Einzelhandel

Den Dumpingsumpf austrocknen

ver.di will einen allgemeinverbindlichen Tarifvertrag erreichen

Die vielen Musketiere des Einzelhandels beim Streik in Frankfurt

Foto: Karin Zennig

Mit Streiks in Frankfurt und Kassel haben die hessischen Beschäftigten auf die ­erste Runde der Tarifverhandlungen im Einzelhandel reagiert. Gut 1.000 Kolle­g*innen zogen am Samstagvormittag, 18. Mai, unter strahlend blauem Himmel durch die Frankfurter Einkaufsstraße Zeil. Sie skandierten­: „Einer für Alle!“

Damit bezogen sie sich auf die ver.di-Forderung nach Allgemeinverbindlichkeit des abzuschließenden Tarifvertrags. Dem will aber der Arbeitgeberverband nicht folgen, wie Landesfachbereichsleiter Bernhard Schiederig aus den Verhandlungen berichtet: „Einen gemeinsamen Antrag mit ver.di beim hessischen Sozialministerium, die Branchentarifverträge für allgemeinverbindlich zu erklären, haben die Arbeitgeber, wie auch in den vergangenen Jahren, erneut rundweg ­abgelehnt.“ Dabei könnten damit, sagt Schiederig, „der Dumpingsumpf bei der Bezahlung im Handel nachhaltig ausgetrocknet, der Verdrängungswettbewerb auf Kosten der Beschäftigten eingedämmt und die häufig prekäre Einkommenssituation in der Branche ein wenig entspannt werden.“

Im Auge von Axel

Einen weiteren Streik gab es beim Möbelhändler IKEA in Kassel. Dort stand die Hälfte der Belegschaft am 21. Mai ­draußen und trotzte Sturmtief Axel, das ausgerechnet an diesem Tag Nordhessen mit sintflutartigem Regen überzog.

Die Arbeitgeber hatten bei der ersten Verhandlungsrunde am 13. Mai Lohn­erhöhungen von 1,5 Prozent für das laufende und ein weiteres Prozent für das kommende Jahr geboten. Die ver.di- ­Tarifkommission, in der sich Betriebsräte zahlreicher Unternehmen der Branche engagieren, bezeichnete dieses Angebot als unannehmbar. Bernhard Schiederig: „Das wäre fürs Leben zu wenig. Solche Erhöhungen führen angesichts der steigenden Inflationsrate nicht bloß zu einem Nullsummenspiel, sondern zu einem glatten Reallohnverlust.“

Unterschiede ausgleichen

Im hessischen Einzel- und Versandhandel sind 236.000 Männer und Frauen beschäftigt, 28 Prozent von ihnen geringfügig (68.000) und guten sieben Prozent im Nebenjob (17.000). Neben der Allgemeingültigkeit des ­Tarifvertrags will ver.di Hessen für die Beschäftigten einen Euro mehr pro ­Stunde. Niedrigere Einkommen sollen so überproportional angehoben werden, damit die Einkommensunterschiede zwischen den Entgeltgruppen nicht zu groß werden. Auszubildende sollen im ersten Ausbildungsjahr 1.000 Euro bekommen, 1.100 Euro im zweiten und im dritten 1.200 Euro.Die Tarifverhandlungen werden am 27. Juni 2019 fortgesetzt.