Portrait

„Ohne sie wäre ich Schuhputzer in Istanbul“

Abdulvahap Cilhüseyin oder kurz Abdul ist Bankkaufmann in Stuttgart, ver.dianer – und er ist Enkel. Seine Großmutter lebt nicht mehr, und dennoch verdankt Abdul ihrer Stärke und Durchsetzungskraft sein heutiges freies Leben. Mit dem Buch „Eine türkische Geschichte“ hat er seiner Oma ein Denkmal gesetzt und ihre Geschichte erzählt

Ein Prozess, der in die Tiefe ging, sagt Abdul über das Schreiben seines Buches

Foto: Verena Müller

Von Monika Goetsch

Manchmal ist das Normale überhaupt nicht normal. Sondern etwas ganz Besonderes. Die Achtstundentage in einer Stuttgarter Bankfiliale; das Haus am Stuttgarter Stadtrand, das noch abbezahlt werden muss; zwei fußballverrückte Söhne, die in verschiedenen Vereinen spielen, am Wochenende hierhin und dahin kutschiert werden müssen und in ein paar Jahren das Abitur in der Tasche haben werden: eigentlich ein typisch deutscher Familienalltag. Aber Abdulvahap Cilhüseyin, 41, Familienvater in Stuttgart, hat einen anderen Blick auf Normalität. Er ist Enkel einer Gastarbeiterin aus Anatolien. Einer Frau, die 1932 unter einem Lindenbaum am Feldrand geboren wurde. Die schlau und wissbegierig war, aber gerade mal lesen und schreiben konnte, als ihr Vater sie von der Schule nahm. Unterdrückt erst von ihm, dann von ihrem trunksüchtigen Ehemann. Genug Zurücksetzung, um daran zu zerbrechen. Aber Saliha Kartag begehrte auf. Dass Abdul so frei lebt, wie er es heute tut, hat er der Stärke und Entschlusskraft seiner Großmutter zu verdanken. „Sie war anders gestrickt als andere Frauen“, sagt er. Und: „Ohne sie wäre ich jetzt vielleicht Schuhputzer in Istanbul.“

Allein in den Westen

Das Normale. Für ihn ist es etwas, wofür man dankbar sein darf. Die Sonne steht schon tief vor dem Künstlercafé. Auf dem Schlossplatz: berittene Polizei. Ein paar hundert Meter weiter flattern kurdische Fahnen, es ist Demo in Stuttgart. Hier wuchs Abdul auf, hier wird er bleiben. Auch das keine Selbstverständlichkeit für jemanden, dessen Familie neu anfangen musste in einer Fremde, die es nicht immer gut meint mit ihren Gästen. Gast­arbeiter: Da klang mal ein wenig Freundlichkeit an. Aber die Arbeitsmigranten, die seit Mitte der Fünfzigerjahre nach Deutschland kamen, begriffen schnell, „Gastarbeiter“ ist ein Negativetikett, das man nicht so leicht wieder los wird. Wie gut er Deutsch spreche, wundern sich noch heute manche Leute, die Abdul kennenlernen. Dass sie Türken eigentlich nicht mögen, ihn aber schon, sagen andere. Abdul nimmt das mit Humor.

Sein Geld verdient er als Bankkaufmann. Aber weil ihn das Thema der Heimatlosigkeit und die Liebe zur Großmutter nicht losließen, hat er sich nun einen „Lebenstraum“ erfüllt und sein erstes Buch geschrieben, und vielleicht kommt ja sogar noch ein zweites nach. Denn Abdul hat ein gutes Gespür dafür, was an einer Geschichte wirkt und wehtut. Die berührende Biografie seiner Oma ist das liebevolle, teils nostalgische, sehr ehrliche Dokument einer unterdrückten Frau. Es zeigt aber auch, dass eine starke Persönlichkeit ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und für andere den Weg in die Zukunft bahnen kann.

Denn als sich ihr Mann – legal nach muslimischen Recht –  mit einer zweiten Frau verheiratet und darauf besteht, die Kinder zu sich zu nehmen, duckt sich Saliha nicht weg. Sondern packt ihren kleinen Holzkoffer und besteigt – eine Ungeheuerlichkeit – einen Zug nach Westen, weit fort nach Deutschland, wo man Anfang der sechziger Jahre Menschen wie sie braucht. Anspruchslose, fleißige, robuste Leute, die ganz brav vor allem eins tun: schuften.

Saliha Kartag als junge Frau

Foto: privat

Saliha nimmt eine Putzstelle bei der Bundesbahn an und rackert sich ab. Rasch lernt sie, wie man ein Konto eröffnet und Geld in die Türkei überweist. Denn darum geht es: Der Armut entkommen. Geld verdienen. Um irgendwann wieder mit den Kindern zusammenzusein. Damit sich all die Entbehrungen gelohnt haben. In der Türkei ist sie bald eine großzügige Fremde, die Jahr für Jahr auftaucht und das Dorf mit Geld und Geschenken unterstützt. Aber in Deutschland bleibt Saliha die Frau von ganz unten.

Das Neuankommen will nicht recht gelingen. Die vielen Jahre der Trennung haben sie den Kindern entfremdet. Nur Abduls Vater zieht nach Stuttgart und lebt dort bis heute. Trotzdem: In ihrer Verbitterung erwartet Saliha ­nirgends Rückhalt, Güte oder Gnade. Zerwürfnisse regieren die Familie. Die Tragödie nimmt ihren Lauf. Einsamkeit, Heimatlosigkeit und eine Nervenkrankheit verdüstern ihr Leben. Abdul erzählt das ungeschönt und offen. Und weil es eine wahre, keine erfundene Geschichte ist, bleibt das große, das alles versöhnende Happy End aus. Die Zeit ist noch nicht reif für ein gutes Ende.

Der Sprung nach oben

Trost empfindet Saliha allerdings in der Liebe zu ihrem Lieblingsenkel, dem kleinen Abdul, der ihre Gefühle zutiefst erwidert. „An ihrer Seite wusste ich: Mir kann nichts passieren.“ Als die Großmutter 1991 stirbt, bricht für ihn, wie er sagt, eine Welt zusammen. Geblieben sind ihm von seiner Großmutter 20 Schwarzweißfotografien. Und eine Trauer und Sehnsucht, „ein Hang zur Melancholie“.

Viel Zeit ist seither vergangen. Abdul, ein herzlicher Mann mit ansteckendem Lachen, hat mit 21 Jahren eine türkischstämmige Erzieherin geheiratet, in einer Turnhalle, besondere Attraktion: der  Hähnchenstand. Das Paar bekam Kinder, engagierte sich auf Elternabenden in der Kita, „auch um zu zeigen, das auch wir uns um unsere Kinder kümmern“. Ganz selbstverständlich besuchen die Söhne heute das Gymnasium. Abdul schlich als Kind nur sehnsüchtig drum herum. Die Oma sah in ihm zwar immer einen künftigen Mediziner. Aber sein Vater zwang ihn dazu, eine Ausbildung zu machen.

Nicht, dass Abdul heute unzufrieden wäre mit seinem Leben. „Vieles ist lockerer und offener geworden“, sagt er. Aber ­natürlich hätte mehr aus ihm werden können. Ein stärkender Vater im Rücken – und Abdul hätte geschafft, was nun erst der nächsten Generation, seinen Kindern, gelingt: der Sprung nach oben, in die Bildungsgesellschaft. All die Kenntnisse der Psychologie, die er besitzt, seine Theaterleidenschaft, das Interesse an Filmen und Büchern, hat er sich selbst angeeignet. Er ist ein Mann der Geschichten und Pointen, es macht ihm Spaß, Komparse in Filmproduktionen zu sein und eine Theatergruppe zu leiten, die „Rüya“ heißt, Traum.

Die Einsamkeit der Banken

Die Recherche bei Verwandten und Bekannten in Deutschland und Anatolien, die Erzählungen der Mutter, die eigene Erinnerung – das war ein Prozess, der in die Tiefe ging. Als das Buch geschrieben war, fühlte sich Abdul „wie erlöst“. Seine Großmutter hatte ein trauriges Leben, ja. Sie war gegen Ende ihres Lebens schwer krank, manchmal kaum wiederzuerkennen. Aber sie besaß auch ein ganz lebendiges, großzügiges Temperament. Abdul sagt: „Ich bin ihr sehr dankbar.“

Nach dem Cafébesuch führt er durch die Stuttgarter Innenstadt. Hier war er oft mit seiner Oma, picknicken unter freiem Himmel vor Schloss und Oper. Er erzählt, dass er kürzlich auf einem Werbeplakat seiner Bank abgebildet war, im rosa Hemd, sie wollten wohl jemanden, der ausländisch aussieht, sagt er lachend, türkisch, arabisch, südamerikanisch, egal. Fürs internationale Flair.

Dann lenkt er die Schritte vorbei an dem nicht enden wollenden Bankgebäude, in dem er arbeitet, für seinen Geschmack in zu großer Einsamkeit. Und hin zur Bibliothek, deren Fenster blau leuchten. „Die größte Bibliothek Europas“, sagt er.

Natürlich kann man dort auch sein Buch ausleihen. Man kann es aber auch im Internet (ISBN 978-1981001934) oder auf einer seiner Lesungen kaufen. Abdul selbst verdient daran keinen Cent. Alles fließt nach Anatolien. In das Heimatdorf seiner Großmutter. Abdul baut dort einen Brunnen. Ganz so, wie es Saliha getan hätte.

Abdulvahap Cilhüseyin ist zurzeit mit dem  offenen Literaturkollektiv „Daughters and Sons of Gastarbeiter“ auf Lesetour, Infos und Termine unter www.gastarbeiters.de