Porträt

Der entspannte Unbequeme

Die Bundesjugendkonferenz hat Kai Reinartz im Mai zum Vorsitzenden der ver.di Jugend gewählt – ein Ehrenamt und für den 27-jährigen Viersener eine „große Aufgabe“, die er sehr ernst nimmt. Wenn es sein muss, scheut er auch Eskalationen nicht

„So, Arbeitgeber, da guck’ste mal, was du jetzt machst“ – Kai Reinartz ist der neue Vorsitzende der ver.di Jugend und setzt gern auch mal auf Eskalation

Foto: Ingo Rappers

Von Thomas Becker

Sicher, Kai Reinartz hätte es sich bequemer einrichten können nach seiner Ausbildung als Sozialversicherungsfachangestellter, kurz „SoFa“ genannt. Er hatte ­einen sicheren Job im öffentlichen Dienst, den er gerne machte. Nach Tarif bezahlt. Unbefristet. Was will man mehr?

Aber da war noch eine andere Stimme; eine, die ihn mahnte, Missstände zu benennen, wo sie offenkundig waren. Ja, ­erzählt Kai, er sei mehr der Typ, der bei ­einem Konflikt sage: „Lasst uns kämpfen – und es auch mal eskalieren!“ Mit einer wachrüttelnden Mitteilung an die Belegschaft etwa oder einem Warnstreik, wenn ein Arbeitgeber blockiere. Gehe gar nichts voran, könne auch ein „Erzwingungsstreik“ das Mittel der Wahl sein. „So, ­Arbeitgeber, dann guck’ste mal, was du jetzt machst!“, könne es schon mal heißen, wenn Ärzte und Pflegekräfte in Krankenhäusern ihre Arbeit niederlegten, sagt Kai forsch und bestimmt.

Ein Wortführer

Schon damals, als Schüler, war er ein Wortführer, als er in der Realschule inViersen am Niederrhein erst Klassen-, dann Schulsprecher wurde. Da habe wohl die Einstellung seines Vaters abgefärbt, der lange als Betriebsrat in einer Spedition aktiv war. Sein Vater habe zurückgestanden und sich „etwas vom Mund abgespart“, damit andere zu ihrem Recht ­kamen – und hingeguckt, gemahnt, sich nicht weggeduckt.

Heute, an einem Montagnachmittag, sitzt Kai in seinem Büro, vierter Stock in einem Hochhaus in der Düsseldorfer Innenstadt, wo sein Arbeitgeber, die Deutsche Rentenversicherung Rheinland, ihren Sitz hat. Er trägt ein kariertes Hemd zur Stoffhose, wirkt ziemlich entspannt und viel versöhnlicher, als es manche seiner Worte vermuten lassen. Wenn es aber um die Rechte von Mitarbeitenden geht, wird sein Blick durchdringend, der Ton schärfer, fordernder. Das sei eben unumgänglich, um wichtige Anliegen durchzubringen – besonders die der jungen Belegschaft, für die er seit Jahren ein Sprachrohr ist.

Seit nunmehr acht Jahren ist Kai Mitglied bei ver.di. Gleich im ersten Jahr seiner Ausbildung trat er in die Gewerkschaft ein, kurz darauf wurde er zum Vorsitzenden der Jugend- und Auszubildendenvertretung der Deutschen Rentenversicherung Rheinland gewählt, später in deren Gesamtpersonalrat als stellvertretender ­Vorsitzender. Es folgten mehrere Auf­gaben bei ver.di auf Bezirks-, Landes- und Bundesebene – bis vor wenigen Wochen ein Amt hinzukam, von dem Kai sagt, dass es eine „große Aufgabe“ sei, die er gerne, aber auch „ehrfürchtig“ annehme: ­Die Mitglieder der Bundesjugendkonferenz ­haben ihn im Mai zum Vorsitzenden der ver.di Jugend gewählt. Damit ist er Sprecher von mehr als 100.000 Auszubildenden, jungen Beschäftigten, Erwerbslosen, Schüler*innen sowie Studierenden in Deutschland.

Kein Alleingänger

Wichtig sei aber, sich nicht nach vorne zu spielen, sagt Kai und lehnt sich zurück in seinen roten Polstersessel. Die ver.di ­Jugend müsse einheitlich auftreten – ­„gemeinsam stark“, wie es als Leitmotto auf Bannern bei der Bundesjugendkonferenz stand. So seien sie auch besonders erfolgreich gewesen bei der Kampagne „besser unbequem“. Die Jugend habe es geschafft, bundesweit in den Medien als „Gesicht der Tarifrunde“ wahrgenommen zu werden. Alle Kameras seien auf sie ­gerichtet gewesen.

Ähnlich geschlossen sei die Jugend bei der Kampagne „#unbezahlt“ im vergangenen Jahr aufgetreten, an deren Ende eine tarifliche Vergütung für betrieblich schulische Ausbildungsberufe stand. „Wir haben das tarifiert bekommen“, sagt der Gewerkschafter stolz. Er schaut auf die ­Zeitungsberichte und Fotos, die wie ­Trophäen an den Wänden in seinem Büro hängen und von öffentlichkeitswirk­samen Aktionen erzählen.

Auch in Zukunft, als Vorsitzender der ver.di Jugend, wolle er keine Alleingänge. Froh sei er deshalb, dass Miriam Hagelstein und Abdullah Şevik ihn als Mitglieder der Geschäftsführung unterstützen; ­beide wurden im Mai in ihren Ämtern bestätigt. Maßgeblich für die inhaltliche Ausrichtung der ver.di Jugend seien zudem die Beschlüsse der Bundesjugendkonferenz zu mehr als 270 Anträgen aus den Fachbereichen sowie Orts-, Bezirks- und Landesverbänden.

Daraus geht unter anderem hervor: ­Neben Interessen von Arbeitnehmerinnen und  -nehmern etwa zur Mindestausbildungsvergütung stehen auch weiterhin sozialpolitische Themen auf der Agenda. „Wir sind eine Gewerkschaft, aber natürlich auch eine gesellschafts­politische Bewegung und ein sozialpolitischer Anker“, sagt Kai. Die Jugend setze sich etwa dafür ein, dass das Renten­niveau steige und Einkommen von Arm und Reich nicht weiter auseinanderdrifteten. Bei der letzten Tarifrunde für den öffentlichen Dienst sei es daher als Erfolg zu werten, dass die Mitarbeitenden in unteren Entgeltgruppen überproportional profitiert hätten – mehr als er selbst im gehobenen Dienst. „Ich finde das gerecht“, sagt Kai.

Im Zuge der gesellschaftspolitischen ­Arbeit seien in Zukunft auch immer wieder Aktionen gegen Rechts geplant. „Das ­gehört zu unserer DNA“, sagt der neue Bundesvorsitzende der ver.di Jugend. Stünden rechte Demos an, wie Anfang ­Juni in Chemnitz, gelte es mobil zu machen: „Nazis runter von den Straßen und raus aus den Parlamenten“ – dieser Leitspruch gebe die Richtung vor.

Auch der Umgang mit der AfD war im Mai bei der Bundesjugendkonferenz ein beherrschendes Thema. Allein 13 Anträge seien zur Unvereinbarkeit der Mitgliedschaft in der Partei und gleichzeitig bei ver.di gestellt worden – Anliegen, die der neue Vorsitzende unterstützt: „Wir laden auch keine AfD-Funktionäre zu unseren Diskussionen ein.“ Äußerungen von führenden AfD-Politiker*innen seien „indiskutabel“, „offen rassistisch“ und nicht vereinbar mit den Zielen der ver.di Jugend, sagt Kai, als er sein Büro verlässt und mit seinem Auto in seine Wohnung nach Viersen fährt, wo er sich auch nach Dienstschluss weiter mit gewerkschaftlichen Anliegen beschäftigt.

Der Gewichtheber

Heiß diskutiert hätten sie im Mai auch über die internationale Boykottbewegung BDS, deren Aktivisten Waren aus ­Israel boykottieren, erzählt Kai. „Wir haben uns dafür entschieden, den Boykott zu boykottieren.“ Auf Facebook habe das eine breite Diskussion mit mehr als 1.400 Kommentaren losgetreten. „Uns war es aber wichtig, uns klar mit Israel zu solidarisieren“, sagt Kai. Das erfordere allein die historische Verantwortung, die Deutsche nach dem Holocaust zu tragen habe.

Mit den Gräueln und Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes hat sich Kai während seiner Arbeit für die Deutsche Rentenversicherung intensiv befasst: Er berechnet Rentenansprüche von Zwangsarbeiter*innen aus den ehemaligen, sogenannten Judenghettos und ­deren Hinterbliebenen, vornehmlich aus Osteuropa. Seien Ansprüche rechtmäßig, müssten sie ausgezahlt werden, sagt er. Es gelte, „das gesetzlich Richtige“ herauszuholen. „Und nicht, was für unser Unternehmen das Günstigste ist.“ Diese Gemeinwohlorientierung ist auch der Grund, weshalb er sich nach der Höheren Handelsschule bei der Deutschen Rentenversicherung beworben hat. Das Ziel seiner Arbeit sei eben nicht, Profite zu generieren oder Menschen etwas zu verkaufen, was sie nicht wollten.

Das Wohl der Allgemeinheit bestimmt auch das Engagement von Kai für die ver.di Jugend. Als Vorsitzender habe er nun sogar die Möglichkeit, sich noch ­stärker in gesellschaftliche Debatten einzumischen. Er sei aber auch in der Bringschuld, meint er. Die vielen Ermutigungen nach seiner Wahl versteht er als Wink und Ansporn: „Du hast eine große Aufgabe angenommen. Jetzt wollen wir auch was sehen!“

Zuhause in seiner Wohnung in Viersen angekommen, packt er gleich die Sporttasche, um mit seiner Freundin ins Fitnessstudio zu gehen. Er will wieder Gewichte stemmen – auch eine Form, sich Herausforderungen zu stellen. Am Abend werde er dann noch eine Weile am Laptop sitzen, sagt er, als er schon fast wieder durch die Tür ist. E-Mails an die ver.di ­Jugend warten darauf, beantwortet zu werden.