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Die Sterne: Wenn es Liebe ist

Fangen wir von hinten an. Weil dort, am Ende des neuen Albums von Die Sterne, ein Instrumental auf uns wartet. Ein Stück ohne Gesang, das aber trotzdem eine überraschend konkrete Aussage, ja womöglich sogar eine politische Botschaft besitzt. Denn der Song ohne Text heißt: Immer noch sprachlos. Und bringt damit – vielleicht besser als jede Zeile, jeder Reim es könnte – auf den Punkt, wie man sich heute so fühlt, wenn man rausguckt in eine Welt, die immer mehr aus den Fugen gerät.

Auf diese Welt wirft die Hamburger Band mit ihrem 13. Album einen intensiven Blick. Sänger und Texter Frank Spilker gibt mit seinem gewohnt lakonischen Vortrag der sich gnadenlos breit machenden Ratlosigkeit eine Stimme. Denn das Predigen, ja schon das allzu offensichtliche Analysieren ist dem mittlerweile 59-Jährigen fremd. Eher fühlt er den depolitisierten Subjekten und willfährigen Opfern des Konsumzwangs sanft den Puls. Oder, wie es Spilker selbst im Interview formuliert: "Eine Position zu formulieren und dann Applaus dafür abzufordern, das wäre ja keine Kunst."

Natürlich weiß Spilker auch diesmal sehr schlau von aktuellen Themen wie der digitalen Welt, dem Rechtsruck oder toxischer Männlichkeit zu berichten. Aber die große Kunst der Sterne war es schon immer, solche Themen mit einem funky Takt zu transportieren. Seit ihrer Gründung 1991 sind sie zuerst einmal die tanzbarste aller Diskurs-Bands, sie haben den Groove – und wurden so die beste Live-Band aus der sogenannten Hamburger Schule.

An dieser Tanzbarkeit schrauben sie auf Wenn es Liebe ist so intensiv wie wohl noch nie. Nicht nur das abschließende Instrumental vertieft sich im Rhythmus, auch ein Stück wie Ändern wir jeden Akkord? verliert sich mäandernd in einer Discothèque für Indie-Kids, bis es hoffnungsfroh feststellt: "Vielleicht wäre es gut und die Vernunft würde siegen."

Dabei schwingt immer mit: Ein guter Rhythmus ist das letzte, woran man sich noch festhalten kann, wenn alles andere ins Wanken gerät. "Wenn der Diskursraum mit Scheiße geflutet wird, muss sich die Demokratie genau überlegen, wie sie reagieren will", sagt Spilker. "Im Zweifelsfall hätten wir da einen Groove." Einen Groove, der die Demokratie rettet? Und wenn nicht, dann lässt er einen zumindest in bessere Zeiten tänzeln – und wenn es nur für die knapp zehn Minuten ist, die Immer noch sprachlos dauert. Thomas Winkler

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Maurício Einhorn: Mauricio and Horns

Neben dem US-Amerikaner Larry Adler und dem Belgier Toots Thielemens zählt der Brasilianer Maurício Einhorn zu den Emanzipatoren der chromatischen Mundharmonika. Jenen Musikern, die auf dem vermeintlichen Kinderspielzeug eine technische Fertigkeit und außergewöhnliche Ausdruckskraft erlangt haben, an der keiner ihrer Nachfolger vorbeikommt. Das Besondere an Einhorn: Er hat sich den Traditionen und Grooves seines Heimatlandes verschrieben und gehört seit Ende der 1950er Jahre sowohl als Solist wie auch als Komponist zu den Wegbereitern der Bossa Nova und ihrem weltweiten Erfolg. Mit 93 Jahren legt er, begleitet von einer kleinen Bigband und internationalen Solisten wie dem kubanischen Klarinettisten Paquito D'Rivera, sein neues Album vor. In den Arrangements des Altsaxophonisten und Bandleaders Idriss Boudrioua offenbaren Einhorns nur scheinbar einfache Kompositionen mehr denn je ihre Raffinesse und Eleganz. Neben Einhorn, der als auf diesem würdigen Alterswerk als Solist im Mittelpunkt steht, dürfen auch die anderen Bandmitglieder ihr improvisatorisches Talent vorführen. Brasilianische Leichtigkeit für wintergestresste Mitteleuropäer. Peter Rixen

CD In+Out Records/Edel

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Rosa Hoelger: Für immer Gummistiefel

Eines der Lieder von Rosa Hoelger heißt Dieses verdammte Gefühl, und es handelt davon, wenn sich ein bestimmtes Gefühl nicht einstellen will, obwohl man doch alles dafür getan hat. Also: Sommer am Strand, Sand im Haar, Bier in der Hand, aber einfach kein verdammtes Urlaubsgefühl. Dieses Erforschen von Gefühlen, ein neugieriges Hinterherfühlen, ist der rote Faden, der sich durch das neue Album der aus Erfurt stammenden Musikerin zieht. So schlüpft sie in die Seele eines Kindes (Papa wach auf), vermisst die Risse in einer Beziehung (Jackett + Jogginghose) oder macht mal ihr Handy aus und probiert ein "analoges Leben" (Sterne sehn). Die 30-jährige Hoelger, die kein Problem damit hat, sich etwas altmodisch, aber sehr treffend als Liedermacherin zu bezeichnen, horcht nach innen, indem sie sehr fein das Außen beobachtet. Das ist selten dramatisch, aber geht dann in 23 Wow doch an die Nieren, wenn sie beschreibt, wie sie sich bei einer zufälligen Begegnung auf einem Parkplatz zum Sexobjekt degradiert gefühlt hat. Auch so eins dieser verdammten Gefühle, die Rosa Hoelger so treffend beschreibt wie kaum jemand sonst hierzulande. Thomas Winkler

Unserallereins Rec.