Porträt

Die Strukturierte

Martina Rößmann-Wolf ist das neue Gesicht an der ehrenamtlichen Spitze von ver.di

„Ich lass das auf mich zukommen.“ Martina Rößmann-Wolf blickt ihrer Aufgabe als Gewerkschaftsratsvorsitzende mit der nötigen Gelassenheit entgegen

Foto: Kay Herschelmann

Von Heike Langenberg

Sie sagt von sich selbst, sie sei keine Rampensau. Doch jetzt steht sie auf der großen Bühne, vor über 1.000 Delegierten und Gästen des ver.di-Bundeskongresses in Leipzig. Martina Rößmann-Wolf, 60 Jahre, Steuerfahndungsprüferin – und seit dem 24. September Vorsitzende des ver.di-Gewerkschaftsrats. Es ist das höchste Beschlussgremium der Gewerkschaft zwischen den Bundeskongressen. Und damit ist Martina Rößmann-Wolf das ehrenamtliche Pendant zum ebenfalls in Leipzig neu gewählten ver.di-Vorsitzenden Frank Werneke.

Ein neues Duo an der Spitze von ver.di. Die beiden lösen Frank Bsirske und Monika Brandl ab, die seit 2007 gemeinsam die Organisation geführt haben, eine lange Zeit. Beide haben nicht mehr kandidiert. Und die Organisation blickt gespannt darauf, wie sich die beiden Neuen machen. Ihre erste gemeinsame Aufgabe am Tag nach der Wahl auf der Kongressbühne: Sie verabschieden ihre Vorgänger, routiniert, dennoch mit viel Herzlichkeit. Nervös sei sie da nicht mehr gewesen, sagt Martina Rößmann-Wolf anschließend.

Anders war es bei ihrer Wahl am Vortag. Doch das merkt man ihr nicht an, als sich der vom Kongress gewählte Gewerkschaftsrat in der Mittagspause konstituiert. Die Zeit drängt ein bisschen, der nächste Tagesordnungspunkt im Kongressablauf ist die Wahl des neuen Vorsitzenden. Doch die Gewerkschaftsratsmitglieder nehmen sich erst einmal Zeit für ihre Wahl. „Immer, wenn es mir bei aller Wichtigkeit bei den Themen Spaß macht, bin ich gut“, sagt sie den Mitgliedern des Gremiums in einer Vorstellungsrede. Und Spaß hat es ihr gemacht in den vergangenen vier Jahren, in denen sie bereits Mitglied im zehnköpfigen Präsidium des Gewerkschaftsrats gewesen ist. In einem tollen Team, wie sie sagt.

Nicht die typische Spitzenfunktionärin

Trotzdem hat sie zunächst gezögert, als ihre Vorgängerin Monika Brandl sie gefragt hat, ob sie sich nicht vorstellen könne, ihr nachzufolgen. „Ich entspreche nicht dem Bild einer Spitzenfunktionärin“, sagt sie. „Ich habe keine betrieblichen Funktionen.“ 1986 ist sie in die ver.di-­Vorgängerorganisation ÖTV eingetreten, von der Gewerkschaft überzeugt hatten sie Freunde. Sie arbeitete als Beamtin im Finanzamt Wuppertal-Elberfeld, über­legte, für den Personalrat zu kandidieren. Dann übernahm sie die Leitung der Geschäftsstelle in einem anderen Wuppertaler Finanzamt, war für Personal, Organisation und Haushalt zuständig, also eher Arbeitgeberfunktionen. So wurde es nichts mit der Kandidatur. Stattdessen engagierte sie sich im ÖTV-Bezirk, war „schwuppdiwupp“, wie sie sagt, im Frauenvorstand, nahm alles an Bildung mit, was die ÖTV ihr bieten konnte, engagierte sich später in ver.di für ihren Fachbereich auf Bezirksebene, bevor sie 2006 zur Vorsitzenden des ver.di-Bezirks Wuppertal-Niederberg gewählt wurde.

„Immer, wenn es mir Spaß macht, bin ich gut“

Martina Rößmann-Wolf,
Vorsitzende des ver.di-Gewerkschaftsrats

Bis 2017 stand sie an seiner Spitze, im mittlerweile fusionierten Bezirk Düssel-Rhein-Wupper ist sie die stellvertretende Vorsitzende. „Ich bin niemand, der an ­Posten klebt“, sagt sie. Wichtiger ist es ihr, rechtzeitig den Generationenwechsel vorzubereiten, Jugendliche zu fördern. „Ich bin wohl eher die Alterskategorie ,Erfahrung bewahren’“, sagte sie bei ihrer Vorstellung im Gewerkschaftsrat selbst­ironisch. Aber in einem gemischten Team, und das ist es, was für sie zählt. Teamarbeit, in der Gewerkschaft, aber auch schon in der Jugend, in der sie in einer Volleyballmannschaft in der Regionalliga gespielt hat. „Eine Einzelsportart wäre nie etwas für mich gewesen“, sagt sie. „Ich bin erst richtig gut, wenn ich Menschen um mich habe, mit denen oder für die ich etwas tun kann.“

Das große Ganze im Blick

Die ver.di-Gründung sei ihr thematisch fern gewesen. Gewerkschaftsarbeit habe gezählt, egal wie die Organisation dahinter heiße. Dem einzelnen Mitglied und solchen, die es werden wollen, sei es erst mal egal, wie die Strukturen aufgebaut seien, Hauptsache sie funktionieren. Und dazu will Martina Rößmann-Wolf beitragen, auch jetzt an der Spitze des Gewerkschaftsrats. Das große Ganze im Blick behalten, dabei das vermeintlich Kleine nicht aus den Augen verlieren. So hat sie auch während ihrer ehrenamtlichen Arbeit im Bezirk immer gefragt, was die Fachbereiche brauchen.

Für Ausgleich ist gesorgt

Selbstbewusst sagt sie, dass es wichtig sei, dass Haupt- und Ehrenamt bei ver.di auf Augenhöhe miteinander reden. Es sei wichtig, dass die Ehrenamtlichen großen Einfluss in der Organisation hätten, sie brächten einen anderen Blick aus ihren Bezirken, Betrieben und Dienststellen ein. Dabei kommt ihr zugute, dass sie selbst gut strukturiert arbeitet. „Gut organisiert“, sei sie. Bereits im Sommer vor der Wahl liegt ein Kalender von 2020 auf ihrem Esstisch, die Zahl der Einträge wächst. Alles muss zusammenpassen, effektiv sein, damit auch Zeit bleibt für die Arbeit, denn sie arbeitet Vollzeit mittlerweile als Steuer­fahnungsprüferin beim Finanzamt. Aber auch Zeit für das Privatleben.

Sie liest gerne, reist mit ihrem Mann kreuz und quer durch Europa, trifft Freunde, oder sorgt mit Sport dafür, dass sie fit bleibt. Work-Life Balance heißt das neudeutsch, und das war ihr auch schon wichtig, als sie sich 2004 entschlossen hat, für ein Jahr mit Ehemann und Motorrad Neuseeland zu entdecken. Die Seele baumeln lassen, Land und Leute kennenzulernen. Erfahrungen, von denen beide heute noch profitieren, sagt Martina Rößmann-Wolf.

Aber jetzt nimmt erst mal die ver.di-­Arbeit breiteren Raum in ihrem Leben ein. Daran erinnert sie nicht nur der knallrote Staffelstab, den ihr ihre Vorgängerin nach der Wahl überreicht hat. Was sie sich vorgenommen hat? „ver.di läuft gut“, sagt sie. Die anstehende innerorganisatorische Umgestaltung muss jetzt vollendet werden, klare Positionen zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen wie Rechtsextremismus und Klimapolitik müssen innergewerkschaftlich diskutiert und nach außen vertreten werden. „Ich lass das auf mich zukommen“, sagt sie.

Strukturiert – wie gewohnt – wird sie die Herausforderungen angehen, und natürlich im Team. Damit ver.di noch mehr Mitglieder von sich überzeugen kann. Als „aufregend bunte Organisation“, wie es bei der Gründung vor 18 Jahren hieß, und was Martina Rößmann-Wolf an ver.di ­heute noch schätzt. „Das ist charmant, da geht mir das Herz auf. Wir müssen immer Kompromisse finden, aber das zeichnet uns aus“, sagt sie. Und das will sie weiter mit gestalten, jetzt an der Spitze des ­Gewerkschaftsrats, des höchsten ver.di-­Gremiums zwischen den Kongressen.

 

Martina Rößmann-Wolf, 60, Steuer­fahndungsprüferin,

seit 1986 Mitglied der ÖTV und später ver.di, von 2006 bis 2017 Vorsitzende des Bezirks Wuppertal-Niederberg, seit 2018 stellvertretende Vorsitzende des ver.di-Bezirks Düssel-Rhein-Wupper, seit 2006 Mitglied des Landesbezirksvorstands von ver.di Nordrhein-Westfalen, seit 2011 Mitglied des ver.di-Gewerkschaftsrats, seit September 2019 dessen Vorsitzende. ­Verheiratet, lebt in Wuppertal.