Reportage

Der Arzt am anderen Ende der Leitung

Im Unfallkrankenhaus Berlin sitzt der Arzt, der Matthias Hecht hoch oben im Norden auf dem Seenotrettungskreuzer Arkona untersucht

Fotos: Christian Jungeblodt und Renate Koßmann

Seenotretter Matthias Hecht zeigt ausgezeichnete Vitalwerte an

TELEMEDIZIN – Ob auf hoher See oder im ländlichen Raum – überall dort, wo kein Arzt, keine Ärztin greifbar ist, übernehmen Tele­mediziner und die entsprechende Technik die Erstversorgung und manches Mal auch die Behandlung von Verletzten und Kranke

Von Gudrun Giese

Matthias Hechts Puls geht ruhig und gleichmäßig. Bewundernswert – wuseln doch mehrere Leute um den 48-Jährigen herum. Matthias Hecht ist Maschinist auf dem Seenotrettungskreuzer „Arkona“ und sitzt dort unter Deck mit nacktem Oberkörper auf einer Bank in der Messe des Schiffes. Auf seiner Brust kleben Elektroden, die ebenso wie die Blutdruckmanschette an seinem Arm an einen Laptop angeschlossen sind, der vor Hecht auf dem Tisch steht. Der Laptop verbindet die „Arkona“ direkt mit der Rettungsstelle des 200 Kilometer entfernten Unfallkrankenhauses Berlin (ukb), wo der dienst­habende Arzt sich in diesem Moment Hechts ausgezeichnete Vitalwerte auf ­einem Bildschirm anschaut.

Glücklicherweise handelt es sich bei der heutigen Untersuchung unter Einsatz des telemedizinischen Systems an Bord des Rettungskreuzers der Deutschen Ge­sellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) nur um einen Test. Der allerdings muss einmal monatlich stattfinden. ­Maschinist und Seenotretter Hecht ist nicht nur für die Schiffsmaschinen und die Rettung Schiffbrüchiger zuständig, sondern auch für die telemedizinische Ausrüstung an Bord. „Wenn wir auf See sind, klappt die Verbindung leider nicht immer. Außer­dem muss es dann meistens so schnell gehen, dass wir nicht in jedem Fall das ukb kontaktieren können“, sagt er.

Die Seenotretter sind deshalb auch mit einer Menge weiterem Rettungsequipment ausgestattet: Beatmungs­gerät und Sauer­stoffflasche, Defibrillator und massenhaft Verbandsmaterial inklusive Kuscheltieren für verängstigte Kinder nach erfolgreicher Rettungsaktion. Einsatzbedarf gibt es ­allerdings manchmal auch im Warnemünder Hafen, wo die ­Arkona liegt, wenn gerade kein in Not geratenes Segelschiff, kein im Nebel verloren gegangener Angler oder Schiff­brüchiger gerettet werden muss. Und dort liegt sie auch heute während des Tests bei schönstem Wetter vor Anker.

Lebensrettung inbegriffen

Zu viert sind die Seenotretter üblicherweise auf dem Schiff. Insgesamt gehören neun Seeleute zur Besatzung der Arkona, und die arbeiten in eingespielten, wechselnden Teams auf engstem Raum vertrauensvoll zusammen, wie Mario Lange sagt. Der 52-jährige einstige Hochsee­fischer ist heute im Dienst eines Vormanns auf der Arkona, was Funktion und Aufgabenbereich eines Kapitäns entspricht. „Eine vier- bis fünfköpfige Crew ist vierzehn Tage am Stück an Bord. Zwischendrin rotiert immer die Hälfte der Mannschaft, sodass jeder mal mit jedem zusammen Dienst hat. Da muss nicht nur im Rettungsfall alles stimmen zwischen uns. Auch bei den gemeinsamen Mahlzeiten und an einsatzlosen Abenden müssen alle gut miteinander auskommen.“ In der Messe, die nicht viel größer ist als die beiden Tische und die Sitzbänke drum herum, rückt man sich manchmal geradezu auf die ­Pelle.

Doch die erfahrenen Seenotretter sind seit langem aufeinander eingespielt. Alle wissen, dass sie sich auf die Kollegen „blind“ verlassen können. „Kollegen“ ist dabei die korrekte Form: Zu den hauptamtlichen Seenotrettern bei der DGzRS zählen bislang nämlich ausschließlich Männer. Doch immer mehr Frauen sind inzwischen als Freiwillige auf Seenot­rettungskreuzern mit ­dabei – wie Regina Heinritz von der DGzRS-Station Heiligenhafen, die das „Arkona“-Team gerade für eine Woche bei allen anfallenden Auf­gaben unterstützt.

Trong-Nghia Nguyen-Dobinsky ist der Vater der Telemedizin

Die Aufgaben sind vielfältig, aber keines­wegs jeden Tag spektakulär. Auch bei kleineren Wehwehchen helfen die Seenotretter gerne. „Wir haben im Hafen schon mal einen Urlauber behandelt, der einen Splitter im Finger hatte. Oder auch einen kleinen Jungen, der was im Auge hatte“, sagt Mario Lange. Die Telemedizin komme vor allem immer wieder zu Testzwecken zum Einsatz und habe dabei bereits viele wertvolle Erkenntnisse geliefert. „Einer aus unserer Besatzung hatte einen zu hohen Blutdruck, was dem Leiter der ukb-Rettungsstelle bei einem der Tests aufgefallen war. Beim anschließenden Arztbesuch hat sich das bestätigt, und der Kollege nimmt seitdem entsprechende Medikamente ein“, sagt Mario Lange. Lebensrettend eingreifen konnte ein ukb-Arzt, als der Hafenmeister in Warne­münde mit Verdacht auf Schlaganfall ans telemedizinische Gerät angeschlossen und gleich im Anschluss schnell ins Krankenhaus transportiert wurde.

Akutbetreuung Offshore-Windparks

Im Berliner ukb hat wenige Tage zuvor Oberarzt Markus Gondert, ein freundlich-zugewandter 40-Jähriger, in der Rettungsstelle Dienst. Ringsum werden Patient*innen hinter Vorhängen behandelt, Ärzt*innen und Gesundheits- und Krankenpfleger*innen eilen zu ihren Einsätzen. Eine geschäftige Atmosphäre, aber ohne Hektik. Gondert leitet nicht nur die Rettungsstelle. Er hat die hier ansässige ­Telemedizin mitaufgebaut und ist überzeugt von ihrem Nutzen. „Seit der Ein­führung 2016 haben wir rund 250 telemedizinische Einsätze gehabt, ­etliche davon waren lebensrettend“, berichtet er nicht ohne Stolz. Vor allem bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen tut schnelle Hilfe not, und die direkte Verbindung zum ukb kann dann tatsächlich lebensentscheidend sein.

Der Schwerpunkt der Akutbetreuung liegt bei mehreren Offshore-Windparks in Nord- und Ostsee. Dort kommt es des ­Öfteren zu einem akuten Zusammenbruch oder einem Arbeitsunfall; beides erfordert eine schnelle ärztliche Versorgung. Zur ­Demonstration der telemedizinischen Einsatzmöglichkeiten in solchen Fällen stellt Markus Gondert von Berlin aus eine Verbindung zur „Arkona“ her, die auch an ­diesem Tag im Warnemünder Hafen liegt. Dieses Mal stellt sich Vormann Karsten Waßner als Testperson zur Verfügung. Routiniert aktiviert der Arzt mit ein paar Klicks das EKG, der Blutdruck zeigt mit 130 zu 82 einen Normalwert. Um zu demonstrieren, was die Telemedizin im Falle eines akuten Problems leisten kann, fotografiert Gondert nun Waßners linkes Auge. Die kleine ­Kamera im Spezial­computer macht eine ­gestochen scharfe Aufnahme. „Das dauert jetzt einen Moment“, sagt Gondert vorm Laptop sitzend. Die Aufnahme baut sich ­allmählich auf und ermöglicht schließlich einen sehr ­guten Blick ins vergrößerte Abbild des Auges. „Wenn hier jetzt eine akute Entzündung oder eine Verletzung durch ­einen Fremdkörper vorläge, könnte ich sofort einen Facharzt für Augenheilkunde hinzuziehen, der eine Diagnose stellen und die passende Behandlung verordnen würde.“

An Bord des Seenotrettungskreuzers, aber auch auf den Offshore-Windkraftanlagen befinden sich immer Beschäftigte mit erweiterter Erste-Hilfe-Ausbildung, manchmal auch richtige Rettungssani­täter, die die Erstversorgung nach Anweisung des ukb-Arztes ausführen können. Und was passiert bei einem Beinbruch oder einer Zahnvereiterung, Herr Gondert? „Sofort ausfliegen!“ Doch um festzustellen, ob der Patient per Hubschrauber ins nächste Krankenhaus geflogen werden muss, dafür leistet eben die telemedizinische Anlage zuvor wichtige Dienste.

Erste Hilfe und Telemedizin sind auf dem Seenotrettungskreuzer Standard

Hoffnung für den ländlichen Raum

Einer, der von Anfang an bei der Entwicklung und dem Aufbau der Telemedizin dabei war, sitzt heute in einem nüchternen Bürogebäude im Gewerbegebiet von ­Wildau bei Berlin: Trong-Nghia Nguyen-­Dobinsky (67) ist gelernter Schiffbau­ingenieur, hat an der Charité seinen ­Doktor in Medizininformatik erworben und dort mit der Entwicklung der Telemedizin begonnen. Inzwischen ist er geschäftsführender Gesellschafter der „Global Health Care“ (GHC), die nicht nur die Geräte und Software für Seenotrettungskreuzer und Offshore-Anlagen bereitstellt. Er und sein siebenköpfiges Team betreuen die Geräte auch. Und das erfordert mehr Arbeit, als man sich vorstellt, wenn man Beobachterin einer reibungslos verlaufenden Untersuchung ist. Doch gestresst wirkt der „halbe Arzt“, wie er sich scherzhaft nennt, überhaupt nicht, dazu hat Nguyen-Dobinsky zu viel Freude an der Arbeit. Neben den Rettungskreuzern und Offshore-Anlagen betreut sein Unternehmen noch telemedizinische ­Projekte für den ländlichen Raum – eines in Schleswig-Holstein, eines in Bran­denburg, das ­allerdings noch in der ­Vor­bereitungsphase steckt, und den ­„Telenotarzt“, der in Bayern künftig ­flächendeckend für erste medizinische Hilfe sorgen soll.

„In Schleswig-Holstein wird mit der ­Telemedizin eine dünn besiedelte Region betreut. Vernetzt sind Pflegeheime des ­Roten Kreuzes mit Ärzten vor Ort und ­einem Krankenhaus“, sagt Nguyen-­Dobinsky. ­Erkrankt ein*e Bewohner*in in einem der Pflegeheime, wird per Tele­medizin eine Verbindung zum Arzt hergestellt, der nicht nur den Blutdruck ­messen und ein EKG schreiben, sondern auch in ein schmerzendes Ohr schauen oder die Lungenfunktion per Spirometer testen kann. „Die Telemedizin macht ­keinen einzigen Arzt überflüssig, aber sie hilft bei der Diagnose“, sagt Nguyen-­Dobinsky.

Und bisher hätten sich alle Beteiligten nur positiv geäußert. Die Pflegeheimbewohner*innen sparen sich oft weite und umständliche Fahrten zur Arztpraxis inklusive langer Wartezeit, und die Ärzte können diese Patient*innen trotzdem gut mitversorgen. Überflüssige ­Fahrten mit ­Rettungsfahrzeugen in die Krankenhäuser entfallen ebenso. Dem schleswig-holsteinischen Gesundheitsministerium war das Projekt immerhin ­eine halbe Million Euro Fördergeld wert.

Oberarzt Markus Gondert im ukb, der in enger Abstimmung mit Nguyen­Dobinskys GHC die Telemedizin in der ­Rettungsstelle aufgebaut hat, sagt: „Wir eignen uns besonders gut für diese Art der medizinischen Betreuung, denn in ­einem Unfallkrankenhaus sind rund um die Uhr Ärzte anwesend, die die Erstuntersuchungen und -diagnosen gewähr­leisten können.“

Vom Zwei- aufs Drei-Schicht-System

Das bedeutet aber im Prinzip auch noch mehr Arbeit für die Beschäftigten in der Rettungsstelle. Helge Roski (47) vom ­Betriebsrat des ukb hat deshalb dazu beigetragen, dass die zusätzlichen Aufgaben durch die Telemedizin nicht zu Lasten der Beschäftigten gehen. „Die Rettungsstelle wurde ohnehin wegen steigender Fallzahlen im internistischen Bereich vom Zwei- auf das Drei-Schicht-System umgestellt. Wegen des Mehrbedarfs konnten zwei zusätzliche Ärzte eingestellt werden.“ Neue Technik dürfe nicht zu Lasten der Belegschaft gehen, das ist dem Betriebsrat sehr wichtig, und „deshalb ­müssen wir uns als Arbeitnehmerver­tretung intensiv mit diesen Themen befassen – nicht nur so nebenbei“.

Mario Lange, einst Hochseefischer, ist heute Vormann

Für Nguyen-Dobinsky und sein Team stecken in der Telemedizin große Chancen für die Zukunft. „Viele ländliche Gegenden sind schlecht mit Ärzten versorgt. Im norddeutschen Rastede etwa hat die Gemeinde per Youtube-Video einen Landarzt gesucht – ohne Erfolg. Ab Anfang 2020 wird es dort nun auch eine tele­medizinische Betreuung geben“, sagt Nguyen-Dobinsky.

Zu den Prinzipien von GHC gehört, dass sich Gemeinden wie Offshore-Anlagenbetreiber die Telemedizin auch leisten können. Jede telemedizinische Einheit kostet rund 10.000 Euro, kann aber auch für 400 Euro monatlich gemietet werden. Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger hat als rein spenden­finanzierte Seenot­rettungsorganisation mit einer hoheitlichen Aufgabe Sonderkonditionen, da sie die ­Telemedizin auf den Rettungskreuzern ausgiebig testet. Einmal jährlich wird das ­medizintechnische Gerät überprüft. Gibt es technische Erweiterungen, dann werden die Geräte ausgetauscht.

G5 also doch für jede Milchkanne

Nguyen-Dobinsky hofft, dass schon bald Computertomografien das Unter­suchungs- und Diagnosespektrum in der Telemedizin erweitern werden. Perspektivisch werde in ein paar Jahren der komplette ländliche Raum in der Bundes­republik telemedizinisch mitversorgt, ist sich der Technikentwickler sicher. Dafür sollte dann aber auch noch die Netzabdeckung, die derzeit ­zwischen 80 und 95 Prozent schwankt, besser und stabiler werden. G5 also doch für „jede Milch­kanne“ – anders als im vergangenen Jahr Wissenschaftsministerin Anja Karliczek (CDU) verkündet hatte.

Auf der Arkona ist die Besatzung derweil mit der schönsten Aufgabe des Tages beschäftigt – es wird gekocht. Und weil der heutige Donnerstag als Seemannssonntag gilt, wird es ein ganz besonderes Gericht, mit Fleisch, Gemüse und Nachtisch. Doch wenn die Mannschaft dann einen Notruf erhält, einen verschütt gegangenen Angler suchen oder ein Boot mit Motor­schaden in den ­Hafen schleppen muss, dann legen die Seenotretter  selbstverständlich umgehend ab und fahren den nächsten Rettungseinsatz – für den Notfall den Arzt an der anderen Leitung mit an Bord.