Gute Arbeit

Schwer zu vereinbaren

Frauen tragen noch immer einen großen Anteil der Sorgearbeit

Vor allem Frauen kümmern sich um Familie und Pflegebedürftige, bekommen aber zu wenig Förderung

Foto: Gerald Staufer/Westend61

Von Gudrun Giese

Erwerbs- und Sorgearbeit unter einen Hut zu bringen, bleibt schwierig. Das belegt eine aktuelle Studie, für die ver.di die Daten von mehr als 3.000 Dienstleistungsbeschäftigten aus der repräsentativen Befragung von 2017 nach dem DGB-Index „Gute Arbeit“ ausgewertet hat. Unter Druck stehen vor allem Frauen, die immer noch den Löwenanteil der Betreuung von Kindern und/oder pflegebedürftigen Angehörigen tragen. Doch mit ­einer besseren Aufteilung dieser Pflichten zwischen Männern und Frauen ist es alleine nicht getan.

Familie Beyer (Name geändert) lebt in Hamburg und besteht aus insgesamt sieben Personen. Mutter Maria ist Altenpflegerin in einer stationären Einrichtung, Vater Hannes ist Bademeister in einem Freibad, was den angenehmen Nebeneffekt hat, dass er sich im Winter überwiegend um die fünf Kinder kümmern kann. „Ab April würde ich gerne meine Arbeitszeiten anpassen und erst um 8 statt 6 Uhr beginnen“, sagt Maria Beyer. „Doch obwohl ich eine Teilzeitstelle mit 25 Wochenstunden habe, klappt es mit dem späteren Arbeitsbeginn oft nicht.“ Der Grund: Es fehlt an Personal, und Überstunden gehören für alle Mitarbeiter*innen der Senioreneinrichtung zum Alltag.

Maria Beyer fühlt sich sehr wohl in ­ihrem Beruf und mit den Senior*innen, die sie betreut. Doch der ständige Arbeitsstress und das Gefühl, ihren Kindern nicht vollauf gerecht zu werden, machen ihr zu schaffen. Und sie ist damit nicht alleine in ihrem Arbeitsumfeld. „Es gibt noch andere Kolleginnen und Kollegen, die familienfreundlich arbeiten möchten. Die Pflegeleitung müsste aktiv werden und mehr Leute einstellen“, findet sie. Dass es nicht genügend Altenpflegekräfte auf dem ­Arbeitsmarkt gebe, sieht Maria Beyer als Ausrede an. „Viele haben sich aus dem Beruf zurückgezogen, weil die Bedingungen so hart sind.“ Würde hier mit guten Personalschlüsseln und familien-freund­lichen Arbeitszeiten nachgebessert, kämen auch wieder mehr Bewerbungen auf den Tisch. Da ist sich die 40-jährige Hamburgerin ganz sicher.

2015 war bei 51 Prozent der Paare mit einem Kind unter drei Jahren die Frau komplett für die Sorge- und Hausarbeit ­zuständig, während der Mann Vollzeit arbeitete, wie es in der ver.di-Studie mit Verweis auf die amtliche Statistik heißt. Auch für die Mehrzahl der in Teilzeit ­arbeitenden Frauen geht die Karriere nur schleppend voran und fehlt es an Förderung durch Vorgesetzte, während die ­parallel geleistete Sorge- bzw. Pflegearbeit weder sozial noch materiell anerkannt wird. Noch schwerer ist die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Sorgearbeit für Alleinerziehende – auch bei ihnen handelt es sich in der Mehrzahl um Frauen.

Im Einzelhandel arbeiten viele alleinerziehende Frauen. Hauptgrund dafür ist der hohe Anteil an Teilzeitstellen und scheinbarer Flexibilität der Arbeitszeit. In der Praxis leiden viele Beschäftigte unter kurzfristig anberaumten Überstunden oder veränderten Schichtplänen. „Bei uns ist eine völlig verquere Situation bei den Arbeitszeiten entstanden“, berichtet Nicole Weber (Name geändert), Verkäuferin bei H&M in einer süddeutschen Filiale. „Die Storeleitung drängt uns zu flexibleren Arbeitszeiten. Ich soll nun auch in der Mittel- und in der Spätschicht arbeiten, obwohl wir vor längerer Zeit fest vereinbart hatten, dass ich nur früh arbeite.“ Morgens bringt Nicole Webers Mutter die vierjährige Tochter zur Kita. Die H&M-­Verkäuferin holt die Kleine am Nachmittag ab und hat dann Zeit für sie.

Insgesamt habe sich in vielen H&M-­Filialen die absurde Lage entwickelt, „dass Kolleginnen und Kollegen, die überwiegend für Spätschichten eingestellt wurden, in Frühschichten geplant werden, um die Kolleg*innen aufzufangen, die in Spätschichten gezwungen wurden“, weiß Damiano Quinto, der in der ver.di-Bundesfachgruppe Einzelhandel H&M-Beschäftigte betreut. Und in einer Filiale wurden sogar neue Kolleg*innen für Frühschichten eingestellt, nachdem zuvor die freiwillig in der Frühschicht arbeitenden Beschäftigten wie Nicole Weber in die Mittel- und Spätschichten gezwungen worden waren.

Der H&M-Gesamtbetriebsrat hatte in einem Positionspapier im Sommer 2018 festgestellt: „Die Arbeitszeiten für sorgepflichtige Mütter und Väter, sowie Mitarbeiter mit pflegebedürftigen Angehörigen müssen familienfreundlich gestaltet sein.“ Das, was H&M derzeit unter der Überschrift „Flexibilisierung“ seinen Beschäftigten aufzwinge, habe allerdings nicht das Geringste mit familienfreundlichen Arbeitszeiten zu tun. Genau genommen sei das neue Flexibilisierungsprogramm nicht einmal notwendig, meint Damiano Quinto, sondern Ausdruck fehlender Personalplanung.

 

Die ver.di-Studie „Vereinbarkeit von ­Erwerbs- und Sorgearbeit im Dienstleistungssektor“ kann heruntergeladen werden unter: innovation-gute-arbeit.verdi.de/gute-arbeit/materialien-und-studien