Ausgabe 01/2026
Aufgerüstet zurück in die EU

Am 23. Juni 2026 jährt sich das „Brexit-Referendum‟ in Großbritannien zum zehnten Mal. 2016 hatte sich eine knappe Mehrheit von 52 Prozent der Wahlberechtigten für den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union entschieden. Die Gründe waren vielfältig. Sie reichten von einer tiefen Frustration über die sozialen Auswirkungen einer jahrzehntelang andauernden thatcheristischen Kahlschlagpolitik bis hin zu nationalistischen und rassistischen Stimmungslagen.
Am 31. Januar 2020 wurde der EU-Austritt schließlich nach einem jahrelangen Tauziehen zwischen dem England und der EU vollzogen. Für die Jahre zwischen 2016 und 2020 waren der Brexit, dessen Ursachen sowie die daraus folgenden Konsequenzen das dominierende Thema in Großbritannien schlechthin. Es schien alles andere für lange Zeit zu überlagern. Jetzt, zehn Jahre nach dem Referendum, spricht noch kaum jemand darüber. Doch die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Verwerfungen, welche durch den Brexit sichtbar wurden, sind seitdem nur stärker geworden.
Gemeinsame Zollunion
Am 27. Dezember gab Paul Novak, der Generalsekretär des britischen Gewerkschaftsbundes TUC der britischen Tageszeitung The Guardian ein umfassendes Interview. Darin forderte Novak den britischen Premierminister Keir Starmer von der sozialdemokratischen Labour-Partei auf, eine gemeinsame Zollunion zwischen Großbritannien und der EU auszuhandeln. Es sei wichtig, so „eng wie möglich eine positive politische und wirtschaftliche Beziehung‟ mit der EU anzustreben. Die Dringlichkeit dieses Vorhabens zeige sich auch an den vergangenen zwölf Monaten in den USA, so Nowak weiter. Das Verhalten von Donald Trump habe gezeigt, dass „die USA nicht notwendigerweise der vorhersehbare Verbündete sind, auf den wir uns in der Vergangenheit immer verlassen konnten‟.
Tatsächlich scheint es in Teilen wieder eine Annäherung Großbritanniens an die EU zu geben. So soll das Vereinigte Königreich ab dem Jahr 2027 wieder am Erasmus-Programm teilnehmen. Das ist ein seltener diplomatischer Erfolg für Keir Starmer, der damit eine vom britischen Gewerkschaftsbund aufgestellte Forderung erfüllen konnte. Generell setzt sich Nowak dafür ein, dass junge Menschen aus Großbritannien leichteren Zugang zum europäischen Arbeitsmarkt bekommen sollen. Dies sei ein „Wunsch vieler einfacher Menschen aus der Arbeiterklasse in Großbritannien‟, so Novak in einem Interview mit der Financial Times, ebenfalls vom 27. Dezember.
Doch Novak geht es nicht nur um Möglichkeiten der Horizont-Erweiterung für britische Jugendliche. Der britische Gewerkschaftsbund verfolgt eine wirtschaftspolitische Strategie, die im Zuge der vergangenen zehn Jahre immer stärker an Bedeutung gewonnen hat. Deren Kern ist der Wunsch nach Rückgängigmachung der in den 1970er und 1980er Jahren erfolgten weitgehenden De-Industrialisierung Großbritanniens. Seit Beginn des Ukrainekriegs im Jahr 2022 setzt der TUC dafür auf einen neuen Frühling für die britische Rüstungsbranche. Auch hierfür wünschen die britischen Gewerkschaftsführungen mehrheitlich eine Annäherung an die Europäische Union, während die Öffnung britischer Märkte für die USA eher kritisch bewertet wird.
Das spiegelt sich in den Beschlüssen des Anfang September 2025 in Brighton abgehaltenen TUC-Kongresses wider. In einem dort verabschiedeten Antrag heißt es, „internationale Entwicklungen haben die Bedeutung der Kooperation mit der EU in den Bereichen Rüstung und Sicherheit in einen schärferen Fokus gerückt‟. Der Kongress registriere außerdem „die andauernde Bedeutung des britischen Handels mit der EU, und dem daraus folgenden Potenzial für heimisches Wachstum‟. Dieser Beschluss muss in Kombination mit regelmäßigen Äußerungen aus der Führungsspitze der britischen Industriegewerkschaft UNITE gelesen werden, in welchen die Forderung aufgestellt wird, die britische Rüstungsbranche für den nach Aufrüstung strebenden europäischen Markt zugänglich zu machen.
Gewerkschaften gespalten
Das ist eine deutliche Verschiebung der pro-europäischen Debatte in Großbritannien. 2016 sah die Mehrheit der britischen Gewerkschaften in der EU vor allem ein wichtiges gesellschaftliches Fortschrittsprojekt, welches nicht zuletzt auch gewerkschaftliche Rechte in Großbritannien gegen eine radikalisierte konservative Rechte absichern sollte. Problematische Aspekte der EU wie deren neoliberale und flüchtlingsfeindliche Ausrichtung wurden dabei beiseite gewischt. Nun wird im europäischen Rüstungsmarkt ein wichtiger Standortfaktor für die britische Industrie gesehen, welcher arbeitenden Menschen in Großbritannien zu neuem Wohlstand verhelfen soll.
Die britischen Einzelgewerkschaften sind in dieser Frage jedoch gespalten. Das wurde am TUC-Kongress in Brighton ebenfalls deutlich. Vor allem die Gewerkschaften aus dem öffentlichen Sektor und dem Bildungsbereich stemmen sich gegen die Aufrüstungspolitik. Eine knappe Mehrheit stimmte auf dem Kongress gegen die Befürwortung einer Aufstockung britischer Staatsgelder für die Hochrüstung – was wiederum die Industriegewerkschaften als wesentlichen Teil ihrer Industrialisierungsstrategie verteidigten. Diese Debatte wird in den kommenden Monaten und Jahren an Schärfe gewinnen.