Portrait

 

Ein Leben im Einklang mit seinen Idealen – Bodo Wartke ist konsequent, auch wenn das vieles aufwändiger macht

Foto: Sebastian Niehoff


Der deutsche Folksänger Bodo Wartke vertont das Grundgesetz, und das Publikum singt mit. Ein Liebeslied übersetzt er in diverse Sprachen, darunter Klingonisch und Schwyzerdütsch. Und er tritt da auf, wo er gebraucht wird

Von Henry Steinhau

Das kommt überraschend. Eben noch reimt sich Bodo Wartke im Song „Bei schönen Frauen bin ich kompromiss­bereit“ durch ein missglücktes Date und nun das: „Weil es in diesem Jahr 70. Geburtstag feiert, singen wir jetzt das deutsche Grundgesetz“, verkündet er auf der Bühne der Berliner Kabarett-Anstalt. Und schon jammen sich er und seine „SchönenGutenA-Band“ durch die ersten fünf Artikel unserer Verfassung. Mitunter im genauen Wortlaut, auf einen treibenden Bluesrock gelegt. Zwischendurch betont Wartke die Schönheit des Gesetzestexts mit Zeilen wie „Ist die Grundordnung freiheitlich und demokratisch, ist uns das nicht unsympathisch!“. Er reimt, und rappt Dinge wie „Die FDGO ist der Chef, Digger! Yo!“ oder ernsthafter: „Gleich­berechtigung zwischen Mann und Frau. (Zumindest auf dem Papier.)“ Dazu sitzen die vier am vorderen Bühnenrand, der Schlagzeuger klöppelt auf einem Holzstuhl – ein akustisches Werkstatt-Setting. Spätestens wenn Wartke beim Refrain – „Say what? Das deutsche Grundgesetz!“ – die Mundharmonika rockt, hat er das ­Publikum für seine Idee gewonnen.

Einen Nerv getroffen

Der tosende Applaus hält so ungewöhnlich lang an, dass Wartke sichtlich gerührt dasteht und strahlt. Er hat einen Nerv getroffen. Gerade die Auftritte in kleinen Theatern sind ihm herzlich willkommen, um neue Lieder live auszuprobieren, erzählt er im Interview. Hier kann er in die Gesichter der Menschen sehen und ihre Reaktionen spüren. Zudem fühlt er sich kleineren Bühnen verbunden, insbesondere in Berlin, wo der geborene Ham­burger seit 1997 lebt. Hier bekam er seiner­zeit erste Engagements und Jobs in der Kleinkunstszene, die ihn bestärkten, als professioneller Künstler zu arbeiten. Mittlerweile füllt er mit seinen Klavierkabarett-Programmen, Theaterstücken oder Swing-Orchester-Abenden mühelos große Theater und Konzertsäle. So kann er den Kleintheatern etwas zurückgeben – und seine Auftritte dort würden ihn immer gut erden, sagt er.

Beim Gespräch in einem Café in Kreuzberg erweist sich der 42-jährige Bodo ­Wartke als bodenständig und zugänglich; er ist interessiert an den Reporterfragen. Über fast zwei Stunden hinweg lässt er sich nicht ein einziges Mal durch sein Smartphone ablenken. Dabei hat er gut zu tun; sein Tourplan ist schon jetzt bis 2020 gespickt mit Auftritten, bis zu 120 pro Jahr. Dank gut abgestimmter Termine habe er dennoch viel Zeit für die Familie, sagt er, und das genieße er sehr. Auch sein Kiez bringt ihn runter und liefert ihm neuen Stoff: „Wer über das Leben singen will, der muss auch daran teilhaben.“

Viele seiner neueren Lieder gehen über die pointierten gereimten Alltagsbe­obachtungen und inneren Befindlich­keiten hinaus. Denn Wartke will Stellung be­ziehen in diesen unruhigen Zeiten. Er brandmarkt in „Nicht in meinem Namen“ religiösen Fanatismus, plädiert in „Das Land, in dem ich leben will“, für eine offene, tolerante Gesellschaft. In dem jüngst veröffentlichten Song „Es wird Zeit!“ rechnet er deutlich mit autokratischen Staats­führern ab. Und in einer klugen Replik nimmt er deutsche Gangster-Rapper aufs Korn, die vorgeben, ihre antisemitischen und gewaltverherrlichenden Texte seien „nicht so gemeint“. Auch hier ist der Wortwitz scharf.

Mitarbeiter fair bezahlen

Sein sechstes Programm, an dem er gerade arbeitet, wird vielleicht sein bisher „politischstes“ – und muss es sein angesichts von Rechtspopulismus und Klimakrisen. Wartke sagt, er folge für seine ­Lieder seinen Impulsen: „Ich habe lange dafür gebraucht, eine klare Meinung und genug Kompetenz zu entwickeln, mich zu bestimmten Sachen zu äußern. Doch ich mache das nicht, weil es gerade hip ist oder weil’s andere tun. Ich siedele mich eher bei musikalisch-literarischem Kabarett mit politischen Akzenten an.“ Georg Kreisler nennt er als einen, der ihn besonders prägte und natürlich der König der Reime, Heinz Erhardt.

Seine künstlerische Vielseitigkeit – auf dem Klavier kann er nahezu alles, daneben spielt er Mundharmonika und Cajon, beherrscht Swingtanz, Step und Slapstick, schreibt Librettos und inszeniert Theaterstücke – ist ihm wichtig, vielleicht ist sie auch wirtschaftlich notwendig. Zugleich will er aber vor keinem Publikum seine ­Haltungen verleugnen. Oft stiftet er die kompletten Einnahmen eines Konzerts einer zivilgesellschaftlichen Organisation, wie Greenpeace, Amnesty International oder der Initiative Offene Gesellschaft. ­Zudem eilt er häufig zur musikalischen ­Unterstützung verschiedener Aktivsten herbei, etwa für die Demonstrierenden im Hambacher Forst oder für 25.000 Schülerinnen und Schüler bei „Fridays for ­Future“. Er unterstützt regelmäßig zahlreiche Organisationen, die sich um Flüchtlinge, Kinder und Schulen und Obdachlose kümmern.

„Wer über das Leben singen will,
der muss auch daran teilhaben.“

Wartke weiß, dass er nur deshalb so konsequent seinen Überzeugungen folgen kann, weil er sich von Beginn seiner ­Karriere an gezielt selbst vermarktete und mit einer eigenen GmbH unabhängig machte. Außergewöhnlich für seine Branche: Sein Musikverlag hat sich zahlreiche Selbstverpflichtungen auferlegt: „Dazu gehört eine faire Bezahlung unserer Mitarbei­terinnen und Mitarbei­ter. Und wir achten bei unseren CDs, DVDs und Büchern auf ökologisch nachhaltige Produktion. Und wir machen ‚Green Touring‘: Kein Plastik, jeder hat seine eigene Trinkflasche. In unserer Bühnen­anweisung steht, dass wir keine Lebensmittel aus dem Nestlé-Konzern verwenden.“ So sei zwar vieles aufwändiger und teurer, aber es ermögliche ihm ein Leben in besserem Einklang mit seinen Idealen, sagt er.

Kein Privatfernsehen

Wartke tritt aus Prinzip nicht im Privatfernsehen auf und sagt auch bei Angeboten von öffentlich-rechtlichen Sendern nur zu, wenn er sich in dem Format wiederfindet. Er schielt nicht auf Charts oder kommerziell ausgerichtete Kollaborationen – und lässt seinen Musikverlag lieber alles selbst in die Hand nehmen.

„Es geht mir nicht darum, viel Geld zu verdienen, im schlimmsten Fall sogar mit Sachen, die ich gar nicht mag. Sondern es geht mir darum, mit Sachen, die ich mag, ausreichend Geld zu verdienen, um weiter die Sachen machen zu können, die ich mag – und zwar ausschließlich. Damit bin ich jetzt nicht megamäßig erfolgreich. Aber es funktioniert bisher sehr gut so.“ Diese gesunde Selbstbegrenzung sowie der Fokus auf Haltung und Zufriedenheit mit dem eigenen Tun ist bemerkenswert. Nicht nur bei Künstlern.

 

Geboren ...

in Hamburg, tritt Bodo Wartke ab 1996 mit Solo-Programmen als Klavier-­Kabarettist auf. Er gewinnt zahlreiche ­Kabarett- und Kleinkunst-Preise, gelangt mehrfach unter die Top 20 der „Liederbestenliste“. Seine bisher fünf Klavier-­Kabarettprogramme mischen Humor und Melancholie, Lebensweisheiten und ­politisch klare Haltung. Großen Zuspruch finden seine Theaterproduktionen König Ödipus und Antigone. In den Adaptionen mit Musik und Situationskomik schlüpft er solo oder mit Bühnenpartnerin in bis zu 22 Rollen. Beliebt ist Wartke auch für seine „Ausdauerprojekte“: Für sein ­„Liebeslied“ schafft er sich seit mehr als 15 Jahren Übersetzungen in rund 100 Sprachen drauf (darunter sogar Klingonisch und Schwyzerdütsch). Mit „Deine Strophe“ sang er innerhalb von fünf Jahren zu fast 1.000 weiblichen Vor­namen jeweils eine Strophe ein.