ver.di Jugend

Alle(s) für die Zukunft

Es ist schon eine Tradition der ver.di Jugend, auf den Bundeskongressen mit ihren Aktionen Zeichen zu setzen

Ein ver.di-Bundeskongress wäre kein ver.di-Bundeskongress, würde die ver.di Jugend nicht einmal am Tag auf sich und ihre Themen aufmerksam machen

Foto: Lenny Rothenberg

 

Von Petra Welzel

Wer am Eröffnungsabend des 5. ver.di-Bundeskongresses die ver.di Jugend ­suchte, fand sie mitten im zentralen Block des Plenums. Unübersehbar hingen dort über rund 75 Stühlen orange-rote Rettungswesten, wie man sie von den Bildern aus dem Mittelmeer kennt. Dort, wo seit Jahren schon tausende Menschen vor dem Ertrinken gerettet worden sind. Aber immer noch viel zu viele Menschen, ­Männer, Frauen und Kinder, ihr Leben ­lassen. Während der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, SPD, in den Kongresssaal kam und auf die erste Reihe zusteuerte, erhoben sich die ver.di Jugendlichen und rollten ein Transparent auf. „Im Mittel­meer ertrinken die Menschenrechte“ war darauf zu lesen.

Es ist schon eine Tradition der ver.di Jugend, auf den Bundeskongressen zu intervenieren. Auch vor Staatsoberhäuptern. Immer ­wieder Zeichen zu setzen. Es lagen nicht nur mehr als ein gutes Dutzend Anträge der Bundesjugendkonferenz vor. Die Jugendlichen zogen auch auf diesem Kongress mit ihren Aktionen nahezu jeden Tag die Aufmerksamkeit auf sich und auf wichtige Themen.

Und sie haben damit nicht nur Christel Christofsky, mit 88 Jahren die älteste ­Delegierte, von sich überzeugt: „Ich habe viele Übereinstimmungen mit der Jugend. Ihre Anliegen sind auch meine. Denn als ich jung war, bin ich genauso gewesen: links, rebellisch und manchmal aufmüpfig. Ich bin mit 88 noch genauso jung wie sie. Ich bin froh, dass es solche Jugend­lichen gibt, die sich ernsthaft mit Politik beschäftigen“, sagte sie. Und meldete sich auch immer wieder zu Wort während der Debatten, um für die ver.di Jugend Partei zu ergreifen.

Emotional aufgeladen

Dass der Antrag auf eine kontrollierte Cannabis-Abgabe angenommen wurde, war da eigentlich nur ein Nebenschauplatz. Durchgesetzt hat sich die ver.di ­Jugend vor allem auch mit ihrem Antrag, dass im Hambacher Forst kein einziger Baum mehr gefällt werden dürfe. Die Debatte darüber war emotional aufgeladen. ver.di muss sich jetzt dafür einsetzen. Die Mehrheit der Delegierten sorgte dafür, dass der Jugend-Antrag Eingang in den Leitantrag des Gewerkschaftsrates fand.

„Wir alle wissen, wie unbequem große Veränderungen für uns alle sein können, aber es ist wirklich dringend. Denn wir haben keine zweite Erde in Reserve“, sagt am Kongress-Freitag Freya Matilda ­Schlabes, 16 Jahre und Schülerin aus Leipzig, die mit einer Delegation von Fridays for Future zum Bundeskongress gekommen war. In einer knappen, aber eindringlichen Rede geißelte sie das Klimapaket der Bundesregierung. Wie könne die sich hinstellen und etwas als Klimapolitik ­verkaufen, was nichts verändere? „Wir geben unsere Erde nicht auf. Wir streiken weiter bis sie handeln. Und dafür müssen wir noch mehr werden – in den Schulen, den Unis und auch bei Euch in den Gewerkschaften!“

Dass diese Verbindung längst gedeiht, zeigten alle auf der Bühne Versammelten. Hinter und neben der Schülerin hatten sich Students und Workers for ­Future und die ver.di Jugend for Future gesammelt. Katharina Stierl, von den ­Students for Future und ver.di-Mitglied, sagte: „Es macht mich stolz, dass meine Gewerkschaft die Zeichen der Zeit zu ­erkennen scheint. For Future sind nicht mehr nur Schüler*innen und Studierende. Wir sind Beschäftigte, Omas, Künstler*innen und eben auch Workers und Gewerkschaften for future. Und das ist genau richtig so.“

Dass die For Futures noch längst nicht am Ziel sind, sagte sie auch: „Es ist nicht immer leicht. Aber niemand hat gesagt, dass den Planeten zu retten einfach wird.“ Aber man könne und müsse jetzt anfangen. „Lasst uns gemeinsam kämpfen, für eine sozial gerechte und zukunftsfähige Klimapolitik. Alle sollen schon mal ihre Fahrräder aufpumpen, um sich auf die Streiks im ÖPNV vorzubereiten, hat Christine Behle Dienstag in ihrer Bewerbungsrede gesagt. Da bin ich gerne dabei und deswegen habe ich hier schon mal zwei Luftpumpen für Christine und Frank mitgebracht. Damit wir alle zusammen gut zum Streik kommen. Am besten mit dem Fahrrad.“

Der neue ver.di-Vorsitzende Frank ­Werneke sagte anschließend, ver.di werde gemeinsam für eine ökologische Wende kämpfen, die gerecht gestaltet werde. Der Klimaschutz gehe vor allem nur mit einem starken öffentlichen Nahverkehr. Die For Futures dürften sicher auch gespannt darauf warten, Frank ­Werneke und Christine Behle, die neben Andrea Koscic zur stellvertretenden ver.di-Bundesvorsitzenden gewählt wurde, in der geplanten Dezember-Aktionswoche der For Futures tatsächlich auf dem Rad zu sehen.

Sie haben verstanden

Mit Spannung erwartet wurde auf dem Bundeskongress schließlich auch die ­Debatte um die AfD und AfD-Mitglieder in ver.di. Isabell Senff, bis zur Bundes­jugendkonferenz im Frühsommer noch ehrenamtliche Vorsitzende der ver.di ­Jugend, stellte klar: „Ich bin mit Herz ­Gewerkschafterin. Und ich bin mit Herz Antifaschistin. Lasst uns jetzt hier nicht anfangen mit ,Oh, wir sind nicht mutig.’ Natürlich sind wir mutig! Weil das zu unseren Grundsätzen gehört, dass wir Antifaschistinnen und Antifaschisten sind.“ Und sie forderte auf: „Sagt alle: Alerta! Alerta! Antifascista!”, in Erinnerung an die antifaschistische Bewegung in den 1920ern in Italien. Es ist schon lange der Kampfspruch gegen Rechts der ver.di ­Jugend.

Der Delegierte Stefan Wittstock bezeichnete die ver.di ­Jugend als „die aktivste Jugendorganisation des Antifaschismus“. „Niemand macht das so gut wie die“, sagte er, und: „Die ver.di Jugend hat uns dazu bewegt zu blockieren, zivilen Ungehorsam zu zeigen. Überall da, wo Nazis auftauchen.“

Und auch Hamado Dipama, Delegierter aus München mit Flüchtlingshintergrund, lobte die ver.di Jugend am Sonnabend, dem letzten Kongresstag, ausdrücklich. Mit ihrem Antrag auf Seenotrettung und  den Stopp rechtswidriger Rückführungen nach Libyen hätten sie nicht nur für ihn ein wichtiges Zeichen gesetzt. Darin  wird die Einhaltung der Menschenrechte gefordert sowie die staatliche Unterstützung derer, die bei ihrem Versuch, nach Europa zu gelangen, in Lebensgefahr geraten. Er sagte: „Liebe ver.di-Jugend: Sie haben verstanden, was für Probleme wir haben. Mit euch gibt es Hoffnung.“