Vermögens- und Armutsbericht

Die Ungleichheit wächst

Mehr Geld für Investitionen in öffentliche Bildung, Gesundheitsversorgung und soziale Sicherheit könnte mehr Gerechtigkeit schaffen

Weltweit sind die Chancen ungleich verteilt

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Von Heike Langenberg

Amazon-Gründer Jeff Bezos hat ein Vermögen von umgerechnet rund 100 Milliarden Euro. Ein Prozent davon entspricht dem, was im Haushalt Äthiopiens für Gesundheit zur Verfügung steht. Immerhin wohnen 105 Millionen Menschen in dem Land. Es zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Zahlen wie diese zeigen die Lücke, die zwischen Arm und Reich weltweit klafft – und die immer größer wird. Darauf weist die Entwicklungshilfeorganisation Oxfam hin. Sie hat jüngst die neueste ­Ausgabe ihres jährlich erscheinenden ­Vermögens- und Armutsberichts vorgelegt.

Das Vermögen der Milliardär*innen weltweit ist im vergangenen Jahr um 12,5 Prozent gewachsen – rund 2,2 Milliarden Euro pro Tag. Jeden zweiten Tag ist ein neuer Milliardär hinzugekommen. Gleichzeitig sind die Armen noch ärmer geworden. Das Vermögen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung hat täglich um 439 Millionen Euro abgenommen. Zwar ist die Datenbasis für beide Berechnungen nicht 1 zu 1 vergleichbar, der Trend ist aber klar erkennbar. Während die reichen Menschen noch reicher werden, wird die ärmere Hälfte immer ärmer. Obwohl die Zahl der Menschen, die in extremer Armut, also von weniger als 1,90 US-Dollar,umgerechnet 1,67 Euro am Tag, leben müssen, seit den 1990er Jahren zurückgegangen ist. Allerdings weist Oxfam darauf hin, dass sich das Tempo des Rückgangs in den zurückliegenden Jahren verlangsamt hat.

Die Geschäftsführerin von Oxfam International, Winnie Byanyima, kritisierte bei der Vorstellung des Berichts, dass die staatlichen Angebote in den Bereichen Bildung, Gesundheit und soziale Sicherheit „weltweit dramatisch unterfinanziert“ seien. Gerade diese Angebote seien aber ein wichtiger Schlüssel zu mehr Gerechtigkeit. „Soziale Ungleichheit hindert uns daran, Armut zu überwinden und Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern zu schaffen“, heißt es in der deutschen Zusammenfassung der Ergebnisse. Denn der Bericht hat auch gezeigt, dass Männer 50 Prozent mehr besitzen als Frauen.

Weil mehr Geld für Investitionen in öffentliche Bildung und Gesundheitsversorgung gebraucht werde, fordert Byanyima auch eine gerechtere Besteuerung und mehr Einsatz im Kampf gegen Steuerhinterziehung. Eine jüngst vorgelegte Studie im Auftrag der Grünen/EFA-Fraktion im Europaparlament bestätigt, dass es auch in Europa viele Steuerprivilegien für Reiche, aber auch für Unternehmen gibt. Sie kommt zu dem Schluss, dass insbesondere multinationale Konzerne „überdurchschnittlich von Steuerprivilegien und Steuerschlupflöchern in der Europäischen Union“ profitieren, wie es in einer Pressemitteilung der Fraktion heißt. Der gesetzliche Unternehmenssteuersatz beträgt im Durchschnitt 23 Prozent, Firmen zahlen im Schnitt jedoch nur 15 Prozent. Grenzüberschreitend tätige Unternehmen hätten die meisten Möglichkeiten, ihre Steuerzahlungen zu senken. Hauptgrund dafür seien „Sonderabsprachen einzelner EU-Mitgliedsstaaten mit multinationalen Unternehmen, Steuerschlupflöcher wie Patentboxen und die doppelte Nichtbesteuerung von Gewinnen durch unvollkommene Doppelbesteuerungsabkommen“.

In Deutschland liegt der gesetzliche Steuersatz bei Unternehmenssteuern bei ungefähr 30 Prozent, gezahlt werden von den Unternehmen durchschnittlich nur 20 Prozent. Starke Unterschiede zwischen Arm und Reich hat Oxfam auch in Deutschland festgestellt. Die Armutsquote befindet sich auf einem Höchststand, das reichste Prozent der Deutschen verfügt über das gleiche Vermögen wie die ärmsten 67 Prozent. Jedes fünfte Kind in Deutschland gilt mittlerweile als arm.

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