Anne Frank

„Mein Mut lebt wieder auf“

Am 12. Juni 2019 wäre Anne Frank 90 Jahre alt geworden. Doch wie Millionen anderer Verfolgter überlebte sie den Holocaust nicht und starb im Alter von 15 Jahren im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Eine Erinnerung

Wandbild am Eingang zum Anne-Frank-Zentrum im Haus Schwarzenberg in Berlin

Foto: Christian Jungeblodt

Von Helmut Krohne

3. September 1944: Es ist der letzte Transport von Westerbork in den Niederlanden nach Auschwitz, zu diesem Zeitpunkt ­haben alliierte Truppen Brüssel bereits erreicht. Der Transport besteht aus 1.019 Personen. Darunter Anne Frank und ihre Familie. Transport heißt zu jener Zeit: Tage und Nächte unter Bewachung in geschlossenen und meist überbelegten Waggons fahren, oft auch in Viehwaggons. Die Bahn ist Teil des Gefängnissystems. Versorgung mit Nahrung und Wasser sind oft nicht gewährleistet.

Am 6. September 1944 kommt der Zug in Auschwitz an. Dort wird wie üblich zuerst aussortiert. Die Selektion erfolgt im Schnelltempo nach dem Hauptkriterium: Wer ist noch nützlich, wer nicht? Kinder und Jugendliche unter 15 sind von vornherein nicht nützlich und werden mit ­Alten und Kranken nach Augenschein aussortiert. Anne Frank hat „Glück“, sie ist gerade 15 Jahre alt geworden und sieht älter aus. Die anderen Menschen – 549 von 1.019 – werden kurz darauf in den Gaskammern ermordet. Das ist trotz der rauchenden Schornsteine der Krematorien natürlich nicht die offizielle Version, vielmehr heißt es, die Neuankömmlinge würden zunächst geduscht. Vor den als Gemeinschaftsduschen getarnten Gaskammern haben die Ankömmlinge ihre Kleidung ordentlich an nummerierten ­Haken aufzuhängen. Man sagt ihnen auch, sie sollten sich die Nummern merken, damit sie ihre Kleidung nach dem Duschen wiederfinden. Dann werden die Türen geschlossen, das Gas strömt aus den Duschköpfen.

Was Otto Frank an diesem Tag nicht wissen kann

Selektiert wird auch nach Geschlecht. ­Otto Frank sieht seine Familie am 6. September 1944 wahrscheinlich zum letzten Mal. Seine Frau Edith und seine Töchter Anne und Margot müssen zu Fuß ins Frauen­lager Birkenau marschieren. Otto Frank kann an diesem Tag nicht wissen, dass er wenige Monate später der letzte Überlebende seiner Familie sein und man ihm später einmal das Tagebuch seiner Tochter übergeben wird.

Anne Franks Tagebuch ist weltberühmt und in über 70 Sprachen übersetzt. Es ist das Tagebuch eines jungen deutschen Mädchens jüdischen Glaubens, das nach Ausgrenzung und Entrechtung in Nazi-Deutschland 1934 nach Amsterdam emigriert, wo sich ihr Vater Otto Frank mit seiner Familie in Sicherheit wähnt. Aber schon 1940 besetzt die Deutsche Wehrmacht die Niederlande. Ab 1942 muss ­Anne mit ihrer Familie und anderen in ­einem Hinterhaus versteckt leben, um zu überleben. Am 4. August 1944 werden die Untergetauchten entdeckt und verhaftet. Der letzte Tagebucheintrag Anne Franks stammt vom 1. August 1944.

Weniger bekannt ist der Leidensweg Annes in den wenigen Monaten bis zu ­ihrem Tod in Bergen-Belsen. Besucher der dortigen Gedenkstätte sind manchmal überrascht, auf dem Gelände einen symbolischen Grabstein für Anne und Margot Frank zu finden. Viele Besucher fragen sich, wie es dazu kam, dass beide in Bergen-Belsen starben.

Am 4. August 1944 werden Anne Frank und ihre Familie von der Prinsengracht zunächst in das Hauptquartier des SD ­(Sicherheitsdienst) der SS in Amsterdam gebracht. Das Tagebuch von Anne beachtet niemand. Vom SD-Hauptquartier erfolgt wenige Tage später die Verlegung der Familie in das Durchgangslager ­Westerbork südlich von Groningen.

Westerbork ist das Hauptsammellager für Menschen jüdischen Glaubens, die innerhalb des Komplexes von Konzentrationslagern – wie es heißt – „auf Transport“ zu gehen haben. Prinzipiell ist die maximale Ausbeutung der Arbeitskraft das oberste Gebot im System der Lager. In der vierwöchigen Westerbork-Zeit ­müssen Anne und Margot Zwangsarbeit leisten, sie demontieren Batterien.

Als sie im Frauenlager Auschwitz-­Birkenau ankommen, hat das Lager 39.000 Insassinnen. Nahrungsversorgung, Hygiene und Gesundheitsvorsorge sind katastrophal. Neben der von den ­Nationalsozialisten geplanten „Vernichtung durch Arbeit“ geht deshalb bereits während des Transports und direkt nach der Ankunft die größte Gefahr für Leib und Leben von Hunger und Krankheit aus. Wegen der mangelnden Hygiene erkranken Anne und Margot an Krätze. Sie kommen deshalb in den „Krätzeblock“, die hochinfektiöse Hautkrankheit erfordert eine Isolation. Selektiert wird fortwährend nach vermuteter Arbeitsfähigkeit. Auch auf der Krankenstation. Doch Anne und Margot sind noch jung und ­widerstandsfähig. Sie werden behandelt.

Als Zwangsarbeiterinnen zurück ins „Reich“

Im Oktober 1944 rückt die Ostfront näher an das KZ heran. Die Deutsche Wehrmacht befindet sich fast überall auf dem Rückzug. Propagandaminister Goebbels stellt das der deutschen Bevölkerung ­gegenüber als „planmäßige Frontver­kürzung“ dar. Gleichzeitig hat die NS-­Führung schon Mitte 1944 damit begonnen, arbeitsfähige Häftlinge ins Reich zurückführen zu lassen.

Auch Anne und Margot werden „zurückselektiert“. Sie werden als junge Zwangsarbeiterinnen gebraucht und müssen Auschwitz und ihre Mutter Ende Oktober wieder verlassen – „auf Transport“ mit dem Ziel Bergen-Belsen mitten im Reich. Die Mutter Edith Frank muss in Birkenau bleiben und stirbt dort am 6. Januar 1945.

Die massenhafte Rückführung von Häftlingen verläuft keineswegs geordnet. Das Reich und die angeblich perfekte „deutsche Ordnung“ befinden sich überall in einem Auflösungsprozess. Die „Evakuierungen“ wandeln sich zum Kriegsende hin zu „Todesmärschen“. Infernalischer Höhepunkt: das Chaos und das Massensterben in Bergen-Belsen.

Zunächst aber kommen Anne und ­Margot Frank wie geplant in Bergen-Belsen an. Ursprünglich war Bergen-Belsen in der Ausnahmeform eines „Austausch­lagers“ geplant worden, nicht als Vernichtungs- oder Arbeitslager. Bergen-Belsen ist aber in keiner Weise auf die Massen der zurückflutenden Häftlinge vorbereitet. Man hat ab Sommer 1944 als Notmaßnahme auf einer Freifläche im hinteren Teil ein Zeltlager errichtet, in dieses „Frauenlager“ kommen Anne und Margot.

Im ständigen Kampf gegen das Fleckfieber

Beim ersten Sturm Ende November 1944 brechen die Zelte zusammen. Die Frauen stehen im Freien, der Winter naht. Zusätzlich befindet sich das Lager im ständigen Kampf gegen das Fleckfieber, das sich immer mehr ausbreitet. Die Frauen werden dicht an dicht in schon überbelegte ­Baracken gezwängt, die Lebensbedingungen werden immer schlechter. Die unter anderem von Kleiderläusen übertragene Krankheit Fleckfieber breitet sich seuchenartig aus – im Gefolge der explosionsartig zunehmenden Zahl von Läusen.

„In den letzten Tagen stand Anne vor mir, nur in eine Decke gehüllt. Sie hatte keine Tränen mehr.“

Mitgefangene Jenny Brandes-Brilleslijper

Auch Anne und Margot erkranken. Zum Krankheitsbild gehört hochgradiges ­Fieber in Schüben, Delirium, Schwäche, Tod. Die letzte Zeitzeugin, deren Aussage dokumentiert ist, ist die Mitgefangene Jenny Brandes-Brilleslijper. Sie beschreibt unter anderem das Chaos im Lager, den Verlust des Bewusstseins für Zeit und Raum. Sie hat Anne Frank im Februar 1945 draußen bei Kälte das letzte Mal lebend gesehen. Sie berichtet später dem niederländischen Filmemacher Willy Lindwer: „In den letzten Tagen stand Anne vor mir, nur in eine Decke gehüllt. Sie hatte keine Tränen mehr (…) und sie erzählte, es hätte ihr so gegraut vor den Tieren in ihren Kleidern, dass sie alle ihre Kleider weggeworfen hätte. Zwei Tage später bin ich hingegangen, um nach den Frank-Mädchen zu sehen. Sie waren beide tot.“

Der symbolische Grabstein von Anne und Margot Frank steht heute in etwa da, wo sich das Frauenzeltlager befand. Eine genaue Grabstelle gibt es nicht, das Massensterben machte Einzelbestattungen unmöglich. Ein Krematorium von geringer Kapazität gab es in Bergen-Belsen, auch versuchte die SS noch, der Lage Herr zu werden, indem sie Leichen auf Scheiter­haufen verbrennen ließ. Auch Gruben zur Leichenentsorgung wurden angelegt, wie Jenny Brandes-Brilleslijper berichtet. Dorthin musste sie die Verstorbenen verbringen, indem sie die nackten Leichen, nur in ihre Decken gehüllt, in eine „stinkende Grube“ als Massengrab fallen ließ und die Decken mitnahm.

„Mit dem Schreiben werde ich alles los“

Bei der Befreiung von Bergen-Belsen durch die britische Armee liegen überall „weiße Berge“ von Leichen. Die heutigen Massengräber in Bergen-Belsen wurden nach der Befreiung angelegt, alle Baracken wegen der Fleckfieberseuche verbrannt. Die Befreiung fand am 15. April 1945 statt, zu spät für Anne und Margot Frank.

Anne Frank aber hat dennoch überlebt. Ihrem Tagebuch vertraut sie am 5. April 1944 an, dass es ihr sehnlichster Wunsch ist, Journalistin und Schriftstellerin zu ­werden: „Mit dem Schreiben werde ich alles los, meine Traurigkeit verschwindet, mein Mut lebt wieder auf!“

Anne Frank ist durch ihren Mut und ihr Schreiben zu einer weltweiten Ikone des Holocaust geworden und lebt in der Erinnerung weiter. Als Demokraten und Gewerkschafter müssen wir dafür sorgen, dass die Erinnerung an Zeiten von Entrechtung, Verfolgung und Vernichtung überlebt. Wir müssen auch heute denen entgegenwirken, die andere Menschen aufgrund ihres Glaubens, ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechtes, ihrer politischen Einstellung oder ihrer Nationalität entrechten und verfolgen wollen. Anne Frank und ihr Tagebuch helfen uns dabei.