Schule ist keine Freizeit

Illustration: Linda Wölfel

Kommentar von Cedric Röhrich*

Er ist weder respektlos noch unangemessen – der Verzicht auf Schule von Schülerinnen und Schülern als politischer Boykott. Es ist ein Boykott der Schulen und des Lehrpersonals mit dem Ziel, eigene politische Interessen durchzusetzen.

Wird bei der Internet-Suchmaschine Google der in der Öffentlichkeit verbreitete Ausdruck „Schulstreik“ eingetippt, so erhält der*die Suchende eine ein­tönige Auswahl von Vorschlägen, basierend auf Relevanz, welche entweder das Klima thematisieren oder eben Greta Thunberg persönlich.

Gab es auch schon vereinzelt „Schulstreiks“, die sich anderen wichtigen Themen widmeten, so war bisher kaum ein Boykott penetranter als der von Fridays for future. Jeden Freitag für die Zukunft. „Weil ihr uns die Zukunft klaut.“ So endet eine der bekanntesten Parolen der jungen Klimabewegung.

Der Boykott des Unterrichts aber existierte schon vor den Klimastreiks und ihn wird es auch nach den Klimastreiks geben. 1901 bestrafte etwa die preußische ­Regierung die beteiligten Schüler am ­Wreschener Schulstreik mit Prügelstrafen. Im Sommer 1919 wurde die Prügelstrafe wiederum durch 30.000 streikende Schüler teilweise wieder abgeschafft. Heute drohen Schülerinnen und Schülern Ordnungsmaßnahmen. Und wie damals die Prügelstrafe nehmen die streikenden Schüler*innen die Maßnahmen in Kauf.

In anderen Teilen dieser Welt kämpfen Kinder um die Möglichkeit, in die Schule zu kommen und Bildung zu erlangen. Trotzdem ist es nicht unangemessen, wenn Kinder hierzulande ihre Meinung demonstrieren und durch den Verzicht von Schule den Ernst der Situation unterstreichen. Im Gegenteil: Es sollte Kindern überall eher die Hoffnung geben, dass sie mit einem Streik ihre Ziele erreichen können. Egal, ob in den Industrieländern ihre politischen Ziele oder in den Entwicklungsländern den Schulbesuch, welcher ebenfalls ein politisches Ziel sein kann. Wenn jede*r, der*die ein Industrieland mit einem Entwicklungsland vergleicht, um so die Legitimation des Schulstreiks von Fridays for future zu kritisieren, seinen Lebensstil ebenfalls einem beliebigen Entwicklungsland anpassen würde, dann hätte Fridays for future heute schon ­keinen Existenzgrund mehr.

Ein anderer Vergleich: Arbeitnehmende dürfen für bessere Bedingungen am ­Arbeitsplatz streiken. Zwar gilt für ­Schüler*innen nicht das Arbeitsrecht, ­allerdings sollte die Schule für Schüler*innen die gleiche Bedeutung besitzen, wie für Arbeitnehmende der Arbeitsplatz. Befindet sich eine Schülerin oder ein Schüler in der Sekundarstufe zwei, so befindet sie oder er sich auf einer Ebene mit Auszubildenden. Mit diesem Argument wird Oberstufenschüler*innen auch das „Hitze­frei“ verwehrt. Und da das so ist, was soll Schule dann sonst sein, wenn nicht ein Arbeitsplatz? Vor allem, wenn Schule eben keine Freizeit ist?

Es ist deshalb in Ordnung, wenn den Unterricht boykottierende Schüler*innen mit notierten Fehlzeiten und Ermahnungen rechnen müssen. Auch Arbeitnehmende müssen mit späteren Nachteilen rechnen, wenn sie an einem nicht von einer Gewerkschaft ausgerufenen Streik teilnehmen. Doch wer kann jetzt schon sagen, ob sich später nicht sogar „Gewerkschaften für Schülerinnen und Schüler“ durchsetzen werden?

Wichtig bleibt in jedem Fall, dass die Schulstreikenden einen autonom gebildeten Willen durchsetzen möchten. Und jedes Kind hat Respekt verdient, welches für seine eigene Meinung auf die Straße geht und dafür einsteht. Denn das ist das höchste Gut unserer Gesellschaft: Demokratie.

*Cedric ist 18 Jahre alt und ver.di publik-Leser