Gesundheit am Arbeitsplatz

„Jetzt die hohe Katze!“

Die Berliner Stadtreinigung ist für die Gesundheit der Beschäftigten schon lange in Bewegung

Erster Teil der Übung: Dehnen überm Gymnastikball. Aus der Position „intelligent aufstehen“ ist der andere, schwierigere Teil

Fotos: Christian Mang

Von Helma Nehrlich

Es beginnt harmlos mit Schulterkreisen. Flott wird die Hüfte einbezogen, dann schnellen die Arme nach vorn und in die Höhe, schließlich tippen auch die Fersen mit. So geht Lockerung im Rückentraining bei der Berliner Stadtreinigung, BSR. Die Aktiven und Übungsleiterin Heike Bettermann im BSR-Betriebshof Nordring in Marzahn sind bestens aufeinander eingespielt: „Jetzt die hohe Katze!“ lässt alle einen Buckel machen. Sie kennen „Klebe­hände am Ball“, wissen, wie man seitlich auf großen Gymnastikbällen liegend Spannung erzeugt und am Ende „intelligent aufsteht“. Bettermann sorgt für Abwechslung. Auch kleine Bälle, Hanteln, Gummibänder oder Stangen sind beliebt in der Gruppe, die sich regelmäßig dienstags um 14 Uhr zum Training trifft. „Langweilig darf es nicht werden“, sagt die Übungsleiterin, singt nebenbei Schlager aus der Musikbox mit und animiert die Gruppe zum Lächeln. Das Ziel hinter ­allem: Die für den Halte- und Bewegungsapparat so wichtige Rückenmuskulatur stärken, belastete Muskelgruppen dehnen und entspannen.

Mit Kopfschmerzen kommen, gelöst gehen

Im Mai 2000 sei es gewesen, erinnert sich Heike Bettermann genau, als sie früh um sechs in der Kantine des Betriebshofes stand und vor Schichtbeginn für das geplante Rückentraining warb. Seither ist der Kurs ein Selbstläufer. Die Müllfahrer Harri und Rainer sind schon ewig dabei und kommen jetzt noch als Rentner. XingXing stieß schon als Auszubildende in der Werkstatt dazu, auch Daniela, Jeannette und der baumlange Kfz-Handwerker Bastian gehören zum Stamm. Gabi vom Kundendienst freut sich: Mit Kopfschmerzen sei sie heute hergekommen, nun habe sich die Verspannung gelöst. Man fühle sich gut, auch wenn es anstrengend sei, sagen die meisten in der lustigen Truppe, die die wöchentliche Stunde in Schichtplan und Arbeitszeit einpasst. Nachwuchs würden sie wohl aufnehmen, das Training missen – „keinesfalls!“.

Längst gibt es ähnliche Kurse auf anderen Betriebshöfen, meist geleitet von ­eigens geschulten Ehrenamtlichen. Neben der Rückenstärkung geht es um Stressreduktion mit autogenem Training oder Muskelübungen nach Pilates, ­andernorts trifft man sich zu selbst organisiertem Pausensport. Eigeninitiative werde ausdrücklich unterstützt. „Wir ­wollen nicht nur Defizite ausgleichen, sondern vor allem die Gesundheit der Beschäftigten schonen und fördern“, sagt Angela Janecke, Leiterin der Gesundheits- und Sozialberatung bei der BSR. Die körperliche und psychische Belastung sei an vielen Arbeitsplätzen hoch, neben Müllabfuhr und Reinigung auch in den Werkstätten oder den Werken. Dafür soll Ausgleich geschaffen werden, sagt Janecke.

So nennt man sie auch: Übungsleiterin Heike Bettermann

Speziell geschulte ehrenamtliche „Gesundheitslotsen“ gehören bereits seit 2007 zur aktivierenden BSR-Unternehmenskultur. Es gibt den jährlichen BSR-Staffellauf, die mit Seminaren gespickten Gesundheitstage und einen Steuerkreis Gesundheit. „Unser Auftrag ist es, die ­Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten zu erhalten und die Leistungsbereitschaft zu fördern“, betont Janecke. Dass soziale Verantwortung groß geschrieben wird, gehöre zur Strategie des kommunalen Vorzeigeunternehmens BSR. Vor zwei Jahren sei das Thema Gesundheit im Unternehmen nochmals aufgewertet, eine eigene Geschäftseinheit Gesundheits­management gebildet worden. Die steht auf vielen Säulen, schließt Arbeitssicherheit, betriebsärztliche Betreuung, Betriebsgastronomie und das Eingliederungsmanagement ein.

Absolutes Alkoholverbot

Zudem ist seit 1996 bei der BSR ein absolutes Alkoholverbot während der Arbeitszeit wirksam. Eine mit allen Gremien gemeinsam erarbeitete Dienstvereinbarung Sucht begründete eine betriebliche ­Gesundheits- und Sozialberatung. Dienstvereinbarungen zur Gesundheitsförderung und zum betrieblichen Eingliederungsmanagement folgten bald, weitere Präventionsmaßnahmen starteten.

Vieles ist geschafft: „Gefährdungs- und Belastungsbeurteilungen für die Arbeitsplätze sind bei uns ganz selbstverständlich“, sagt Angela Janecke. Gemeinsam mit der Unfallkasse Berlin wurden Fragen erarbeitet, die in die unternehmensübergreifende Beschäftigtenbefragung einflossen. Neben psychischen Faktoren ­spielen auch Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die eigene Verantwortung für die Gesunderhaltung eine wachsende Rolle.

Die Beschäftigten zu motivieren, sich selbst noch mehr zu engagieren, sieht man beim BSR-Gesundheitsmanagement als „Schlüssel zur Beteiligung“. Aber auch das Unternehmen geht neue Wege: „Die Stadt verändert sich und damit auch die Anforderungen, zum Beispiel in der Müllabfuhr. Dass Kolleginnen und Kollegen lange gesund im Arbeitsprozess bleiben können, ist auch eine Frage der Arbeitsorganisation, darum kümmern wir uns gerade intensiv“, erklärt Björn Freund, bereichsübergreifender Projektmanager in der Gesundheits- und Sozialberatung. Auch über zeitgemäße attraktive Gesundheitsangebote, die sich an der digitalen Arbeitswelt orientieren, denke man nach.

Ständig werden „Multiplikatoren“ gesucht. Einerseits stehen da die Führungskräfte in der Verantwortung und sind Vorbild auch in Sachen Gesundheitsvorsorge. Gleiches gilt aber auch für die Personalvertretungen. Wichtige Multiplikatoren seien schließlich auch Gabi, Jeannette oder Bastian vom Rückentraining: Mit ­ihren positiven Erfahrungen motivieren sie andere Beschäftigte.