Musik

 

AnnenMayKantereit: Schlagschatten

Die rostigste Stimme des deutschen Pop ist zurück. Und ist – was soll man sagen – immer noch rostig. Auch auf dem dritten Album von AnnenMayKantereit raspelt sich Henning May durch die Gefühlswelt eines Mittzwanzigers, während der Rest der Band dermaßen umher rumpelt, bis eine sehr ungelenke, aber auch sehr eigene Version von Rockmusik mit Fußgängerzonencharme entsteht, die immer wieder auf dem falschen Fuß zu stehen scheint. Was prima passt, denn in den Texten geht es um Beziehungen, vor allem aber um Trennungen, ums Alleinsein, überhaupt ums Scheitern in allen Lebenslagen. Aber nicht nur: Mit Jenny Jenny singt May ein lange überfälliges Hohelied auf die freundlich lächelnden Flugbegleiterinnen dieser Welt, und in Weiße Wand setzt er sich mit Rassismus, Flüchtlingskrise und deutscher Politik auseinander: „Ich bin keiner von denen, die weiter wissen / Ehrlich gesagt, ich krieg selber nie was geschissen.“ Doch: Diese rostige Stimme ist nicht nur Alleinstellungsmerkmal, sondern auch die Stimme einer Generation. Nicht so sehr, weil AnnenMayKantereit unglaublich erfolgreich sind, sondern weil May in unverstellten Worten davon singt, was viele in seinem Alter umtreibt. Thomas Winkler

CD, Vertigo Berlin / Universal


COCONAMI: Saikai

Sakai bedeutet so viel wie Wiederbeginn, Wiedersehen oder auch Neustart. Und so trifft japanische Anmut erneut, fast schwerelos, auf bayerisches Liedgut und heimatliche Klänge. Die beiden Wahl-Münchner von Coconami bewegen sich mit ihrem Sound wieder feinfühlig zwischen bayerisch-traditionsbewusst und minimalistisch-zerbrechlich. Sanfte, launige, grazile Musik, einmal auf bayerisch, einmal japanisch, und gerne ein paar Klassiker wie Adriano ­Celentano oder die Ramones zwischen altehrwürdige bayerische G'stanzl wie das vom bayerischen Märchenkönig Ludwig. Irgendwo zwischen Schwarzbrot, zweisprachigen Platten­covern, Sushi mit Bier und japanischen Bräuchen kreieren Miyaji und Nami als ­Coconami auch mit ihrer vierten CD, die fast vier Jahre auf sich warten ließ, einen überraschenden Wunder-Sound, der glücklich macht. Vor allem deshalb, weil die interpretierten Stücke ihre Würde behalten dürfen, und das Bayerische nicht zur verspotteten Lachnummer für Preußen verkommt. Die Ukulele ist diesmal nicht mehr in jedem Song dabei. Dafür freilich die 4-saitige-Zigarrenkistenbox, das neue Lieblingsinstrument von Miyaji.     Luitgard Koch

CD, Trikont


Daniel Haaksman: With Love, From Berlin!

Berlin ist nicht nur Touristenmagnet, sondern auch Fluchtpunkt für Musiker aus aller Welt. So konsequent wie Daniel Haaksman hat aber bislang noch niemand diese Tatsache in Musik umgesetzt. Der Berliner DJ, Produzent und Labelbetreiber hat für sein drittes Album Kolleginnen und Kollegen aktiviert, die in der Hauptstadt leben, aber ursprünglich aus Brasilien, den USA, Peru, Angola, Frankreich, Mexico, Israel, Portugal, Belgien oder der Karibik stammen. Die Folge ist nicht nur ein babylonisches Sprachengewirr, sondern auch eine verwegene Fusion von musikalischen Ideen: Während sich die Wahlberliner in den Texten mit ihrer neuen Heimat auseinandersetzen, treffen elektronische Beats auf verschiedenste Weltmusiken, Reggae-Rhythmen auf dunkle Streicher, Panflöten auf Schifferklavier, Afrobeat auf moderne Spielarten von HipHop wie Trap. Dass die gewagte Unternehmung nicht in ihre Einzelteile zerfällt, sondern eine Einheit bildet, das ist das Verdienst von Organisator Haaksman. Aber es ist vor allem eins:
ein akustischer Entwurf der vibrierenden Metropole Berlin.     Thomas Winkler

CD, Man Recordings / The Orchard