Ausgabe 01/2026
Die Gewalt der Diktatur

Ein einfacher Unfall
Eine nächtliche Fahrt mit dem Auto endet abrupt durch den Zusammenstoß mit einem Hund. Der Fahrer steigt aus, aber für das Tier kommt scheinbar jede Hilfe zu spät. Allerdings wird dieser vermeintlich "einfache Unfall" für den Familienvater selbst zum Verhängnis. Denn als sein Auto nicht mehr weiterfährt, begegnet er in der nahe gelegenen Werkstatt dem Mechaniker Vahid, der ihn an seinem markant quietschenden Gang erkennt und damit seinen Folterknecht im Gefängnis. Die Gelegenheit, es dem Sadisten heimzuzahlen, lässt sich der Entsetzte nicht entgehen. Er entführt ihn in seinem Kleinbus in die Wüste, wo er ein Grab für ihn aushebt. Aber dann kommen ihm Zweifel, ob er den Richtigen erwischt hat, denn der Gefesselte behauptet steif und fest, dass er sein Bein erst kürzlich bei einem Unfall verloren habe.

Jafar Panahi hat in preisgekrönten Filmen wie Der Kreis (2000) oder Taxi Teheran (2015) über viele Jahre scharfe Kritik an dem menschenfeindlichen Regime seiner iranischen Heimat geübt und ist deshalb mit einem Berufsverbot belegt. Das Interesse an seinem Kino dürfte aber noch nie so groß gewesen sein wie jetzt angesichts der neuerlichen schweren Unruhen in Teheran, wo Zehntausende von Menschen für Freiheit, Würde und ein besseres Leben protestieren und dabei oft ihr Leben lassen. Passend dazu erzählt die in Cannes mit der Goldenen Palme prämierte Geschichte von den Kreisläufen der Gewalt in einer Diktatur am Beispiel von Menschen, die hoch emotional über alle Optionen diskutieren, wie mit ihrem Peiniger zu verfahren ist.
Es sind Bekannte von Vahid, die er zur Identifikation des Verdächtigen mit dem Holzbein aufstöbert: eine Fotografin, die dachte, ihren Frieden gemacht zu haben, ihr unbeherrschter Ex-Mann und ein Brautpaar, das sie gerade fotografiert. Sie alle waren im selben Gefängnis und verfangen sich nun im Kleinbus in wilden Auseinandersetzungen. Einige wollen den Unmenschen am liebsten auf der Stelle totschlagen, andere wiederum zögern.
Sichtbar wird inmitten dieses Chaos eine in ihrem Misstrauen gelähmte Gesellschaft, die um Gerechtigkeit und Heilung ringt. Es ist vielleicht das menschlichste Kammerspiel von Panahi, der – selbst mehrfach im Gefängnis – überzeugend Gefühle, Gedanken und Beweggründe seiner Charaktere in ihrer Komplexität nachzeichnet.
Kirsten Liese
Iran/FrankreicH/Luxemburg 2025 R: Jafar Panahi. D: Vahid Mobasseri, Maryam Afshari, Ebrahim Azizi. 105 Min. KinoStart: 8.1.26

Eisige Stille
Barb alias Emma Thompson ist eine außergewöhnliche Heldin. Im Kampf um Leben und Tod entwickelt die erfahrene, kluge Abenteurerin Bärenkräfte wie im Kino gewöhnlich eher die Männer. An einen zugefrorenen, einsamen See im Norden Minnesotas reist die Furchtlose ganz allein in ihrem Auto, wo sie die Asche ihres verstorbenen Mannes verstreuen und damit seinen letzten Willen erfüllen will. Aber als sie in einem abgelegenen Haus einen unfreundlichen Mann nach dem Weg fragt, kommt sie einem Verbrechen auf die Spur, das als Verzweiflungstat schaurige Züge annimmt, geplant von einer hartgesottenen, skrupellosen Krebskranken. Deren Opfer ist eine junge Frau, deren gefährliche Rettung die mutige Witwe Barb ohne Handyempfang und mitten in der Wildnis nur selbst in die Hand nehmen kann. Neben aufwühlenden, actionreichen Szenen stehen Rückblenden, die feinfühlig von Liebe, Verlust, Abschied und Trauer erzählen. Atemraubende Landschaften empfehlen den Horrortrip bei alledem für die große Leinwand. Kirsten Liese
USA, Deutschland 2025. R: Brian Kirk. D: Emma Thompson, Judy Geer, Marc Menchaca. 97 Min. KinoStart: 19.2.26