EUROPAWAHL

"Europa finde ich saugut"

Unsere kleine Umfrage unter ver.di-Mitgliedern hat dies ergeben: Sie wollen ein Europa der offenen Grenzen, ein Europa für alle, nicht eines für die Wenigen gegen die Mehrheit. Und dafür wollen sie etwas tun


„Noch besser wäre eine Welt und eine Weltregierung“

Ich bin alt. Finde aber Europa trotzdem saugut. Noch besser wäre eine Welt und ­eine Weltregierung. Dann gäbe es keine Ausländer mehr, sondern nur noch Außerirdische.

Edith Günther-Rumpel, 54, Diakonisches Werk Würzburg


„Ich möchte in einem Europa leben, in dem die Menschen empathisch sind“

Europa bedeutet für mich ein Aufwachsen in Frieden. In der Vergangenheit hat es leider viel zu häufig Gewalt und Krieg gegeben, deren Ursprünge viel zu häufig im Nationalismus und den daraus resultierenden Spannungen zwischen einzelnen Staaten oder Bevölkerungsgruppen lagen. Der europäische Einigungsprozess führte dazu, dass nationale Alleingänge vermehrt ausblieben und auch heute weiterhin teilweise ausbleiben. Es gilt, sich miteinander zu verständigen und gemeinsam nach kooperativen Lösungen zu suchen. Leider fallen einige Akteure und Akteurinnen wieder zurück in alte, fast vergessen geglaubte Nationalismen und Egoismen. Die Europäische Union sollte meiner Meinung nach nicht nur eine Gemeinschaft sein, in der es vielen um die Wahrung der eigenen Interessen geht. Viele drängende Probleme lassen sich nicht im Alleingang lösen. Zu nennen wären hier beispielhaft der voranschreitende Klimawandel, die Umgehung der Steuerverantwortung internationaler Banken und Konzerne, die weltweiten Migrationsbewegungen.

Ich möchte in einem Europa und einer Europäischen Union leben, in der die Menschen empathisch sind, in der andere Menschen als Nachbarn und Nachbarinnen und nicht als Konkurrenten oder Konkurrentinnen angesehen werden. Dazu sollte die Wahrnehmung der Menschen über das vermeintliche Bürokratiemonster oder die Währungsunion hinausgehen. Eine einheitliche Sozialunion könnte zum Beispiel ein erster Schritt sein, um das Denken in nationalstaatlichen Grenzen aufzubrechen. Die Europawahl im kommenden Jahr ist eine gute Möglichkeit, den europäischen Bürgerinnen und Bürgern vor Augen zu führen, was es bedeuten kann, solidarisch und gemeinsam an einer zukunftsfähigen Vision von Europa und der Europäischen Union zu arbeiten.

Tim Wübbels, 27, Mitarbeiter im ver.di-Zentrum Mitte, Essen


„Ohne Grenzen auf der Landkarte und in den Köpfen“

Es gibt Probleme, die uns ganz persönlich in der Familie betreffen, andere auf lokaler, kommunaler und staatlicher, aber häufig auch auf viel größerer Ebene. Jedes Problem sollte – so möglich – da gelöst werden, wo es entsteht. Manchmal ist das machbar, manche Probleme betreffen aber mehrere der angesprochenen Ebenen gleichzeitig. Eine Lösung an der Wurzel betrifft daher häufig viele Ebenen. Leider haben wir zur Zeit eine Tendenz, alles nur noch lokal und nicht einmal mehr national lösen zu wollen, weil es uns sonst individuelle Nachteile zu bringen scheint. Das größere Ganze dahinter vergessen wir gerne. Das löst viele Probleme nicht, sondern schafft neue.

Wir leben in einer Welt mit globalen Problemen, haben aber leider immer noch keine Weltregierung und kein globales Bewusstsein in unseren Köpfen. Dann eben eine Nummer kleiner: Überdenken und lösen wir Probleme auf europäischer Ebene. Das ist noch nicht optimal, aber wenigstens angemessener. Ohne Grenzen auf der Landkarte und in den Köpfen, ohne nationale Sonderwege sondern problemlösend und der Sachlage entsprechend – mit möglichst großen Win-Win-Anteilen für alle. Das ist für mich meine Vision von Europa. Und ich bedaure die leider real vorhandenen Abspaltungstendenzen, die wieder zunehmenden Nationalinteressen, die in der Vergangenheit immer nur zu Konfrontationen bis hin zum Krieg geführt haben. Wir müssen den nationalen und individuellen Egoismus überwinden und müssen die Probleme dieser Welt lösen. Mit allen, für alle – und nicht von einigen wenigen gegen die Mehrheit der Betroffenen. Das braucht viel Aufklärung und Überzeugungskraft, die sich aber lohnen würden.

Mir ist klar: Das ist ein großes Ziel und ein weiter Weg. Und der Schritt zur Stabilisierung Europas ist dabei nur ein kleiner Schritt auf diesem langen und unausweichlichen Weg.

Christian Hoppe, 59, Redakteur Deutsche Welle


„Ich finde es gut, dass wir in Frieden leben in Europa“

Ich finde Europa wichtig und gut für die Menschen.Ich finde, Europa ohne Grenzen ist ein Stück mehr Freiheit.
Ich finde es gut, in vielen Ländern kein Geld mehr umtauschen und rücktauschen zu müssen.
Ich finde es gut, dass wir in Frieden leben in Europa.
Ich finde die verschiedenen Völker und Sitten gut in Europa.
Ich würde mir wünschen, dass die nationalen Parlamente, die nur ihre eigenen Interessen vertreten, abgeschafft würden und nur noch ein Europaparlament vertreten wäre, mit gleichen Rechten für Männer und Frauen und für alle Völker.

Ich finde es nicht gut, dass alles geregelt werden muss, Kleinigkeiten wie der Krümmungsgrad einer Gurke etc., aber Grundrechte, Rechte, Steuer, Einkommen, Mieten etc. sollten überall gleich sein in Europa. Wir sollten keine nationalen Armeen haben, sondern eine einzige europäische und einen einzigen europäischen Pass.

Ich finde es schade, dass europäische Politiker gerade dabei sind, die großartige Idee von Europa zu zerstören, nur weil sie Eigeninteressen vorziehen.

Gerd Uhly, 58, Verwaltungsangestellter


„Eine europäische Familie mit ganz unterschiedlichen Eigenheiten“

Europa bedeutet für mich auch das großartige Austauschprogramm für Studenten Erasmus: Ich habe nie so viele tolle junge Europäer von Finnland bis Spanien getroffen wie in unserem Studentenwohnheim in Manchester – wir waren wie eine europäische Familie mit ganz unterschiedlichen Eigenheiten, aber einer großen Gemeinsamkeit: Wir sind Europa!

Franziska Brandstädter, 37, ver.di-Gewerkschaftssekretärin


„Zeigen wir uns! Empören wir uns!“ Europa? Na klar!

Europa bedeutet für mich in erster Linie, in Freiheit und Demokratie leben zu dürfen. Ich darf wählen und kann mitbestimmen. Und wenn es mal nicht ganz so rund läuft, kann ich mich auf soziale Absicherungssysteme verlassen. Dennoch muss in der europäischen Politik in vielen Themen ein Umdenken her. Europa in der Krise? – Nein. Europa als gesellschaftliche Herausforderung? – Auf jeden Fall. Ich gehe ohne Angst für meine Interessen auf die Straße. Das ist ein unbezahlbares Gut. Wir jungen Menschen haben doch die Möglichkeit, einen Wandel in der Politik zu gestalten. Lasst es uns besser machen. Zeigen wir uns! Empören wir uns! Wir wollen gehört werden! Wir wollen gestalten!

Ich wünsche mir, dass Europa weiter solidarisch zusammenwächst und die Bürger*innen gemeinsam gegen Ausgrenzung, soziale Ungleichheit, Abschottung und rechte Hetze und für Meinungsfreiheit, Umweltschutz, Menschenrechte und Vielfalt zusammenstehen. Wir tragen eine Verantwortung, die jedoch nicht an den Grenzen Europas endet.

Selina Timmann, 28, Studentin der Soziologie


„Uneingeschränkt solidarisch sein“

Frieden, Freiheit und Freizügigkeit sind wohl die am häufigsten genutzten Worte, um die Europäische Union zu beschreiben. Für mich ist die EU vor allem eines: eine Chance.

Ich wurde 1995 geboren. Also nach der Unterzeichnung des Vertrags von Maastricht und vor der Einführung des Euros. Die D-Mark erinnere ich nur geschreddert und vakuumverpackt in Portionen von je einer Million. Es schien alles geklärt und geregelt. Die Fragen, ob der Reisepass noch gültig ist oder noch Geld gewechselt werden muss, waren für mich noch nie Bestandteil der Planung für eine Reise ins nahe Ausland. Noch nie wurde mir an der Grenze durch eine Kontrolle das Gefühl vermittelt, verdächtig, anders, nicht willkommen zu sein. Das Land ist ein Nachbarland, die Menschen sind Nachbarn. Meiner Generation wurde ein geeintes Europa in die Wiege gelegt, gerade deshalb sollten wir uns hüten, es als gegeben hinzunehmen. Wir müssen das, was die Generationen vor uns miterlebt und durchlebt haben, erst begreifen. Begreifen, aus welchen Ängsten, Nöten, Wünschen und Visionen diese einzigartige Staatengemeinschaft entstanden ist.

Begreifen, dass diese Ängste und Nöte wieder in unser aller Leben Einzug erhalten können, wenn Populisten und Nationalisten weiter spalten. Wenn wir sie weiter spalten lassen, bis aus dem nachbarschaftlichen Miteinander wieder ein „Wir“ und „Die“ wird.

Es ist unsere Aufgabe, diese Errungenschaften zu bewahren. Wir müssen aktiv für den Erhalt der EU eintreten. Dazu gehört, sich nicht nur über das komfortable Reisen zu freuen, sondern auch im Sinne einer guten Nachbarschaft uneingeschränkt solidarisch zu sein.

Wir dürfen unsere gewerkschaftliche Bestimmung – den Wohlstand gerecht zu verteilen – um des Friedens willen nicht in nationalen Grenzen denken. Als Europäer müssen wir Seit an Seit mit unseren Nachbarn stehen. Es reicht nicht nur, wie man am Beispiel der jungen Briten sieht, seine Stimme abzugeben, sondern man muss sie auch erheben.

Paul Ole Gasthuber, 23, Bankkaufmann


„Ich sage immer noch Ja zu Europa“

Für mich ist ein gemeinsames Europa eine wunderschöne Idee. Die OSZE und der ­Europarat haben die Idee von einem gemeinsamen, auf Werten begründeten, kooperativen statt konfrontativen Europa bereits ansatzweise umgesetzt. Die Arbeit in diesen Gremien schätze ich als sehr wichtig und wertvoll ein.

Anders ist es mit der Europäischen Union. Statt auf Werten zu basieren, dient sie fast ausschließlich dem Kapital. Während in Deutschland die Würde des Menschen den ersten und wichtigsten Grundgesetzartikel darstellt, stellt der Lissabon-Vertrag die Warenfreiheit in den Mittelpunkt. Statt die Meinungsfreiheit (Artikel 5 Grundgesetz) ganz oben anzusetzen, wird die Kapitalfreiheit in den Mittelpunkt gesetzt. Statt die Demokratie nach Artikel 20 des Grundgesetzes umzusetzen, wird dem Europa­parlament teilweise das Recht auf Gesetzesvorschläge vorenthalten und besitzt die Eurozone erst gar kein Parlament. Auch werden europäische Länder ausgeschlossen, wie etwa Russland, und ein für die Bevölkerung in Europa gefährlicher Konfronta­tionskurs gefahren. Die Ausdehnung militärischer Ambitionen (PESCO, Permanent Structured Cooperation bzw. Ständige Strukturierte Zusammenarbeit) stellen das Friedensprojekt Europa in Frage, die Gestaltung der Demokratie, unsere demokratischen Errungenschaften und die Austeritätspolitik unserer humanitären Werte und die in über 150 Jahren hart erkämpften Arbeitnehmerrechte.

Dennoch sage ich immer noch Ja zu Europa. Aber zu einem anderen Europa. Einem friedlichen, demokratischen, gleichberechtigten, sozialen, ökologischen und auf Werten basierenden Europa. Ein anderes Europa ist möglich!

Michaela Amiri, 46, Gärtnerin


„Eine europäische Familie mit ganz unterschiedlichen Eigenheiten“

Europa bedeutet für mich mehr als nur ein Kontinent, Krisengipfel oder eine Währung, sondern Europa bedeutet für mich die Zukunft als Antwort auf die Vergangenheit. Die europäische Idee von Grenzenübergreifender Zusammenarbeit und Freiheit ist mir äußerst wichtig! Doch diese Zukunft ist eben mit Arbeit verbunden. Sie muss weiterhin vorangebracht und gestaltet werden – und das nicht nur von uns jungen Menschen, sondern durch alle Personenkreise und Generationen.

Olivia Neckermann, 22, Auszubildendenvertreterin

 

Europa wählt, Du wählst Europa

Wenn vom 23. bis 26. Mai 2019 die Bürger*innen der Europäischen ­Union zum neunten Mal das Europäische Parlament wählen, ist auch Deine Stimme gefragt. Gewählt werden insgesamt 705 Abgeordnete in den dann voraussichtlich 27 Mitgliedsstaaten der EU. Voraussichtlich wird es die erste Wahl nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU sein. In Deutschland wird am 26. Mai 2019 gewählt. Und Du solltest diese Wahl nicht verpassen, wenn Du darüber mitbestimmen willst, wie sich Europa weiterentwickelt.

Wahlberechtigt zur Europawahl sind in Deutschland alle Deutschen und alle Staatsangehörigen aus den übrigen EU-Mitgliedstaaten, die in Deutschland eine Wohnung haben oder sich gewöhnlich hier aufhalten. Weitere Voraussetzungen sind ein Mindestalter von 18 Jahren, ein Mindestaufenthalt von mehr als drei Monaten in Deutschland oder in einem anderen Mitgliedsstaat der EU und die Eintragung im Wählerverzeichnis der Gemeinde, in der Du gemeldet bist. Deutsche mit Hauptwohnsitz in Deutschland sind in der Regel in den Verzeichnissen eingetragen. Bürger*innen aus einem anderen EU-Mitgliedsstaat müssen die Eintragung bei der Gemeinde beantragen.

Wenn Du die Bedingungen erfüllst, bekommst Du die Wahlbenachrichtigung mit allen nötigen Informationen per Post zugeschickt. Klar ist: Du darfst nur einmal wählen. Du musst dich deshalb entscheiden, ob Du Deine Stimme im Herkunftsland oder in Deutschland abgeben willst.

Mehr Informationen zur Wahl unter www.europawahl-bw.de