Gute Arbeit

Eine Maschine hat keinen Willen

Beim Einsatz Künstlicher Intelligenz muss der Mensch im Zentrum stehen

Künstliche Intelligenz unterstützt oft eigenständig und scheint zu denken. Aber: Menschen programmieren und bestimmen den Zweck

Foto: Carolin Eckenfels/DPA

Von Gudrun Giese

Wie es nicht gehen sollte mit der Künstlichen Intelligenz (KI) im Arbeitsprozess, zeigt sich beim Online-Händler Amazon. In seinem Stammland USA erhielten laut dem Magazin The Verge 300 Beschäftigte in Baltimore automatisch die Kündigung, weil sie festgelegte Produktionsziele nicht erreicht hätten. Die werden von einem Algorithmus erfasst, der dann auch für die Kündigungen zuständig ist. Ein Algorithmus ist eine feste Vorgehensweise zur Lösung eines Problems und besteht aus definierten Einzelschritten. Damit war die KI von Amazon in der Lage, selbstständig zu kündigen.

So weit ist es in Deutschland noch nicht. Doch die Einsatzmöglichkeiten für KI am Arbeitsplatz nehmen auch hierzulande rasant zu. Dabei ist es grundsätzlich auch möglich, mit ihrer ­Hilfe die Arbeitswelt humaner zu gestalten, wie Annette Mühlberg, Leiterin der ver.di-Projektgruppe Digitalisierung, betont. Das Potential dazu stecke in der KI. „Wir wollen, dass die Würde des Menschen bei der Technikgestaltung im Zentrum steht. Dass der Einsatz von KI von den Beschäftigten und ihren Interessenvertretungen mitbestimmt wird, in Betrieben und Verwaltungen“, sagte Mühlberg beim ver.di-Digitalisierungskongress im Mai.

Sehr gut funktioniert die Mitbestimmung bei der Einführung von KI am Unfallkrankenhaus Berlin (UKB). „Was immer bei uns in diesem Bereich geplant ist, wird vorab geprüft – etwa wie der Datenschutz gewahrt wird, welcher zusätzliche Personalbedarf entsteht, welche Schulungen nötig sind und wie die Begleit­dokumentation aussehen muss“, sagt Helge Roski, Krankenpfleger, Betriebsrat und Mitglied im Ausschuss „Information und Kommunikation“ des Betriebsrats. Als positives Beispiel für eine KI-Software nennt er einen automatisierten externen Defibrillator, der den menschlichen Ersthelfer bei der Reanimation eines Herzkranken begleitet. „Sehr sinnvoll sind auch Systeme, die die Mediziner bei der Auswertung eines EKG, von Röntgen- oder CT-Aufnahmen unterstützen.“ Dem menschlichen Hirn überlegen erweist sich KI immer dann, wenn große Datenmengen verarbeitet werden müssen; im UKB etwa bei der Überprüfung verschiedener Arzneien auf Wechselwirkungen. Allerdings müsse man sich klar machen, dass KI auf von Menschen entwickelten und gesteuerten Algorithmen beruhe, sagt Helge Roski. „Und Menschen verfolgen bestimmte Interessen.“ Im Gegensatz zur KI.

Diesen Aspekt betonte beim Digitalisierungskongress auch ver.di-Bundesvorstandsmitglied Lothar Schröder. „Es geht nicht um Maschine gegen Mensch. Um analoge oder künstliche Intelligenz. Es geht, wie schon zu allen Zeiten, um Mensch gegen Mensch. Es geht um ­Interessen. Um Macht.“ Eine Maschine habe keinen Willen, anders als der Mensch, der sie zu seinen Zwecken nutze oder auch missbrauche. „Den Missbrauch müssen wir erkennen und dürfen wir nicht hinnehmen.“ Im Dienstleistungsbereich finden sich viele Einsatzbereiche für KI. Entsprechende Software kommt in Callcentern ebenso zum Einsatz wie bei freiberuflichen Übersetzer*innen, in Verwaltungen, Banken und Versicherungen. Im Handel entwickelt nicht allein Amazon die automatisierte Zusammenstellung von Warenbestellungen. Auch andere große Handelsunternehmen wie Edeka oder Kaufland setzen bei Bestell- und Logistiksystemen auf Algorithmen.

ver.di hat im November 2018 ein Positionspapier zu KI veröffentlicht. Dass KI seit einiger Zeit fast allgegenwärtig sei, liege „an großen Fortschritten in einem ihrer Teilbereiche“, heißt es dort. Dabei handele es sich um „maschinelles Lernen“ oder auch „deep learning“ („tiefes Lernen“). Hier haben die Entwickler eine Ähnlichkeit zum menschlichen Gehirn geschaffen: „künstliche neuronale Netze“, die so ähnlich funktionieren sollen wie Nervenzellen. Das Besondere an KI sind die enormen Datenmengen, die beim „tiefen Lernen“ verarbeitet ­werden und schließlich den Eindruck ­erwecken, KI habe selbstständig entschieden.

Praktisches Ergebnis sind sogenannte Chatbots, Systeme, die einen „Dialog“ zwischen Kund*innen und einem technischen System ermöglichen. Chatbots können überall dort eingesetzt werden, wo Menschen per Telefon oder Computer ­eine Beratung suchen oder etwas bestellen wollen. Bisher sind sie nach ver.di-­Erkenntnissen noch nicht ausgeprägt im Einsatz, was sich aber ändern wird – mit großen Auswirkungen auf die mensch­lichen Arbeitsplätze.

Deshalb forderte ­Lothar Schröder beim ver.di-Digitalisierungskongress, dass „der Arbeitsschutz an die digitale Welt angepasst werden“ müsse. Der Einsatz von KI dürfe keine Nachteile für Beschäftigte nach sich ­ziehen. Stattdessen sollte KI dabei helfen, gute Arbeit umzusetzen. „Sie kann uns harte, monotone und gefährliche Arbeit abnehmen. Sie ermöglicht, dass wir uns auf solche Arbeit konzentrieren, die uns Menschen ausmacht.“ Mehr Zeit für den echten Dienst am Menschen, während KI hebt, verpackt, Zahlenkolonnen auswertet. So könnte es gehen.

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