Ausgabe 01/2026
Der etwas andere Versandhändler

Wenn mit dem Begriff "Multikulti" eine vielschichtige Beschäftigtenstruktur umschrieben wird, denkt man an eine Belegschaft, die aus mehreren Ländern stammt und mit den daraus resultierenden Sprachbarrieren zurechtkommen muss. Bei momox in Leipzig treffen mehr als 50 Nationalitäten aufeinander, werden rund 40 verschiedene Sprachen und Dialekte gesprochen, sind Frauen und Männer mit den unterschiedlichsten Lebensbiografien unter einem Dach tätig.
"Das funktioniert nicht immer reibungslos", sagt Stefan Thiel, der seit 2019 im Unternehmen beschäftigt ist. Der 43-Jährige, geboren in Bayern, hat ein abgeschlossenes Soziologiestudium, arbeitete bisher unter anderem im Einzelhandel, bei Amazon, in der Krankenpflege und bei einem Berliner Verlag. "Hier arbeiten circa 1.400 Beschäftigte in fünf Schichten rund um die Uhr. Da liegt natürlich ein gewisses Konfliktpotenzial, wenn die unterschiedlichsten Nationalitäten ohne ausreichende Verständigungsmöglichkeiten zusammenarbeiten. Das beginnt bei der Einweisung durch die Führungskräfte und zieht sich durch die gesamte Schicht. Bei Betriebsversammlungen sind keine Dolmetscher im Einsatz, was zu Unruhe und Missverständnissen führt", sagt Thiel.
Bei momox in Leipzig arbeiten migrantische und geflüchtete Kolleg*innen z.B. aus Afghanistan, Syrien, Iran, Venezuela, Indien. Sie stehen unter besonderem Druck. Arbeitshetze und Leistungsdruck treffen auf Existenzängste. Sie befürchten bei Verlust des Arbeitsplatzes auch den Verlust des Aufenthaltstitels.
Trotz all dieser Herausforderungen sei es aber gelungen, einen Teil der Belegschaft in den ersten und somit historischen Arbeitskampf bei dem Versandhändler zu führen. "Im Streik erkennen die Kolleginnen und Kollegen ihre gemeinsamen Interessen und dass sie diese nur gemeinsam gegen den Arbeitgeber durchsetzen können", so Thiel. Da sei es vollkommen egal, woher die Beschäftigten kommen, welche Sprache sie sprechen oder an welchen Gott sie glauben. Insofern sei der Streik auch die beste Maßnahme gegen Rassismus und Diskriminierung im Betrieb.
"Wir haben bei momox eine ähnliche Situation wie beim Versandhändler Amazon", beschreibt ver.di Gewerkschaftssekretär Ronny Streich die Bedingungen bei momox, allerdings mit niedrigerem Gehalt. ver.di hat das Unternehmen zu Tarifverhandlungen aufgefordert, um die Anerkennung der Tarifverträge des Einzel- und Versandhandels in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zu vereinbaren. "Wir nehmen auch härteren Widerstand der Arbeitgeberseite wahr. Strafversetzungen, persönliche Gespräche, in denen Druck auf Streikende gemacht wird sind keine Seltenheit. Leistungsdruck, Überstunden, keine Ruhe, hoher Krankenstand – das sind die Folgen für die Beschäftigten. Und das alles ohne Tarifvertrag und für einen Lohn, der für sie kaum zum Leben reicht."