Zwei von Millionen

Migrantinnen und Migranten machen Deutschland seit langer Zeit schon reicher. Bei ver.di engagieren sich immer mehr von ihnen für würdiges Arbeiten und soziale Gerechtigkeit

Texte: Peter Steiniger

Die Vielfalt gehört zu Deutschland. Auf die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di trifft das nicht weniger zu, sondern eher mehr. Unter den tausend Berufen, die sie vertritt, sind besonders viele, die überdurchschnittlich von Menschen ausgeübt werden, die auch anderswo Wurzeln haben, die eingewandert oder als Flüchtlinge gekommen sind.

Stärker als andere Bevölkerungsgruppen sind Migrantinnen und Migranten Ausbeutung am Arbeitsplatz und Armutsrisiken jetzt und im Alter ausgesetzt. Fast jeder zweite Job im Niedriglohnsektor wird hierzulande von Menschen mit einem Migrationshintergrund ausgeübt. Gewerkschaftliche Organisierung tut also Not. ver.di kämpft nicht nur gegen die soziale Diskriminierung, sondern für Gleichberechtigung in allen Sphären der Gesellschaft.

Der Anteil von ver.di-Mitgliedern mit Migrationshintergrund wächst. Dass sie auch in Gewerkschaftsgremien und unter den Hauptamtlichen stärker vertreten sind, ist erklärtes Ziel. Wir stellen zwei Aktive vor, die sich für mehr Gerechtigkeit in der Einwanderungsgesellschaft stark machen.

 


 

Meral Dogan, 54 Jahre, Migrationsberaterin, Duisburg

Fotos: Christian Mang

Ausländerin ist nicht gleich Ausländerin, weiß Meral. Wie man aussieht und aus welchem Land man kommt, macht nach ihrer Erfahrung einen großen Unterschied. Ihr türkischer Hintergrund etwa rufe hierzulande bei den meisten keine große Begeisterung hervor. Schwarze Haare, dunkler Teint: Mehr braucht es nicht, um auf der Straße schief angesehen oder dumm angesprochen zu werden. Da frage sie keiner, sagt Meral, ob sie richtig Deutsch könne und welchen Pass sie habe. Dennoch ist sie froh, bereits seit vielen Jahren die deutsche Staatsangehörigkeit zu besitzen. Meral verweist auf den Zusammenhang von Bleiberecht und Lebensqualität: Ohne Aufenthalt, da blieben Menschen viele Türen verschlossen.

Im Alter von 8 Jahren kam Meral 1973 mit ihrer Mutter und den beiden jüngeren Geschwistern im Rahmen einer Familienzusammenführung nach Deutschland. Der Vater lebte hier bereits, war als sogenannter Gastarbeiter angeworben worden. Unter der Trennung von den Seinen hatte er gelitten. Im selben Jahr – es war die Zeit der Ölpreiskrise und die Konjunktur stockte – wurde in der Bundesrepublik ein Anwerbestopp für Ausländer verhängt. Aus Arbeitskräften auf Zeit wurden nun erst recht Einwanderer, da nach einer Rückkehr in die Herkunftsländer die Tür zu einem weiteren Job in Deutschland nicht mehr offenstand.

Meral ging in Essen zur Schule. In der Ruhrgebietsstadt wuchs sie auf, fand sie ihre Freunde. Eigentlich, sagt sie, fühlt sie sich mehr als Essenerin als alles andere. Zwei Kulturen gut zu kennen, betrachtet sie als Gewinn. Sie habe das Glück, von beiden das Schöne und Gute annehmen zu können.

Organisieren, kämpfen, niemals aufgeben

Nach dem Abitur lernte Meral zunächst Industriekauffrau, bereits nach zweieinhalb Jahren machte sie ihren Abschluss. Über ein Theaterprojekt lernte sie ihren ebenfalls türkischstämmigen Mann kennen, einen Dortmunder. Die Ehe – sie hält seit 30 Jahren – versprach auch eine neue Freiheit. Im Elternhaus ging es noch ein wenig traditionell zu. Später studierte Meral Sozialarbeit, nebenbei erwarb sie am Goethe-Institut den Dozentenschein für Deutschkurse. Vor gut 20 Jahren fing Meral bei der Arbeiterwohlfahrt in Duisburg an, mittlerweile berät sie beim Ableger AWO-Integration gGmbH Migrantinnen und Migranten. In der Tasche hat sie nun auch ein Zertifikat als Prüferin für Integrationskurse.

Ihr Unternehmen sei nicht tarifgebunden, bedauert die mittlerweile langjährige ehrenamtliche Betriebsrätin und aktive ver.di-Gewerkschafterin. Doch immer wieder gelinge es ihr, Mitglieder für ver.di zu gewinnen. Aufgeben ist für Meral keine Option: Sie erklärt, warum, weshalb, wieso Gewerkschaft sein muss. Dass diese der wichtigste Halt für die Beschäftigten ist, dass sie nur mit ihr und gemeinsam stark sein können. Politisch setzt sich Meral für ein besseres Zuwanderungsgesetz ein, das Migrantinnen und Migranten einen leichteren Zugang zu Bildung und Arbeit, die volle Beteiligung an der Demokratie garantiert.

Aus Überzeugung, wie sie betont, ist Meral bei ver.di gleich auf mehreren Ebenen aktiv, vom Frauenrat bis zum Bundesmigrationsausschuss. Traurig findet sie, dass viel Gewerkschaftsarbeit stets an wenigen hängenbleibt. Und in den Gremien würde sie gern mehr Gesichter sehen, die auf Migrantin oder Migrant schließen lassen.

 


 

Jahangir Alam, 22 Jahre, angehender Krankenpfleger, Eibach in Bayern

Jahangir wusste nicht, dass es auf Deutschland hinausläuft. Als er 2012 hier ankam, war er gerade 17 geworden. Seine Familie in Bangladesch hatte Schlepper bezahlt, die ihn nach Europa brachten: Damit er die Chance auf ein besseres Leben erhält. Bangladesch ist eines der ärmsten Länder in Südasien, der Hunger für viele Menschen Alltag, echte Jobs gibt es nur wenige. Dem gegenüber steht der extreme Reichtum einer kleinen Elite. Jahangir selbst war unzufrieden mit den politischen Verhältnissen in seiner Heimat.

Für die ersten Monate erhielt der unbegleitete minderjährige Flüchtling einen Platz in einem Heim in Nürnberg. Ein gesetzlicher Vormund wurde bestimmt. Dann fand sich glücklicherweise auch eine ehrenamtliche Patin, die Jahangir bei vielen Problemen des neuen Lebens in Deutschland unterstützte. Sie weckte bei ihm auch das Interesse dafür, beruflich den Weg in den Pflegebereich einzuschlagen. Jahangir lebte nun in einer Wohngruppe für Jugendliche in der fränkischen Großstadt.

Der schwerste Kampf war der, hier bleiben zu dürfen. Alle drei Monate musste sich Jahangir bei der Ausländerbehörde melden. Das war keine schöne Zeit, sagt er. Nicht immer begegneten ihm die Beamten freundlich. Und immer wieder die Frage: Warum sind Sie hier? Auf die Ablehnung einer Aufenthaltserlaubnis folgten Widerspruch und Duldung.

Zunächst absolvierte Jahangir die Schule. Am Anfang standen Integrations- und Sprachkurse, am Ende der qualifizierende Hauptschulabschluss. Damit war es ihm möglich, eine Ausbildung als Pflegefach­helfer zu absolvieren. Das tat er mit Erfolg. Jahangir begann eine Tätigkeit am Klinikum Nürnberg. Viereinhalb Jahre nach seiner Ankunft erlangte er endlich auch einen gesicherten Aufenthaltsstatus.

Lernen, arbeiten, bleiben, anderen helfen

Jahangir will nicht stehenbleiben: Mittlerweile hat er am Klinikum eine weitere Ausbildung aufgenommen. Wenn alles gut geht, hat er Ende März 2020 den Berufsabschluss als Gesundheits- und Krankenpfleger in der Tasche. Im Nürnberger Stadtteil Eibach fand er eine Wohnung, ein eigenes Zuhause.

Politisch interessiert und aktiv ist Jahangir weiterhin. 2014 beeindruckte ihn ein Besuch des Bayerischen Landtags mit der Quali-­Klasse. Kurz darauf trat er in die SPD ein, engagiert sich bei den Jusos. Seit zwei Jahren ist er auch ver.di-Mitglied. Die Gewerkschaft hatte unter den Auszubildenden geworben und traf bei Jahangir auf offene Ohren.

Jahangir wünscht sich, dass man es den Menschen, die hier leben und etwas leisten wollen, leichter macht, in der Gesellschaft Fuß zu fassen. Er kennt viele mit ähnlichen Schicksalen, die hierzulande bereits voll etabliert sind – und die dennoch nicht eingebürgert werden und kein Wahlrecht besitzen. Gemeinsam mit seiner Patenfamilie hat Jahangir einen Verein (www.alsoev.de) gegründet, der die Kinder armer Menschen in Bangladesch unterstützt, die sich das Schulgeld nicht leisten können.

Für die Amtsperiode 2019 bis 2022 gehört Jahangir, der sich im Bezirk Mittelfranken engagiert, dem Bundesmigrationsausschuss von ver.di an. Am Klinikum Nürnberg kandidierte er zuletzt für die Jugend- und Auszubildendenvertretung und wurde zum ­ersten Ersatzmitglied bestimmt. Von sieben Mitgliedern fällt häufiger jemand aus. Jahangir springt dann ein. Er wird gebraucht – und das fühlt sich gut an.