Interview

„Setzt die Unternehmen unter Druck“

Portrait-Serie von Frauen und ­Männern, die in der Ölsand-Industrie von Fort Murray in Alberta, ­Kanada, arbeiten.
Gekommen sind sie der Jobs wegen aus anderen ­Regionen Kanadas und aus aller Welt.
Sie selbst nennen das Gebiet Fort McMoney

Foto: Jon lowenstein/noor/laif

 

1972 veröffentlichte der gemeinnützige Club of Rome seinen weltweit beachteten Bericht „Die Grenzen des Wachstums“. Demnach ist der ökologische Kollaps unausweichlich. Graeme Maxton, Autor und von 2014 bis 2018 Generalsekretär des Club of Rome, zieht in seinem neuen Buch „Change!“ jetzt die Reißleine

Graeme Maxton

Foto: abaca press/ddp images

VER.DI PUBLIK: Ihr neues Buch ist eine radikale Ansage, was war Ihre Motivation?
MAXTON: Ich habe früher im Bankenwesen gearbeitet, später für das Wirtschaftsmagazin Economist. Und vor der Finanzkrise 2008 lebte ich in Asien und China. Und habe festgestellt, dass die Versprechen des Wirtschaftswachstums nicht eingelöst wurden. Viele Menschen sind vom Land in die verschmutzten Städte gezogen, wo sie zwar mehr verdienten, wo aber ihr Lebensstandard fiel, und das hat viele soziale Probleme verursacht. Familien zerfielen. Ich habe mich gefragt, wie gut das Wirtschaftswachstum tatsächlich war, als 2008 die Finanzkrise zuschlug. Ich habe angefangen, über die Probleme des Wirtschaftswachstums zu schreiben und über die Folgen für die Umwelt nachzudenken. Ich kam in Kontakt mit dem Club of Rome. Und dann begann sich für mich die Lage zu klären. Das wollte ich in Change! weitergeben. Ich wollte mein Buch auch zuerst in Deutschland veröffentlichen, weil die deutschsprachige Welt am ehesten diese Ideen versteht.

VER.DI PUBLIK: Tatsächlich?
MAXTON: Ja, absolut. Die englischsprachige Welt ist weit davon entfernt.

VER.DI PUBLIK: Sie sagen, für eine nachhaltige Wende sei es längst zu spät. Wir könnten aber den Sturz in die globale Ökokatastrophe managen, wenn wir sofort aus den schmutzigen Industrien aussteigen. Wie kommt diese radikale Botschaft an?
MAXTON: Man muss verstehen, wie groß und wie drängend das Problem eigentlich ist. In fünf oder zehn Jahren wird das sehr klar sein. Ich bekomme aber schon jetzt viele Vorschläge von Leuten, die an Lösungen arbeiten.

VER.DI PUBLIK: Sie sagen, auch wenn Einzelne ihren Lebenswandel komplett verändern, wird das die Situation nicht verbessern. Wo kann man ansetzen?
MAXTON: Die Wahrheit ist, dass die Leute nicht sehr viel tun können, um die Welt zu verändern. Sie und ich haben das Problem nicht verursacht und daher ist es auch für mich und Sie sehr schwer, es zu lösen. Es sind die Ölunternehmen, die Automobilhersteller, die Fluggesellschaften.
 
VER.DI PUBLIK: Sie haben auch eine To-Do-Liste aufgestellt, die beschreibt, wer in seiner gesellschaftlichen Rolle was unternehmen kann.
MAXTON: Diejenigen, die den Wandel am ehesten wollen, das sind die ganz normalen Leute. Nicht die Politiker, nicht die Industrieunternehmen, nicht die Medien. Es ist der typische Bürger, die typische Bürgerin, die etwas unternehmen wollen, aber nicht wissen, wo er oder sie ansetzen kann. Sie möchte ich ermutigen.

VER.DI PUBLIK: Also aufs Auto verzichten und sich vegan ernähren?
MAXTON: Selbst wenn jeder in Europa so nachhaltig wie möglich leben würde, würde es nichts ändern. Aber die Menschen können ein Beispiel geben und zu Katalysatoren des Wandels werden. Wenn wir damit beginnen, bestimmte Ölfirmen zu boykottieren und ihre Produkte nicht kaufen, wenn wir alle kollektiv entscheiden, die Anzahl der Flüge zu reduzieren, dann würde sich das auf die Profitabilität dieser großen Unternehmen auswirken. Und damit könnten wir die Aufmerksamkeit der Politikerinnen und Politiker erhalten und den sozialen Druck erhöhen. Wir müssen ein Beispiel für den Rest der Welt sein.

VER.DI PUBLIK: Kann die Digitalisierung helfen?
MAXTON: Im Netz gibt es viele Petitionen, und die Leute denken, sie bewirken damit etwas – aber sie tun nichts. Das Risiko des Internets besteht darin, falschen Trost und falsche Informationen zu liefern. Es ist eine Basis für Leugner des Klimawandels und befördert den Dissens. Damit erschwert es den Wandel eher. Auf der anderen Seite bringt es aber auch Menschen zusammen, damit sie gemeinsam handeln können. Die Idee, dass Künstliche Intelligenz da weiterhilft, ist naiv. Sie versuchen, ein System zu verändern ohne wirkliche Veränderungen. Wir brauchen einen gesellschaftlichen, keinen technologischen Wandel.

Es sind die Ölunternehmen,
die Automobilhersteller,
die Fluggesellschaften

VER.DI PUBLIK: Wie beurteilen Sie die ­Klimaklagen?
MAXTON: Die sind eine legale Form des Aktivismus. Sie erhöhen die Wahrnehmung und bringen die Unternehmen in eine verletzliche Position. Zu den Vorschlägen, die ich einer Schweizer Schulklasse gemacht habe, die mich eingeladen hatte, gehörte, dass sie an die Chefs der fossilen Unternehmen in ihrem Land schreiben und sie fragen sollten, warum sie weiterhin die Atmosphäre zerstören, wenn sie doch wissen, dass sie die Erde damit unbewohnbar machen. So etwas erhöht den sozialen Druck. Alles, was den Druck und die Aufmerksamkeit erhöht, bringt die Unternehmen dazu wahrzunehmen, dass sie dafür verantwortlich sind. Und es sensibilisiert Politiker und Politikerinnen.

VER.DI PUBLIK: Sie setzen auf den moralischen Appell der jüngeren Generation?
MAXTON: Das moralische Argument ist wichtig. Leider ignorieren es viele. Ich glaube, dass die Leute in fünf bis zehn Jahren das ganze politische System in Frage stellen und sehr wütend werden. Wir befinden uns am Beginn einer größeren politischen Bewegung, die sich gegen die Zerstörung unseres Planeten richtet. Sie wächst sehr, sehr langsam. Sie hat moralische, rechtliche, ökonomische Aspekte, die alle eine Rolle spielen, und natürlich einen aktivistischen Aspekt.

VER.DI PUBLIK: Sind die grünen Parteien eher hinderlich für den Wandel, weil sich ja schon jemand um das Problem kümmert, oder brauchen wir sie, weil sie diese Themen im politischen Diskurs repräsentieren?
MAXTON: Das Bewusstsein für das Problem ist in Deutschland und Österreich dank der Grünen sehr hoch, weil sie die Leute auf den Klimawandel aufmerksam machen und auf die Notwendigkeit, mit der Natur in Harmonie zu leben. Aber viele trösten sich damit, dass es diese Partei gibt, die sich um die Umwelt kümmert. Aber einige ihrer Ideen sind inzwischen überholt. Viele meiner Freunde in Österreich glauben daran, dass sie mit Recycling und lokalen Einkäufen, weniger Fleischverbrauch und Zugfahren Teil der Lösung sind. Die Wahrheit aber ist, dass das die Welt nicht retten wird. Die Situation ist heute so schlimm wie noch nie: Der Verschmutzungsgrad ist höher denn je, das Artensterben geht so schnell voran wie noch nie.

VER.DI PUBLIK: Entspricht diese Entwicklung dem Standardszenario aus dem Bericht „Die Grenzen des Wachstums” von 1972? Sind wir gerade davor abzukippen?
MAXTON: Wir befinden uns nahezu perfekt auf den Entwicklungslinien des Standardszenarios, wie der australische Forscher Graham Turner 2014 nachgewiesen hat. Er hat auch nachgewiesen, dass Studien, die das Modell von den Grenzen des Wachstums in Frage stellten, fehlerhaft waren. Aber auch Donella und Dennis Meadows, die das Standardszenario entwickelt haben, haben Updates gemacht und kamen zu demselben Ergebnis.

VER.DI PUBLIK: Und das heißt?
MAXTON: Man sieht die Anzeichen des Klimawandels, das beschleunigte Artensterben, die Verschmutzung des Trinkwassers und der Meere und die zunehmenden Konflikte. All das zeigt, dass der Kollaps bereits stattfindet. Die Herausforderung besteht nun darin, ihn zu verlangsamen und zu managen. Das Problem ist jetzt noch dringender.

VER.DI PUBLIK: Können wir den Kollaps noch verhindern?
MAXTON: Das Öko-System reagiert nur langsam, und es ist zu spät, diese ­Entwicklung noch zu verhindern. Dennis Meadows sagt, dass es für eine nachhaltige Entwicklung zu spät ist. Viele sind überrascht, wenn sie das hören. Aber es ist wahr.

VER.DI PUBLIK: Was denken Sie über ­diese Extinction Rebellion, die jetzt in London Furore macht und in der Klimakrise zu zivilem Ungehorsam aufruft?
MAXTON: Das hilft weiter. Alle diese Bewegungen erhöhen das Bewusstsein für die Dringlichkeit des Problems. Ich sehe, wie Leute in den USA, die schon 50, 60 Jahre alt sind, versuchen, Ölpipelines stillzulegen. Und es gibt die Schulstreiks. Das stimmt mich optimistisch. Ich sehe es als meinen Beitrag an, die Leute zu ermutigen, den nötigen Wandel einzu­fordern. Und ich sage, was bisher niemand gesagt hat: Dass es nicht reicht, die Systeme zu verändern, wir müssen den Schaden stoppen.        

INTERVIEW: Christiane Schulzki-Haddouti