Mein Arbeitsplatz

Der, der Marx druckt

Julian Mühlbauer, 35, Druck & Verlag Das Freie Buch, München

Foto: Quirin Leppert

Wer bei uns arbeitet, braucht Überzeugung und Problemlösungskompetenz. Unser Verlag mit eigener Druckerei ist ein kleiner Laden, es gibt ihn seit den 70er Jahren und die technische Ausstattung ist alt. Mein Kollege druckt zum Teil noch mit einer fünfzig Jahre alten Planeta-Einfarbendruckmaschine aus der DDR. Profit wirft das Ganze nicht ab, aber darum alleine kann es auch nicht gehen. Wir verstehen uns als Druckerei der Arbeiterbewegung, die Drucksachen für Gewerkschaften und fortschrittliche Organisationen herstellt und dafür die Infrastruktur erhält, auch wenn es schwierig ist. Wir machen außerdem Bücher zugänglich, die andere nicht mehr verlegen, weil sie keinen Gewinn versprechen – auch Schriften, die in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit einmal üblich waren, zum Beispiel ökonomische Werke von Marx. Als ich mich nach meiner Promotion in Geschichte vor sechs Jahren entschieden habe, hier anzufangen, hat mich genau dieser politische Anspruch gereizt. Wir arbeiten zu viert, ich bin zuständig für Layout, Druckvorstufe und buchbinderische Weiterverarbeitung. Wir stellen Flugblätter, Plakate, Broschüren, Bücher und (fast) alles andere her. Gelernt habe ich den Job durch Selbermachen und Ausprobieren.

Wir haben unseren Sitz im „Haus mit der Roten Fahne“ in einem früher klassischen Arbeiterviertel. Auch hier wird alles schicker und teurer. Viele Betriebe wurden verdrängt, die soziale Zusammensetzung ändert sich. Nicht wenige stören sich an diesem Wandel. Unser Haus hat ihm bisher widerstanden. Das will die Stadt München, der das Gebäude gehört, ändern. Mit fadenscheinigen Begründungen hat man uns 2016 den Mietvertrag gekündigt. Protestbriefe, tausende Unterschriften, Beschlüsse von Bürgerversammlung und Bezirksausschuss haben nicht verhindert, dass eine Räumungsklage eingereicht wurde, die gerade verhandelt wird. Wir gehen davon aus, dass einer Mehrheit im Stadtrat unsere politischen Aktivitäten nicht passen.

Klassische Lohnarbeit und Ehrenamt

In unserem Haus treffen sich verschiedene Vereine und Organisationen. Hier werden Flugblätter geschrieben, Plakate entworfen und Transparente gemalt. Die Versammlungsfreiheit beginnt schließlich nicht auf der Straße, sondern bereits mit der Möglichkeit, Versammlungen vorzubereiten. Im Haus finden öffentliche Veranstaltungen, Lesungen, Ausstellungen und Filmvorführungen statt. In einem Gewerbegebiet im Umland würde das Konzept nicht funktionieren. So ein Haus muss schon da sein, wo die Menschen leben, die es nutzen. Herzstück des Ganzen ist die Bibliothek mit Literatur der Arbeiterbewegung, an die man anderswo nicht so leicht rankommt. Bei alldem fließen klassische Lohnarbeit und Ehrenamt ineinander, aber gerade das macht es interessant. Nach meinen Wünschen für die Zukunft gefragt, würde ich wohl antworten: Das „Haus mit der Roten Fahne“ muss erhalten werden, die Infrastruktur der Arbeiterbewegung braucht Geld für Investitionen und die bei uns verlegte Literatur muss der arbeitenden Bevölkerung weiter zur Verfügung stehen.

Protokoll: Monika Goetsch

 

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