Porträt

Der sich nicht hängen lässt

Der Postbote Werner Siebler wurde 1984 mit Berufsverbot belegt, weil er Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei war. Ohne das Verbot wäre seine Rente heute 500 Euro höher

Zu Besuch bei einem radikalen Romantiker

Foto: Stefan Pangritz

Von Monika Goetsch

Ein paar Tage noch, dann ist Werner Sieblers Zeit im Stühlinger, einem Stadtteil von Freiburg, vorbei. In seiner Wohnung stapeln sich Umzugskisten. Die Regale sind abgebaut, die Schränke zerlegt. Viel ist gerade nicht zu sehen von den vierzehn Jahren, die er hier nach dem Tod seiner Frau verbracht hat.

An der Wand im Flur allerdings hängt noch eine Karte von Kuba. An einer anderen prangt das Plakat, das Mitte der Achtzigerjahre an so vielen Wänden hing. Junger Mann, dicker Schnauzer, freundliches Lächeln. Darauf in Knallgelb: „Werner Siebler muss Briefträger bleiben!“

Ein harter Kampf war das. Willy Brandt hatte 1972 den Radikalenerlass unterzeichnet. 1984 traf das Berufsverbot Siebler und ­einen Kollegen. Zwei Männer, die morgens Briefe und Pakete austrugen, den Nachmittag verschliefen und von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang über eine bessere Welt diskutierten.

Als „Verfassungsfeind“ wurde Siebler, das DKP-Mitglied, aus dem Job geschmissen. Er kämpfte dagegen an. Ging zu Anhörungen, das Grundgesetz in der Hand. Sein Fall spaltete die Öffentlichkeit. Viele unterstützten ihn. Wie sollte ein Briefträger dem Staat schon gefährlich werden? Andere waren misstrauisch. Einer, der sich mit dem Staat anlegt, hatte doch bestimmt auch Dreck am Stecken?

Eine Zeit wie im Dauerkoffeinrausch

Siebler wurde zur Kultfigur. Es war eine Zeit wie im Dauerkoffeinrausch, schwierig und abenteuerlich. Siebler fühlte sich stark. War arbeitslos. Schlug sich als Lastwagenfahrer durch. Klagte sich 1991 zurück in die Post. Ein Triumph. Erst arbeitete er im Briefabgang, dann trug er erneut Post aus. Schließlich wurde er als Betriebsrat freigestellt.

Das Kämpferische gehörte für ihn immer dazu. Dabei hat Siebler, der für seine gewerkschaftliche Arbeit die Hans-­Böckler-Verdienstmedaille erhielt, auch eine sehr umgängliche Seite. Die Kerzen vorm Badezimmerfenster lassen einen Romantiker vermuten. Eine Sitzhängematte baumelt vielversprechend auf dem Balkon. Dann der mächtige Schaukelstuhl, der neben dem Küchentisch steht: Er erzählt nicht nur von Nicaragua, Sieberts Reise- und Sehnsuchtsort, wo das gute Stück gefertigt wurde, bevor man es verschiffte und zunächst wieder zurückschickte, weil der Adressat angeblich nicht da war („Ich war sehr wohl zu Hause“, sagt Siebler, „die Post hat Scheiß gebaut!“). Der Stuhl ist auch ein schönes Symbol dafür, dass Siebler, der sich einen sehr glücklichen Menschen nennt, künftig ein bisschen kürzer treten will, wenn auch nicht mehr hier. Denn das Geld reicht nicht, die innenstadtnahe Wohnung zu halten.

Bisher bekommt er „ein relativ elegantes Altersteilzeitruhegehalt“, aber ab 1. Juli bezieht er Rente. Also zieht er zu seiner Freundin in den „Muschterstadtteil Vauban“, bestaunt von Stadtplanern aus aller Welt, denn hier ist die Welt grüner und nachhaltiger, die Kommunikation einfacher als anderswo. Siebler schätzt das alles. „Ich würde mich inzwischen zum Radikalöko erklären“, sagt er. Und doch: Jeder Umzug ist schwierig. Er wird die Vielfalt vermissen, die Selbstverständlichkeit, mit der man im Stühlinger Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe und Milieus begegnet. Dabei versteht sich Siebler durchaus auf Veränderungen.

Fast hätte der Südbadener seine Jugend in einem katholischen Internat verbracht, weil er aus streng religiösem Haus stammte. Stattdessen verliebte er sich in ein Mädchen aus Dresden und trat der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend bei. Drei Jahre lang besuchte er „die schöne Frau, die schöne Republik“. Er war begeistert von beidem. „Natürlich habe ich vieles falsch gesehen“, sagt er. „Manches aber auch richtig. Und so ist das auch heute noch.“

Später war Siebler, eine erstaunliche Entscheidung, Wehrdienstleistender bei den Gebirgsjägern in Mittenwald. Dort allerdings begnügte er sich nicht mit Klettern, Skifahren und Schießen. Er gab mit ein paar Kumpels auch eine Zeitschrift heraus, in der sie die Schikane von Soldaten anprangerten. Gemeinsam war man dafür stark genug. Und: „Es gibt überall Veränderungsbedarf!“

Nichts dem Schicksal überlassen

Siebler jedenfalls hat den Lauf der Dinge nie dem Schicksal überlassen wollen. Er redet gern und liebt Gesellschaft. Und er hält es für wichtig, Werte und Ziele zu haben. „Ich bin ein sehr politischer Mensch, der an jeder Schraube mitdrehen und die Welt besser machen will.“ Auseinandersetzungen fürchtet er nicht. Er freut sich auf sie. Weil Ideen nun mal besser werden, wenn man gemeinsam daran arbeitet. Und es den Blick weitet, andere Perspektiven kennenzulernen.

Wer so lange an einem Ort gewerkschaftlich und politisch aktiv ist, hat ohne­hin mit allen Arten von Leuten Kontakt. CDU-Mitglieder, die der Gewerkschaft kritisch gegenüberstehen. Leute, die ihren Frust rauslassen und AfD wählen. Geduldig erklärt Siebler dann, dass an den steigenden Mieten nicht die bösen Ausländer schuld sind, sondern die Spekulation mit Wohnungen. Denn er findet: „Man muss sich weiter mit ihnen auseinandersetzen, bevor sie ganz abdrehen. Auch wenn der Spaßfaktor sehr begrenzt ist.“

Er freut sich, als DGB-Stadtverbandsvorsitzender andere Gewerkschaften kennen und schätzen zu lernen. Macht sich in ­einem Bündnis dafür stark, einen neuen Stadtteil in Freiburg aufzubauen, mit einem hohen Anteil an sozial gebundenem Wohnraum. Natürlich war er im Hambacher Forst, zum Demonstrieren. Den Kohleausstieg, sagt er, müsse man konsequent vorantreiben und zugleich Lösungen für die Beschäftigten finden.  „Wir sind eines der reichsten Länder der Welt, wenn wir es nicht schaffen, wer dann?“ Er wird für die Liste der Linken im Stadtrat kandidieren, weil der Kapitalismus für ihn nicht die Lösung der Menschheitsgeschichte ist. Die DKP hält ihm zu sehr an alten Konzepten fest. „Man braucht die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich, es geht nur in ganz großen Bündnissen.“ Gut möglich, dass er die Partei, derentwegen er einst seinen Job verlor, irgendwann verlässt.

Auf dem Boden der Realität

Noch immer kämpft der heute 63-Jährige dafür, dass die Betroffenen des Radikalenerlasses rehabilitiert werden – und wünscht sich, ver.di möge sich dieser Forderung anschließen. Dabei geht es nicht nur – aber auch – um Geld. 500 Euro hätte Siebler künftig monatlich mehr zum Leben, ohne das Berufsverbot. 300.000 Euro, schätzt Siebler, hat ihn der Radikalenerlass letztlich gekostet.

Enttäuscht ist er trotzdem nicht. Eher ernüchtert. „Ich war blauäugig. Jetzt bin ich auf dem Boden der Realität angekommen.“

Milder sei er inzwischen vielleicht. Offener für Widersprüche und Ambivalenzen. „Aber neutral werde ich nie sein“, sagt er.

Dass Siebler seit zehn Jahren ehrenamtlicher Richter am Landesarbeitsgericht ist, passt ins Bild. Vom Verfassungsfeind zum Richter. Manchmal wendet sich das Leben also doch zum Besseren. Andere Probleme bleiben. Neue, größere kommen hinzu. Angesichts der drohenden Klimakatastrophe fragt sich Siebler inzwischen auch, „ob die Menschheit noch mal die Kurve kriegt“.

Eine andere brisante Frage wird ihn in den kommenden Tagen beschäftigen. Dreißig Bücher zum Radikalenerlass wollen in der Wohnung seiner Freundin platziert sein. Dazu all die anderen Dinge, die er über die Jahre angesammelt hat.  „Das ist der heiße Kampf mit meiner Partnerin: Wo was hindarf!“

Und danach kommt auch die Hängematte ins Spiel. Größer als die jetzige. Eine Matte, wirklich zum Abhängen. Wie im Urwald von Nicaragua wird sich Werner Siebler darin fühlen, wenn die Bäume wieder Blätter tragen. Aber dass sich dieser Mann jemals wirklich hängen lässt – damit ist nun wirklich nicht zu rechnen.