30 Jahre Mauerfall

„Das geht mir nicht mehr aus dem Kopf“

Die Friseurin Regina Richter, 67, im Gespräch über radikale Schnitte und andere Veränderungen

Regina Richter 2009, als sie noch im Salon International Astoria in Leipzig arbeitete

Foto: Stephan Pramme

VER.DI PUBLIK: Als wir uns vor zehn Jahren kennengelernt haben, Regina, hast du noch als Friseurin im Salon International Astoria am Sachsenplatz in Leipzig gearbeitet und bist Betriebsratsvorsitzende gewesen. Damals, 20 Jahre nach dem Mauerfall, sagtest du: „Die Planwirtschaft hat auch Spaß gemacht, wenn man ihr ein Schnippchen schlagen konnte.“ Inzwischen lebst du im Jahr 30 nach dem Fall der Mauer und bist in Rente. Haben die letzten zehn Jahre und das Ausscheiden aus dem Berufsleben deinen Blick auf die Wende und die Marktwirtschaft verändert?
REGINA RICHTER: Die Jahre haben vieles verändert. Wir sind damals mit so viel Hoffnung gestartet, auch mit Hoffnung auf Demokratie, auf Veränderungen in unserem Beruf und in unserem Betrieb. Es hat tatsächlich viele Veränderungen gegeben, positive, aber auch negative. Letztere vor allem, als die Friseurkette Klinck Hauptgesellschafter in unserer GmbH geworden ist.

VER.DI PUBLIK: Ihr seit zu DDR-Zeiten eine sogenannte Produktionsgenossenschaft gewesen und habt euch 1991 in eine GmbH umgewandelt. Was hat sich durch Klinck dann verändert?
RICHTER: Wir bekamen Geschäftsführer aus der Klinck-Zentrale. Mit dem ersten Geschäftsführer hatte ich am Anfang als Betriebsrätin meine Probleme, wir sind aber nach einer Weile gut miteinander ausgekommen. Er hat gemerkt, dass ich den Betriebsrat so führe, dass man für die Kolleginnen nur mehr Verdienst herausholen kann, wenn auch der Umsatz stimmt, dass ich keine Betriebsrätin bin, die nur fordert, sondern eine, die Forderungen stellt, für die auch das Geld da ist. Im Sommer 2015 bekamen wir dann zwei neue Geschäftsführer, mit denen ich am 6. August das erste Gespräch hatte. Das geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Die waren über die Maßen freundlich, da bin ich gleich ganz wach gewesen. Irgendwo ahnte ich einen Haken. Und der kam dann auch. Man eröffnete mir, dass zum 31.12. die Lichter im Salon International ausgehen. Das war für mich ein Schock.

VER.DI PUBLIK: Wie haben das deine ­Kolleginnen aufgenommen?
RICHTER: Wir sind zunächst so verblieben, dass ich die Belegschaft nicht informiere, sondern dass wir das in einer Betriebs­versammlung gemeinsam tun. Unsere GmbH hatte ja immer noch einen zweiten Salon, und ich habe den beiden natürlich nicht gleich gesagt, dass sie uns nicht einfach dichtmachen können, ohne eine Sozialauswahl unter allen Beschäftigten zu treffen. Ich musste dann mit den beiden Männern noch durch den Laden gehen, wo sie sich kurz vorgestellt haben, und lächeln, obwohl mir schon die Tränen in den Augen standen. Aber ich wollte meine Kolleginnen unter keinen Umständen beunruhigen. Draußen auf der Straße ­habe ich dann gleich unseren Gewerkschaftssekretär angerufen und ihm gesagt, wir müssen sofort einen Anwalt einschalten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mir nie vorstellen können, dass man ein Unternehmen, das so lange am Markt ist, so brutal zum Aus bringen will. Der Grund war allein die hohe Miete für den Salon, ansonsten lief er sehr gut. Wir hätten nur eine günstigere Gewerbefläche gebraucht.

Regina Richter

ist 67 Jahre alt, hat 51 Jahre als Friseurin gearbeitet und im Mai 1994 nach drei Anläufen im Salon International Astoria in Leipzig einen Betriebsrat gegründet. Vor der Wende gehörte der Salon mit 12 weiteren Salons zu einer Produktionsgenossenschaft, an der die Beschäftigten An­teile besaßen und Mitspracherecht hatten. Mit der Umwandlung in eine GmbH war damit Schluss. Sie holten es sich mit dem Betriebsrat zurück. Auch nach dem Ausscheiden aus dem Beruf ist Regina Richter gewerkschaftlich in diversen Fachbereichsvorständen aktiv. Zudem nimmt sie für ver.di regelmäßig am Sozialen Dialog in Brüssel teil.

VER.DI PUBLIK: Ihr habt dann gekämpft.
RICHTER: Was wir gemacht haben, war, dass wir einen Sozialplan aufgestellt haben. Weil wir zum Großteil alle schon sehr lange dabei waren und für jedes Jahr einen halben Jahreslohn hätten bekommen müssen, kamen wir auf die unwahrscheinliche Summe von über 750.000 Euro. Wir haben dann eine Betriebsversammlung für beide Salons einberufen, und was mir bis dahin all die Jahre als Betriebsrätin nicht gelungen war, nämlich die Kolleginnen vom anderen Salon für die Gewerkschaft zu gewinnen, gelang mir jetzt: Sie sind geschlossen eingetreten. Den Geschäftsführern haben wir gesagt, dass wir alle rechtlichen Mittel ausschöpfen werden, um die Salons zu retten. Und das sah so aus, dass wir Strafanzeige wegen Insolvenzverschleppung stellten. Nachdem die Geschäftsführer von uns dann im November die Aufstellung des Sozialplans bekamen, hat der alte Klinck die Reißleine gezogen. Wir hatten uns schon darauf vorbereitet, über Weihnachten und Silvester den Laden mit unseren Männern zu besetzen, damit keine Möbel rausgeschleppt werden konnten.


VER.DI PUBLIK: Ihr habt dann tatsächlich neue Räume bekommen.
RICHTER: Ja, und statt 7.000 Euro Miete pro Monat, mussten wir dann nur noch 2.000 Euro zahlen. Inzwischen ist die Miete geringfügig gestiegen, aber das ist alles zu erwirtschaften. Ich habe allerdings vor zwei Jahren nach 51 Berufsjahren aufgehört zu arbeiten, berate aber den Betriebsrat noch. Sorge bereitet mir der mangelnde Nachwuchs. Wir haben seit 2017 keine Auszubildenden mehr, und eingestellt werden darf auch nicht mehr. Wenn dann die älteren Kolleginnen nach und nach aufhören, macht wirklich irgendwann eine das Licht aus.

Regina Richter 2019 an der Berliner Mauer

Foto: Christian Jungeblodt

VER.DI PUBLIK: Ich gehe noch mal zurück: Als der Astoria Salon International im Dezember 1967 auf knapp 1.000 Quadratmeter mit 50 Schnittplätzen eröffnete, war er der größte Salon in Deutschland, Ost wie West. Er war ein Prestigeobjekt der DDR, ein ,Schaufenster des Sozialismus’, sogar die Aktuelle Kamera, die ­Tagesschau des Ostens, berichtete über seine Eröffnung. Hat der Salon, in dem du gelernt und ein Arbeitsleben lang geschnitten und frisiert hast, auch nach der Wende noch eine Erfolgsgeschichte gehabt?
RICHTER:
Was wirklich positiv war in den 30 Jahren nach der Wende, ist, dass wir so gut wie niemanden entlassen mussten, ausgenommen die Rezeptionisten, die unproduktiven Kräfte, die mussten 1995 gehen. Und wir konnten mit dem Geld, das wir in der Produktionsgenossenschaft erwirtschaftet hatten, alle 13 Salons, die wir damals noch besaßen, renovieren und modernisieren. Wir haben durch diese Rücklagen anfangs auch noch überdurchschnittliche Löhne bekommen, sodass wir nicht wie viele andere durch das Tal der Tränen gehen mussten, deren Betriebe weg waren. Wir hatten die Bücher voll mit Kunden, das war unser Kapital. Später gab es dann natürlich immer mehr Salons. Früher gab es in der Innenstadt nur uns, heute sollen es innerhalb des Leipziger Rings schon über 150 Salons sein, in ganz Leipzig und im näheren Umland sind es über 800.

VER.DI PUBLIK: Das Friseurhandwerk zählte nach der Wende in ganz Deutschland zu den am schlechtesten bezahlten Handwerken. Inzwischen gibt es den ­gesetzlichen Mindestlohn. Hat sich die Situation für Friseurinnen jetzt finanziell deutlich verbessert?
RICHTER: Die Situation hat sich wesentlich verbessert. Das Absurde war ja, dass viele vorher beim Jobcenter aufstocken mussten. Und wenn irgendwo ein Salon ein paar Cent mehr pro Stunde zahlte, mussten sich die Aufstockerinnen dort bewerben, selbst wenn sie schon Jahrzehnte im gleichen Salon arbeiteten. Das alles ist durch den Mindestlohn weggefallen. Heute müssen Friseurinnen gelegentlich noch Wohngeld beantragen wegen der steigenden Mieten. Aber ihr Lohn hat sich nahezu verdoppelt, sie werden nicht mehr gegängelt und müssen auch nicht mehr aufs Amt. Früher wurden sie behandelt wie jemand, der nicht arbeitet.

Nur ein Ausschnitt von 1.000 Quadratmetern – der Salon Astoria 1967

Foto: Archiv

VER.DI PUBLIK: Du bist bis heute sehr aktiv in ver.di. Was ist 30 Jahre nach dem Mauerfall aus Gewerkschaftssicht für dich immer noch zu tun?
RICHTER:
Nach wie vor gibt es bei Tarifabschlüssen immer noch Unterschiede zwischen Ost und West. Und auch bei der Gleichstellung ist noch einiges zu tun. In Berufen, in denen viele Männer arbeiten, werden Frauen immer noch schlechter bezahlt. Und immer noch arbeiten zu viele Frauen in Teilzeit. Wirklich große Sorgen macht mir das Erstarken der AfD in unseren Bundesländern, das haben ja auch gerade die Wahlen in Brandenburg und hier in Sachsen gezeigt. Ich hoffe, dass wir uns als Gewerkschaft da noch viel deutlicher positionieren und noch mehr einmischen.

VER.DI PUBLIK: Du bist vor der Wende nicht in der Gewerkschaft gewesen. Waren die Gewerkschaften so etwas wie eine Errungenschaft für dich?
RICHTER: Unbedingt! Wenn wir nicht durch die Gewerkschaft beraten und bestärkt worden wären, unseren Mut zusammen zu nehmen und zu kämpfen, aufzustehen und zu sagen, das geht nicht mit uns, hätten wir gar nicht alles erreichen können, was wir erreicht haben. Wir brauchen Gewerkschaften, vor allem ­starke Gewerkschaften.

INTERVIEW: Petra Welzel