Zara

Die Liste, die Angst macht

Schwarze Liste in Münchener Filiale: Mütter für künftige Kündigungen gelistet

Zara-Beschäftigte fordern eine Umkehr in der Unternehmenskultur

Foto: Hubert Thiermeyer

Von Marion Lühring

Bei der Modekette Zara sind die Beschäftigten empört. Eine schwarze Liste mit negativen Anmerkungen über Mitarbeiter*innen und Betriebsräte ist in einer Münchner Filiale in der Leopoldstraße aufgetaucht. Die Liste lag plötzlich im Ablagefach unter der Kasse. Dort, wo normalerweise die Post für die Betriebsräte lagert. So erzählen es die Beschäftigten, die anonym bleiben wollen. Man habe die Liste abfotografiert. Und der Betriebsrat habe dann den zuständigen ver.di-Gewerkschaftssekretär informiert. „Schwarze Listen sind eine üble Methode“, sagt einer der Zara-Mitarbeiter. „Jeder Betroffene fragt sich, warum bin ich auf der Liste, warum andere nicht.“ Das Klima sei vergiftet. „So eine Liste ist eine absolute Schweinerei“, sagt ein anderer Mitarbeiter. Und eine Kollegin, die ebenfalls anonym bleiben will, findet: „Es ist ein schreckliches Gefühl, so im Fokus zu ­stehen.“

Der Infoblog von ver.di bei Zara hat über die Liste berichtet. Er hat geschwärzte Kopien ins Netz gestellt und erläutert (http://verdi-zara.blogspot.com). Die Papiere markieren Mitarbeiter*innen, die für Zara als unbequem gelten und denen das Modeunternehmen keine berufliche Zukunft geben will. Mütter sind für künftige Entlassungen gelistet. Und sämtliche Betriebsräte der betroffenen Filiale haben eine rote Markierung erhalten. Hinter den Namen einzelner Beschäftigter stehen Anmerkungen wie „will nicht“ oder „Aufhebung in Vorbereitung“.  Auch wer als Streikbrecher kurzzeitig eingestellt wurde, ist dort festgehalten.

Mit den Betroffenen seien bislang keine Gespräche geführt worden, sagt ein Mitarbeiter. Doch es sei eindeutig, welche Methode hinter allem stecke. „Betriebsräte, die beim Management negativ ­aufgefallen sind, stehen auf der Liste, zusammen mit den Beschäftigten, die das Modeunternehmen schnell loswerden will.“ „Bei den detaillierten Angaben handelt es sich jedoch um mitbestimmungspflichtige Aussagen“, betont ein Be­triebsrat einer Schwester-Filiale. Die Betriebsräte in der Leopoldstraße hätten über die Kündigungsabsichten informiert werden müssen.

Beschäftigte und Betriebsräte gehen davon aus, dass solche Listen auch in anderen Filialen geführt werden. Eine Mitarbeiterin erzählt, sie habe eine schwarze Liste durch Zufall in einer anderen Filiale gesehen, konnte sie aber nicht lesen und habe deshalb auch nicht gewusst, was das ist. In Deutschland hat Zara rund 80 Standorte mit 4.100 Mitarbeiter*innen. Vermutlich werden die Listen über das Intranet den Managern zur Verfügung gestellt, heißt es aus Reihen der Betriebsräte. Doch aus juristischer Sicht könne man nicht viel machen. Selbst in München nicht, wo die Liste aufgetaucht ist. Denn der Arbeitgeber habe das Papier sofort zurückverlangt und leugne jetzt seinen offiziellen Status. Auch gibt es auf mehrfache Anfragen der Betriebsräte keine Erklärung des Arbeit­gebers.

Dass eine solche Datensammlung gegen den Datenschutz verstoße, sei aber eindeutig. „Die Personalstelle darf die genannten Informationen zwar in einer Personalakte führen, jedoch nur als Einzelakte und nicht als Liste mit Informationen über mehrere Beschäftigtengruppen“, betont ein Betriebsrat. Zudem müsse die Personalstelle jederzeit Einsicht in die Personalakte gewähren, wenn der Beschäftigte das wünscht.

Nach dem Auffinden des brisanten Dokuments wurden alle Betroffenen vom Betriebsrat informiert. Vor allem die Mütter, die auf der Liste genannt sind, bangen jetzt um ihre Arbeit und finanzielle Zukunft. „Der Arbeitgeber sollte sich mal Gedanken darüber machen, was das für die Menschen psychisch bedeutet, auf so einer Liste zu stehen“, sagt eine Mitarbeiterin. Eine betroffene Mutter kann seither nicht mehr gut schlafen. Sie sagt: „Ich bin auf den Job angewiesen, muss die Miete zahlen. Die Liste macht mir Angst.“

Abfindung als Methode

Eine andere Beschäftigte, die ebenfalls anonym bleiben will, erzählt von weiteren dubiosen Methoden bei der spanischen Modekette. Unter anderem sollte eine Führungskraft herausgedrängt werden, weil sie nicht bereit war, andere zu schikanieren. Die betroffene Kollegin hätte ein Abfindungsangebot unter Zeitdruck bekommen, das sie nicht annahm. Daraufhin sei das Kündigungsbegehren gefolgt, dem der Betriebsrat aber nicht zugestimmt habe.

Und auch das erzählen aufgebrachte Mitarbeiter*innen: Eine Kassiererin habe eine höhere Eingruppierung gefordert. Daraufhin habe sie eine Abmahnung ­wegen einer Minute Verspätung bekommen. Und kurz darauf eine zweite Abmahnung, erneut wegen einer Minute Verspätung. „Es ist kein schönes Gefühl auf so einer Liste zu stehen“, sagt die Zara-Beschäftigte. „Die Liste macht deutlich, wie stark wir unter Beobachtung stehen.“

Nicht drängen lassen

Kommt es zu Filialschließungen, dann ist Zara dafür bekannt, die Mitbestimmungsrechte der Beschäftigten nicht zu achten. Entsprechend besorgt sind die Mitarbeiter*innen über die schwarze ­Liste in der Leopoldstraße. Auch ver.di München berichtete vor kurzem, dass die Modekette Zara versuche, Angestellte loszuwerden, vor allem Mütter. Das erstrecke sich über sämtliche Münchner Filialen, sagt Gewerkschaftssekretär Dominik Datz. Diejenigen, die am schwersten zu kündigen seien, und das seien klassischerweise Mütter, versuche das Management mit Aufhebungsverträgen loszuwerden. Dabei werde eine Abfindung angesprochen. Die Beschäftigten sollen sich innerhalb von ein bis zwei Tagen entscheiden. Dabei schwinge die Androhung der Kündigung schon mit. Datz empfiehlt Betroffenen, sich nicht drängen zu lassen, sondern erst einmal mit dem Betriebsrat zu reden und keinesfalls sofort zu unterschreiben.

ver.di-Mitglieder haben umfassenden Rechtsschutz und bekommen eine kostenlose Rechtsberatung. Sie werden auch darüber informiert, wie sie sich gegen Druck durch die Vorgesetzten wehren können. „Ich berate zum Beispiel immer jeden Einzelfall ergebnisoffen. Bei einer Entscheidung geht es darum, wie lange jemand im Betrieb ist, was die Abfindung überhaupt bringt und welche Alternativen es gibt. Das muss gründlich überlegt werden“, sagt Dominik Datz.

Die Beschäftigten in München haben sich nicht einschüchtern lassen. Zum großen Streikauftakt für den Handel in München gingen auch Zara-Beschäftigte mit auf die Straße. Auf einem der Plakate forderten sie: „Schluss mit dem Mobbing gegen Zara-Mamis!“ 80 Prozent der ­Zara-Beschäftigten sind Frauen. Ein Betriebsrat betont: „Es geht uns nicht ums Schlechtmachen. Wir wollen ein Um­denken in der Unternehmenskultur von Zara.“