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Als in dem Löschzentrum in Berlin-Spandau noch fotografiert werden durfte. Inzwischen verwehrt der Betreiber Medien den Zutritt, die Beschäftigten arbeiten hinter runtergelassenen Rolläden

Foto: Gordon Welters/laif

 

In Berlin-Spandau lässt der US-amerikanische Social Media-Konzern ein Löschzentrum betreiben. Die Arbeit, die vor allem Migranten und Migrantinnen unterschiedlichster Herkunft verrichten, ist psychisch extrem belastend, die Fluktuation entsprechend hoch

Von Silke Leuckfeld

Wenn Adnan das Gebäude von Arvato im Berliner Stadtteil Siemensstadt betritt, öffnet er mit einer Schlüsselkarte die ­Türen und geht zu seinem Arbeitsplatz. Seine Schicht beginnt entweder um 8 Uhr morgens und dauert bis 16 Uhr, oder sie beginnt um 13:30 Uhr und er arbeitet bis 22 Uhr. Die Nachtschicht fängt um 22 Uhr an und dauert bis morgens 6:30 Uhr. Wenn er an seinem Arbeitsplatz angekommen ist, loggt er sich in das System, mit dem er arbeitet, mit einem Code ein. Danach hat er nur knapp zehn Minuten Zeit, um E-Mails zu lesen oder zu überprüfen, ob es neue Löschregeln gibt. Das ist die Zeitvorgabe seines Arbeitgebers. Dann startet er mit einem Befehl seine eigentliche Arbeit.

Adnan weiß nicht, was er an diesem Tag ­sehen wird: Posts oder Videos von Extremisten, Mord, Kinderpornographie, Werbeanzeigen von Prostituierten beiderlei Geschlechts oder einfach nur nackte Geschlechtsteile. Adnan wird im Akkord Facebook-Seiten überprüfen und Posts und Videos löschen. Sein Arbeitgeber Arvato wurde dafür von dem US-amerikanischen Netzwerk beauftragt. Erst vor wenigen Monaten hat Arvato mit dem marokkanischen Konzern Saham das neue Gemeinschaftsunternehmen Majorel für diesen Geschäftsbereich gegründet. Draußen an der Tür steht noch Arvato. Und auch sonst hat sich für Adnan bisher nichts geändert, an den Schichten nichts und auch an seiner Arbeit nichts. In Deutschland gibt es noch ein zweites Löschzentrum in Essen, das von der Firma Competence Call Center (CCC) betrieben wird.

Zur Verschwiegenheit verpflichtet

Adnans richtigen Namen dürfen wir nicht schreiben, er ist von seinem Arbeitgeber zu strikter Verschwiegenheit verpflichtet worden. Dennoch interessieren sich Medienvertreter*innen, Politiker*innen und auch die Öffentlichkeit für seine Arbeit. Dabei steht weniger Arvato – jetzt Majorel – als vielmehr der Auftraggeber Facebook im Fokus. Facebook verschwieg sehr lange, wo und wer all die Seiten des Netzwerks bearbeitet und kontrolliert. Im Dezember 2016 berichtete zuerst die Süddeutsche Zeitung über das Löschzentrum in Berlin. Reportern der Zeitung war es gelungen, Beschäftigte, sogenannte Agents zu interviewen.

Durch den Artikel wurden katastrophale Arbeitsbedingungen im Berliner Löschzentrum öffentlich. Die Beschäftigten klagten unter anderem über massive psychische Probleme, die die Bilder und Filme, die sie löschen mussten, bei ihnen ausgelöst hätten. Seitdem hat sich einiges getan: Es gibt „Feelgood-Manager“, Yoga­kurse werden angeboten, und wer die gesehenen Bilder und Videos nicht verkraftet, erhält psychologische Hilfe. Letztere gibt es aber nur tagsüber. Wer in der Nachtschicht Probleme bekommt, soll sich an den Berliner Krisendienst ­wenden.

Was nach welchen Regeln gelöscht wird und wer diese festlegt, ist auch heute noch unklar. Vor allem entzieht sich Facebook gern den hiesigen Gesetzen. Wer rechtsextreme – und bei uns verbotene – Posts meldet, bekommt häufig nur die ­lapidare Antwort, dass dies nach den ­„Facebook-Regeln“ statthaft sei.

„Die Regeln werden ständig geändert“, sagt Adnan. Hat er Zweifel, ob er einen Beitrag löschen muss, wendet er sich an einen speziellen Ansprechpartner, der dann entscheidet. Um bei den ständig geänderten Löschregeln noch den Überblick zu behalten, werden Agents wie ­Adnan im Schnitt alle 14 Tage geschult. Auf der Löschliste stehen auch politische Organisationen, wie die Freie Syrische ­Armee. Dies sei für einige syrische Agents unverständlich, sagt Adnan. Für sie seien dies Freiheitskämpfer und keine Terroristen.

Kein angemessener Arbeitsplatz

Die Agents sind in Teams je nach Sprache zusammengefasst. Englisch müssen alle Beschäftigten sprechen, sowie eine zusätzliche Sprache. In der Bezahlung gibt es Unterschiede. Wer eine seltene Sprache wie Hebräisch oder eine skandinavische Sprache beherrscht, bekommt mehr Geld. Zum Einstieg wird zum Beispiel für Türkisch und Arabisch 9,38 Euro bezahlt, also knapp über dem Mindestlohn. Innerhalb von zwei Jahren erhöht sich der Stundensatz auf rund 10,40 Euro. Diese Endstufe zahlt Arvato für die seltenen Sprachen sofort.

Für die ausländischen Beschäftigten ist das Löschzentrum einerseits die Chance auf einen Arbeitsplatz, auch wenn sie nicht oder nur schlecht deutsch sprechen. Andererseits ist es für sie aber schnell auch eine Sackgasse. So können ausländische Studierende, die aus Nicht-EU-Staaten kommen, sich nach ihrem deutschen Hochschulabschluss einen dem „Abschluss angemessenen Arbeitsplatz“ (Aufenthaltsgesetz, § 18b) suchen. Wenn sie dort zwei Jahre arbeiten, können sie eine Niederlassungserlaubnis erhalten und dürfen in Deutschland dauerhaft ­arbeiten. Die Arbeit im Löschzentrum falle aber nicht unter die Kategorie dem „Abschluss angemessener Arbeitsplatz“, sagt Adnan: „Sie können mit dem Zeugnis nicht einmal in einem anderen Callcenter anfangen, da sie keinen Kundenkontakt hatten.“ Auch deshalb soll die Fluktuation sehr hoch sein.

Bei ver.di haben sich in den vergangenen Monaten etliche Agents gemeldet, die wegen kleinster Vergehen entlassen wurden. Betroffen sind Beschäftigte, die einen unbefristeten Arbeitsvertrag hatten. Während lange massiv Personal eingestellt wurde, werden jetzt einige Teams radikal verkleinert. Offenbar wurde ein Teil des Auftrags nach Marokko vergeben, wo ein neues Löschzentrum eröffnet wurde. Die Einkommen und auch die Personalkosten sind in Marokko deutlich niedriger. Und: Dort gibt es vor allem auch keine Gewerkschaft, die die Beschäftigten vertritt.

Auch Betriebsräte gehen

Nach dem Bericht in der Süddeutschen Zeitung und der Kritik an den Arbeits- und Einkommensbedingungen hatten ver.di-Vertreter*innen Flugblätter vor dem Löschzentrum in Berlin verteilt und ver.di-Mitglieder geworben. Damit kann ver.di der Zutritt nicht komplett verweigert ­werden. „Ich kann das Gebäude betreten, besuche den Betriebsrat und gehe zu ­Betriebsversammlungen“, sagt ver.di-­Gewerkschaftssekretär Oliver Hauser, der für den Betrieb zuständig ist. Im direkten Arbeitsbereich sei er bisher jedoch noch nicht gewesen, dort habe auch er keinen Zutritt.

Im vergangenen Jahr hat ver.di eine ­Liste zu den Betriebsratswahlen unterstützt. Insgesamt sind drei Listen für den 15-köpfigen Betriebsrat angetreten. „Unsere Liste hat acht Sitze gewonnen“, sagt Hauser. Das sei aber nur ein Etappensieg. Auch viele Betriebsratsmitglieder von ­dieser Liste hätten das Unternehmen inzwischen wieder verlassen. Diese Arbeit halte eben einfach niemand lange aus.