zusätzlichen Entgelterhöhungen erreicht sie am Ende der Laufzeit bis 2021 rund 1.650 Euro Grundgehalt. Dazu kommen noch Zulagen- und Flugstundenvergütungen, sodass sie insgesamt auf rund 2.300 Euro kommen wird.