Mein Arbeitsplatz

Eiskalt abserviert

Rainer Junghans (56), Drucker in der von Schließung bedrohten LVZ-Druckerei in Leipzig-Stahmeln

Ich drucke seit 1992 die Leipziger Volkszeitung (LVZ). Als ich eingestellt wurde, war das neue Druckereigebäude noch nicht fertiggestellt – wir arbeiteten auf einem Gelände mit Redaktion und Verlag mitten in der Stadt. Wie das eben damals üblich und sinnvoll war. Die feierliche Eröffnung der neuen LVZ-Druckerei in Stahmeln habe ich miterlebt – Helmut Kohl war da sogar zu Gast und die halbe Stadt war auf den Beinen. ­Dieser neue Druckbetrieb war das Modernste, was es damals im Zeitungsdruck gab. Heute ist er offenbar Schrott, und das Gelände wird bald zur Industrieruine.

Ursprünglich bin ich gelernter Agrotechniker, habe aber nach meiner Armeezeit im ­Dekordruck gearbeitet und meinen Facharbeiter als Drucker gemacht. Dann kam die Wiedervereinigung und es war absehbar, dass der veraltete Betrieb bald geschlossen werden würde. Aber ich konnte einen Jobverlust nicht riskieren, musste Geld verdienen, denn in der Zwischenzeit hatte ich eine Familie gegründet. Es waren für mich die zwei härtesten Jahre, als ich zwischen meinem Arbeitsplatz in der Nähe von Coburg und Leipzig pendelte, meine Frau und die drei kleinen Kinder nur am Wochenende sah. Ich habe die Strecke zurück zum Arbeitsplatz oft unter Tränen absolviert. Ein ­großes Glück war es da, als ich den Job bei der LVZ-Druckerei in Leipzig bekam, besiegelt mit einem Händedruck des damaligen Druckereileiters. Das habe ich die letzten 26 Jahre lang immer im Hinterkopf gehabt und im harten Schichtbetrieb mein Bestes für diesen Betrieb gegeben.

Es geht nicht allein um den Job

Die Arbeit habe ich immer gern gemacht – das fällt leicht in einer verschworenen Gemeinschaft, wie wir sind. Die meisten meiner Kollegen sind schon so lange dabei wie ich; wir sind wie eine große Familie. Es war hart, die immer wiederkehrenden ­Personalabbau-Wellen auszuhalten. Wir haben in den letzten Jahren auf Lohn ver­zichtet, um die Arbeitsplätze unserer Druckhelfer zu sichern – jetzt werden wir eiskalt abserviert. Und die Kollegen aus der Weiterverarbeitung wurden erst ausgegliedert und sollen nun Ende nächsten Jahres wie Bettler vom Hof gejagt werden.

Unseren Arbeitgeber interessiert es nicht, wie unser Leben dann weitergeht. Um den Job allein geht es gar nicht – mein soziales Umfeld ist futsch. Ich kann von Glück ­sagen, dass meine zweite Heimat bei den Keglern vom TSV Rot-Weiß 90 Brandis ist und mich mein Ehrenamt als Jugendtrainer ausfüllt. Das wird helfen, wenn im beruf­lichen Bereich alles wegbricht.

Ich bin einfach enttäuscht darüber, dass offenbar nur noch Profit-Kennzahlen entscheidend sind und die Menschen keine Rolle mehr spielen. Ich werde jetzt nicht mehr verzichten und gemeinsam mit meinen Kollegen den Lohn fordern, der uns eigentlich zusteht. Und wenn es nur für das allerletzte Jahr ist.

Protokoll: Gundula Lasch
Foto: Martin Jehnichen

 

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