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Die Nachtarbeiter*innen

Die Arbeit, die Menschen nachts erledigen, wird meistens nicht wahr­genommen. Aber ohne die Nacht­arbeiter*innen wäre unser Leben ein anderes

Onno Freese ist Drucker bei Mohn Media in Gütersloh. 30.000 gedruckte Exemplare laufen in dieser Nacht pro Stunde durch die Maschine. Einige Jahre hat er in Dauernachtschicht gearbeitet, das habe vor allem finanzielle Gründe gehabt, „damals gab es noch richtig viele Zuschläge, im Alter merkt man aber: Man braucht mehr Schlaf und man schläft schlechter.“

Fotos: Jelca Kollatsch

Von Jelca Kollatsch

Feierabend! Die Sonne ist gerade aufgegangen. Die Straßen füllen sich mit Menschen auf dem Weg zur Arbeit. Für manche heißt es jetzt: Schnell nach Hause und ins Bett – Schlaf nachholen.
Mehr als 10 Prozent der berufstätigen Menschen in Deutschland arbeiten laut Statistischem Bundesamt nachts, während die meisten Menschen schlafen. Sie schlafen, wenn die meisten Menschen mit der Arbeit beginnen. Wenn Licht, Lärm und im Sommer auch Hitze ins Schlafzimmer dringen. Die Qualität des Schlafs bekommt eine besondere Bedeutung für Nachtarbeiter*innen und hat eine zentrale Stellung in arbeitsmedizinischen Studien zur Belastung durch Nachtarbeit. 

Lars Ölscher macht in Hannover eine Ausbildung zum Veranstaltungstechniker. „Mir war klar, dass diese Arbeit am Abend, nachts und an Wochenenden stattfindet. Für meinen aktuellen Lebensabschnitt ist das cool. Aber mein Leben lang kann ich mir das nicht vorstellen, ist schon harte Ausbeutung.“

Als Nachtarbeit wird Arbeit bezeichnet, die mindestens für zwei Stunden zwischen 23 und 6 Uhr stattfindet. Da der Mensch tagaktiv ist, stellt die Umstellung auf einen verschobenen Wachrhythmus aus medizinischer Sicht eine objektive Belastung dar. Neben den biologischen Effekten beeinflusst Nachtarbeit darüber hinaus die sozialen Beziehungen.

Dass es trotz dieser körperlichen und persönlichen Belastung Nachtarbeit gibt, liegt neben technologischen und wirtschaftlichen Gründen auch an der Versorgung der Bevölkerung. Menschen reisen, tauschen weltweit Informationen aus und nutzen auch nachts Energien wie Strom und Gas. Sie werden krank und haben Unfälle, sie erwarten ihre Post am nächsten Tag und besonders abends und an Wochenenden gehen sie Essen und besuchen Konzerte. All dies ermöglichen Menschen, die in oft ungesehener nächtlicher Arbeit diese Dienstleistungen aufrechterhalten.

Links: Drei bis vier Nachtschichten im Monat arbeitet Sabine Guse. Sie mag die Stimmung in der Nacht. Doch sie stellt fest, es wird schwieriger, je älter sie wird, und es wird schwieriger im Anschluss zu schlafen.

Rechts: Lukas Bohnhorst hat seit Monaten fast nur Nachtschicht gehabt. Freunde und Familie meckern häufiger, er habe keine Zeit. Aber er liebt seinen Job: „Alle 600 Flugstunden muss ein Flugzeug in die Wartung, und zu Schichtbeginn kann keiner wissen, was man tun wird. Das macht die Arbeit sehr spannend!“

Links: Angelo Tessari ist seit 10 Jahren als Gleisbauer bei den Berliner Verkehrs­betrieben. „Noch ist mein Schlafrhythmus ok“, sagt er. Allerdings haben die Nachtschichten ihn eine Beziehung gekostet. „Heute noch einen unbefristeten Vertrag zu erhalten und als Handwerker nicht auf Montage zu müssen ... diese Entscheidung ist für meinen Job gefallen.“

Rechts: Eine von 82 Beraterinnen bei den Hilfetelefonen für Frauen in Gewaltsituation und Schwangere in Not. „Nachts sind wir mehr gefordert, auch weil weniger Hilfesysteme erreichbar sind, und auch ich bin nachts verletzlicher, alles wirkt intensiver und ist existenzieller.“

Links: Als Selbstständiger hat Claas Christophersen beim NDR die Wahl, wann er seine Arbeitskraft zur Verfügung stellt: Durchschnittlich etwa eine Nacht im Monat kann man ihn stündlich die Nachrichten und um 00:05 Uhr auch den Seewetterbericht lesen hören. „Mit Familie und so ist Nachtschicht heute total gegen meinen Biorhythmus, mit Anfang 20 habe ich das deutlich besser weggesteckt.“

Rechts: Jörg Klinthworth arbeitet seit 2014 als Kranführer auf der Containerbrücke bei der HHLA im Hamburger Hafen überwiegend in Nachtschicht. „Nach der Arbeit morgens bringe ich meine Kinder zum Kindergarten. Dann kann ich bis 15 Uhr schlafen und hab’ noch den ganzen Nachmittag mit ihnen. Das ist so viel besser für meine Familie.“