Universitätsmedizin Rostock Logistik

Mit hohem persönlichen Einsatz

Sie haben gestreikt, Gesicht gezeigt, und das hat sich gelohnt: Beschäftigte werden jetzt nach Tarifvertrag bezahlt

Zum Verhandlungsauftakt im Februar haben die Beschäftigten der Logistik-Tochter deutlich Farbe bekannt

Foto: John Grochowski

Von Heike Langenberg

Mehr als sie erwartet hatten, haben die rund 300 Beschäftigten der Universitätsmedizin Rostock Logistik bei ihrer diesjährigen Tarifrunde erreicht. Ende April stimmte der Arbeitgeber zu, dass sie rückwirkend ab 1.  Januar 2019 nach dem Tarifvertrag der Länder (TV-L) bezahlt werden, so wie die anderen Beschäftigten der Universitätsmedizin Rostock (UMR). Deren 100-prozentige Tochter sind sie, übernehmen für die Mutter überwiegend Aufgaben in der Reinigung sowie im Fahr-, Wach- und Sicherheitsdienst. 2007 wurde die Logistik GmbH gegründet.

Bis zu 810 Euro mehr im Monat

Das Ergebnis bedeutet für eine Reinigungskraft im ersten Jahr 440 Euro brutto im Monat mehr (plus 27 Prozent). Da bisherige Beschäftigungszeiten angerechnet werden, kommen Beschäftigte im Wachdienst mit sechs Berufsjahren zukünftig auf 635 Euro brutto mehr (plus 36 Prozent), mit 15 Jahren im Fahrdienst werden monatlich 810 Euro brutto mehr bezahlt (plus 42 Prozent). Außerdem wurde die niedrigste Entgeltgruppe abgeschafft.

Erkämpft haben sich die Beschäftigten das gute Ergebnis mit hohem persönlichen Einsatz und großer Streikbereitschaft. Letztere machten sie bereits vor dem offiziellen Verhandlungsauftakt deutlich. Am 18. Februar, zum Verhandlungsauftakt bei der UMR, bekannten auch die Kolleg*innen bei der Logistik-Tochter Farbe und trugen ebenfalls rote Armbinden zum Zeichen ihrer Streikbereitschaft. Ein großes Transparent – von hinten mit bengalischem Feuer beleuchtet – zeigte vor den eigenen Verhandlungsrunden, dass sie streikbereit sind. Zugleich suchten sie sich aber auch Bündnispartner*innen in der Politik. Insbesondere Landesregierung und Landtag nahmen sie in die Pflicht, die Finanzierung der Lohnerhöhungen zuzusagen. So reisten nach der zweiten ergebnislosen Verhandlungsrunde rund 50 Kolleg*innen Ende März zum SPD-Landesparteitag nach Warnemünde.

Wollte man sie beim Parteitag erst nicht zulassen, gelang es ihnen mit Beharrlichkeit, die SPD-Mitglieder der Ausschüsse für Bildung und Finanzen vor die Tür zu locken, um sie über ihre Situation zu informieren. Mitte April schrieben die Kolleg*innen an die Ausschussmitglieder ­aller Parteien (außer der AfD) individuelle Briefe. In jedem schilderte ein Kollege, ­eine Kollegin persönlich die berufliche ­Situation und die Lebensumstände, zu denen die geringe Bezahlung führt. Bereits in der ersten Verhandlungsrunde ­Anfang März hatten Kolleg*innen aus der Verhandlungskommission dem Arbeitgeber von ihrem Alltag berichtet.

Der Dominoeffekt

„Wir hatten ein Ziel vor Augen“, sagte John Grochowski, der Mitglied der Tarifkommission ist. „Wir haben den Leuten gesagt, wenn ihr etwas erreichen wollt, dann müsst ihr auch etwas dafür tun.“ Viele hätten gezögert, Fremden handschriftlich aus ihrem Leben zu erzählen. Aber wie bei einem Dominoeffekt sei dann ein Brief zum anderen gekommen, bis es am Ende 239 Briefe waren. Einige der Angeschriebenen haben darauf auch mittlerweile persönlich geantwortet.

Zudem haben rund 170 Beschäftigte bei einer Fotoaktion Gesicht gezeigt und 212 an einer Unterschriftensammlung teilgenommen. Mit diesem öffentlichen Druck kam es dann in der dritten Runde Ende April zum Durchbruch. Jetzt wird nach TV-L bezahlt. „Die Entschlossenheit und glaubwürdige Streikbereitschaft der Beschäftigten zahlt sich nun aus und hat hoffentlich Beispielwirkung für Beschäftigte anderer Unternehmen im Gesundheitswesen und darüber hinaus“, sagte der zuständige Gewerkschaftssekretär Damian Putschli. Allerdings gebe es jetzt noch Nachbesserungsbedarf bei anderen Regelungen des TV-L, zum Beispiel bei Urlaub und Krankengeldzuschuss.

Mit zu dem Ergebnis beigetragen hat sicherlich auch der gute Organisationsgrad. Damit und mit pfiffigen Ideen war es den Beschäftigten schon in der Tarifrunde 2017 gelungen, eine Bezahlung von mindestens 10 Euro pro Stunde durchzusetzen.