Kampagne

Das lässt sich regeln

Überirdisch viel Arbeit, unterirdisch wenig Gehalt: ver.di macht sich stark gegen entsicherte und entgrenzte Arbeit

Oft bis halb 4 Uhr nachts vor dem Rechner: Grafik-Designer Jens Hansen

Fotos: Jelca Kollatsch

Jens Hansen ist selbstständiger Grafik-Designer. Sein Büro ist das heimische Wohnzimmer. In schlechten Monaten reicht sein Umsatz gerade für die Miete. „Der Druck geht an die Substanz“, sagt er. Karin Henzel hat einen Doktortitel und ist Lehrkraft für besondere Aufgaben (LfbA) an der Uni Oldenburg. Sie arbeitet sehr viel für sehr wenig Geld. Lehrkräfte für besondere Aufgaben hangeln sich meistens von Befristung zu Befristung – und das meist auf halben Stellen. „Wir alle sind überlastet und unfair bezahlt – Weiterqualifizierung bleibt zeitlich unmöglich, der Job ist eine Sackgasse“, sagt Henzel. Das sind nur zwei Beispiele für den Wandel der Arbeitswelt. Doch entgrenzte Arbeit (die Grenzen zwischen Privat- und Berufsleben verschwimmen) und entsicherte (also unsichere) Arbeitsverhältnisse sind inzwischen an der Tagesordnung. ver.di Niedersachsen-Bremen macht diesen Wandel deshalb zum Thema einer breit angelegten Kampagne unter dem Motto „Arbeit? #abersicher“.

Selbstausbeuter?

Jens Hansen hat den Schritt in die Selbstständigkeit noch nicht bereut. Ein Bandscheibenvorfall sorgte dafür, dass er ­seinen Job bei einer Werbeagentur in Hannover verlor. Sein eigener Chef zu sein, sein Leben selbst bestimmen zu ­können – das gefiel ihm. Ist er ein Selbst-Ausbeuter? „Oft bis halb 4 Uhr nachts vor dem Rechner zu sitzen, das ist natürlich nicht gesund”, sagt Hansen. Zwei Jahre, dachte er, brauche man, um seine Kunden zu erziehen. Die Hälfte davon ist rum, inzwischen glaubt er nicht mehr an geregelte Arbeitszeiten, wenn er am Markt bestehen will. Er layoutet Print-Produkte für kleinere Auftraggeber*innen in ganz Deutschland. In guten Monaten passt es, in schlechten weiß er nicht, wie er über die Runden kommen soll.

Karin Henzel erhält zwar jeden Monat das gleiche Geld, wenn es auch viel zu wenig ist. Sie arbeitet in der Lehre und bei Prüfungen mit, sie berät Studierende und begleitet Praktika, Projekte und Exkursionen. LfbA – das ist die Abkürzung für ihren Job und ein Synonym für überirdisch viel Arbeit mit unterirdisch wenig Gehalt. Und das Kürzel steht auch für befristet und in Teilzeit. Weil Überstunden an der Tagesordnung sind, ist die halbe Stelle mit einer anderen nicht vereinbar. Gute Arbeit? In Oldenburg Fehlanzeige, dort werde das System zementiert, sagt Henzel. Statt angemessene Stellen für wissenschaftliche Mitarbeitende mit geringerem Lehrumfang und Zeit für Forschung zu schaffen, sollen die LfbA-Stellen an der Uni Oldenburg noch ausgebaut werden.

Neue Arbeitswelt, neue Regeln

„Die neue Arbeitswelt braucht dringend neue Regeln“, fordert ver.di-Landesleiter Detlef Ahting. „Wir müssen eine Entgrenzung von privatem und beruflichem Leben unterbinden können, das hilft Beschäftigten wie Jens Hansen.“ Dazu seien Zeitsouveränität und Gestaltungsspielräume, Obergrenzen, Mindestnormen für Vergütungen, verpflichtende Sozialabsicherungen durch den Auftraggeber und eine Haftung des Auftraggebers für die Einhaltung dieser Normen erforderlich, so Ahting. Dass ausgerechnet im öffentlichen Dienst prekäre Beschäftigung und Arbeitsüberlastung an der Tagesordnung seien, sei ein unhaltbarer Zustand. „Wir brauchen Maßnahmen gegen den Missbrauch gesetzlich erlaubter Teilzeit oder eines Projekttitels für eigentlich auf Dauer angelegte Aufgaben“, sagt Ahting.

Sachgrundlose Befristungen, Outsourcing, Tarifflucht, Leiharbeit, Missbrauch von Projektarbeit: Die Arbeitgeber*innen sind kreativ, wenn es darum geht, den eigenen Profit auf Kosten der Beschäftigten zu optimieren. ver.di hält dagegen. „Wir setzen uns mit aller Kraft für eine Kultur der guten Arbeit ein“, sagt Ahting.

Die Kampagne „Arbeit? #abersicher“ richtet sich an mehrere Adressat*innen. Einerseits soll sie Initiativen in Betrieben und Dienststellen ermöglichen. „Dort müssen wir gute Betriebs- oder Dienstvereinbarungen direkt mit und bei unseren Kolleginnen und Kollegen erreichen“, sagt Ahting. Andererseits würden Forderungen nach fairen und guten Regeln an die Politik, an den Gesetzgeber in Bund und Ländern gestellt. Die Landesregierung und Berlin könnten mit gutem Beispiel vorangehen und zeigen, was ihnen die eigene Belegschaft wert ist – zum Beispiel durch Selbstverpflichtungen für Gute Arbeit, schlägt der ver.di-Landesleiter vor.


Entgrenzte Arbeit – was ist das?

Von entgrenzter Arbeit spricht man, wenn die Grenzen zwischen Privat- und Berufsleben verschwinden, das Arbeits­leben immer stärker alles dominiert.

Menschen können immer öfter ihr Arbeits­leben selbst bestimmen. Das klingt zunächst gut, geht aber einher mit hohem Druck durch ständige Verfügbarkeit über Mobil- und Heimarbeit. Von entsicherter Arbeit spricht man bei unsicheren Arbeitsverhältnissen, etwa bei Befristungen oder vielfach auch bei Leiharbeit.


Druck auf Politik

Politiker*innen setzen durch Gesetze und Verordnungen die Maßstäbe für die ­Arbeitskultur, auch im Jahr 2019. Sie sind daher zentraler Ansprechpartner, wenn es um neue Regeln für eine neue Arbeitswelt geht. Gleichzeitig ist die Politik wichtiger Multiplikator, wenn wir in der Wirtschaft, bei den Arbeitgeber*innen mit unseren Forderungen durchdringen wollen. Im gleichen Maße sind die Politik in den Kommunen, in den Ländern und im Bund und ihre jeweiligen öffentlichen ­Unternehmen mit vorgeschalteten Dienstleister*innen selber in der Verantwortung als Arbeitgeber*in. Wir erwarten neben guten Gesetzen und Verordnungen, dass sie selber mit gutem Beispiel vorangehen, mit guten Arbeits- und Einkommensbedingungen, mit dem Leitbild der Guten Arbeit als Grundlage.


Druck im Betrieb

Druck auf die Unternehmen und Dienststellen muss aus den Betrieben und Dienststellen selbst, er muss „von unten kommen“. ver.di kann und will dabei ­unterstützen. Gut organisierte Belegschaften sind eine gute Voraussetzung, um etwas zu ändern. Dann kann man die eigenen Interessen in die eigenen Hände nehmen. Viele der Ungerechtigkeiten werden von den Vorstandsetagen der ­Unternehmen verantwortet. Um gute Vereinbarungen zu erreichen, müssen unsere Tarifkommissionen, unsere Betriebs- und Personalräte eine gut organisierte Belegschaft hinter sich wissen, die Druck aufbauen kann, wenn es stockt, und wenn nötig mit den Mitteln eines Arbeitskampfes. Kurzum: je mehr Mitglieder, desto mehr Möglichkeiten, Druck für gute Vereinbarungen zu entfalten.

So geht’s

  • Wir brauchen klare Regeln, um vor Selbstausbeutung zu schützen und die Entgrenzung von Arbeit und Privatleben zu verhindern.
  • Wir brauchen eine erweiterte Mitbestimmung, die für alle gilt, die im Unternehmen arbeiten oder für das Unternehmen eingesetzt werden.
  • Wir brauchen bei Crowd- und Clickworkern gesetzliche Mindestnormen für Vergütungen in allen Bereichen sowie eine verpflichtende Sozialabsicherung durch die Auftraggebenden.
  • Wir brauchen mehr Möglichkeiten und das verbriefte Recht, uns über das ganze Berufsleben hinweg fort- und weiterzu­bilden.
  • Wir brauchen die Gleichbehandlung von Leiharbeitenden und Stammbeleg­schaften.
  • Wir brauchen die Begrenzung der Befristung von Verträgen.
  • Wir brauchen Maßnahmen gegen den Missbrauch gesetzlich erlaubter Teilzeit oder der Projektmittel für eigentlich auf Dauer angelegte Projekte im Öffentlichen Dienst.
  • Wir brauchen einen höheren gesetz­lichen Mindestlohn.