Biohandel

„Bio“ ist nicht automatisch fair

Schlechte Bedingungen in vielen Ökosupermärkten

Mitbestimmungsfreie Zonen

Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Der Handel mit Biolebensmitteln boomt seit Jahren, und Supermarktketten wie Alnatura, Denn’s Biomarkt und Bio Company expandieren Jahr für Jahr. Doch wenn es um Bezahlung und Arbeitszeit nach Tarif sowie um die Mitbestimmung geht, erweist sich die Branche als sehr abweisend, wie Orhan Akman, Leiter des ver.di-Bundesfachbereichs Einzelhandel kritisiert.

Doch in anderen Teilen der Branche tut sich seit einiger Zeit eine Menge: im Großhandel nämlich. Mitte Mai wählten die Beschäftigten aus Warenlager und Zentralverwaltung beim Bio-Großhändler Dennree im oberfränkischen Töpen erstmals einen 15-köpfigen Betriebsrat. Dabei ging die Mehrheit von acht Sitzen an ver.di. „Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit dem Arbeitgeber, etwa die Schulung des Wahlvorstandes durchzusetzen, lief die Wahl völlig unproblematisch“, berichtet Paul Lehmann, der zuständige ver.di-Handelssekretär aus dem Bezirk Oberfranken. Mehr als 75 Prozent der 1.300-köpfigen Belegschaft hätten sich an der Wahl beteiligt, was als überragendes Ergebnis anzu­sehen sei.

Ende Mai folgten dann die Konstituierung des Betriebsrates sowie die Wahlen zum Vorsitz im Gremium. „Mittlerweile haben wir als ver.di Dennree bereits zu Tarifverhandlungen aufgefordert“, sagt Lehmann. Schließlich sei die schlechte Bezahlung für viele der Beschäftigten das zentrale Mobilisierungsthema für die Betriebsratswahl gewesen.

Streikbereit

Während beim Umsatzriesen Dennree, der zusammen mit den eigenen Denn’s Biomärkten im vergangenen Jahr etwas mehr als eine Milliarde Euro Umsatz erwirtschaftet hat, Tarifentgelte noch Zukunftsmusik sind, werden beim weitaus kleineren Biogroßhandel Naturkost ­Elkershausen in Göttingen längst in jeder Tarifrunde Löhne und Gehälter erhöht. „Dieses Jahr wollte der Geschäftsführer zunächst nicht verhandeln“, sagt Michael Oberhoff, langjähriger Betriebsratsvorsitzender bei Naturkost Elkershausen. „Deshalb haben wir uns diesmal wieder in die Tarifrunde des Groß- und Außenhandels Niedersachsen-Bremen eingeklinkt.“ Mit einer Urabstimmung unter den 152 Beschäftigten wurde die Streikbereitschaft dokumentiert und der Druck im Haus auf Gründer und Geschäftsführer Hermann Heldberg erhöht.

Ohnehin liegt die Bezahlung beim Göttinger Biogroßhändler deutlich über der der Konkurrenz. „Wir sind im Naturkost-Großhandel der erste Betrieb mit Tarifvertrag“, sagt Michael Oberhoff. In den zurückliegenden Tarifrunden konnte der Betriebsrat gemeinsam mit ver.di Niedersachsen-Bremen stets Abschlüsse bei der Bezahlung aushandeln, die über den Flächentarifverträgen im Großhandel ­liegen. „Dabei haben wir Festbetrags­erhöhungen für alle Beschäftigtengruppen und auch die Auszubildenden durchgesetzt, von denen die Mitarbeiter der unteren Entgeltgruppen besonders profitieren“, betont der Betriebsratsvorsitzende. Außerdem arbeiten die Mitarbeiter*innen nur 36 Wochenstunden – bei nahezu vollem Lohnausgleich.

Auch beim mit Elkershausen eng zusammenarbeitenden Großhandelsbetrieb Naturkost Erfurt soll ab 2021 voll nach Tarif bezahlt werden. Dort wurden – nicht zuletzt wegen der Beratung durch den Göttinger Betriebsrat – in den zurückliegenden Jahren zuerst ein Betriebsrat und dann eine Tarifkommission gewählt. Die Tarifkommission konnte in der Zwischenzeit einen Anerkennungstarifvertrag aushandeln, mit dem Stück für Stück der Anschluss an die Tarifentgelte erreicht wird.

Michael Oberhoff, der als Mitglied des ehrenamtlichen Vorstandes der ver.di-Bundesfachgruppe Groß- und ­Außen-handel mit vielen Kolleg*innen der Branche ins Gespräch kommt, hat auch an Tarifbezahlung interessierte Beschäftigte bei weiteren Biogroßhändlern beraten. „Ebenso nehmen die Anfragen aus dem Einzelhandel zu“, sagt der Betriebsratsvorsitzende. Vorwiegend Mitarbeiter*innen verschiedener Hofläden in Niedersachsen hätten ihn auf mög­liche Wege zu Betriebsrat und Tarifvertrag angesprochen.

Arbeitsplätze nicht bio

Derweil bleibt das Gros des Biolebensmittel-Einzelhandels eine weitgehend mitbestimmungsfreie Zone. Einzig bei der 1999 in Berlin gegründeten Filialkette Bio Company gibt es einen Betriebsrat und betriebliche Regelungen über Löhne und Gehälter. Allerdings ist die Wahl der Arbeitnehmervertretung vom Arbeitgeber beeinflusst worden. „Die Versuche gewerkschaftlich organisierter Beschäftigter, frei einen Betriebsrat wählen zu lassen, hat das Unternehmen unterbunden“, sagt Erika Ritter, die den Fachbereich Handel im ver.di-Landesbezirk Berlin-Brandenburg leitet. Und Tariflohn wird bei der Bio Company auch nicht gezahlt. Ziel sei es, dem „möglichst nahezukommen“, hieß es Ende April in einem Beitrag auf Zeit-online.

Orhan Akman kritisiert die Bio-Einzelhandelsketten mit deutlichen Worten. „Es ist nicht nachvollziehbar, dass ausgerechnet in einem Zweig des Einzelhandels, der sich Nachhaltigkeit, Tierwohl und Regionalität auf die Fahnen schreibt, eine Politik gegen Arbeitnehmerrechte gefahren wird“, sagte er im April gegenüber den Zeitungen der WAZ-Gruppe. Seit Jahren kämpfe ver.di beispielsweise um die Wahl eines Betriebsrates in einer Bremer Alnatura-Filiale – bisher ohne ­Erfolg. Viele Beschäftigte in Bio-Supermärkten müssten mehr als 37,5 Stunden wöchentlich arbeiten und bekämen dafür weniger Lohn und weniger Urlaubstage als die Tarifverträge des Einzelhandels vorsehen.

Dass möglicherweise die erfolgreiche Betriebsratswahl im Dennree-Groß­handel in Töpen positiv auf die Einzelhandelsbeschäftigten in Denn’s-Biomärkten ausstrahlen könnte, hält Paul Lehmann für wünschenswert, aber schwierig. „Die Vereinzelung im Einzelhandel erschwert Betriebsratswahlen.“ Engagierte Kolleg*innen hätten es nicht leicht, sich zu behaupten. ver.di unterstütze aber entsprechende Initiativen. „Bio“ bedeutet „Leben“, doch das Leben der im Biohandel beschäftigten Menschen scheint den Arbeitgebern bisher nicht allzu viel wert zu sein.    Gudrun Giese