Ausgabe 01/2026
ES REICHT! ÜBERALL!

Einer Frau wird von einem Mann drei Mal in den Kopf geschossen. Der Moment – festgehalten in mehreren Handy- und Bodycam-Videos –, in dem die 37-jährige Renée Good am 7. Januar 2026 in Minneapolis von einem amerikanischen ICE-Bundesbeamten in ihrem Auto sitzend eiskalt hingerichtet wurde, schockiert. Genauso wie die Erschießungen und Folterungen inzwischen tausender junger Iranerinnen, die friedlich nicht mehr als ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit und ohne Kopftuchzwang fordern.
Erschütternd, aber fast aus dem Blick geraten, ist auch wie Frauen und Mädchen in Afghanistan fast vollständig aus dem öffentlichen Leben verschwinden. Vielen bleibt nicht einmal mehr ein Fenster nach draußen, nur ein (Über)Leben in vier Wänden. Und die, die sich noch widersetzen, bekommen die Macht der Taliban zu spüren. So wurde Mitte Januar die junge Taekwondo-Kämpferin Khadija Ahmadzada festgenommen, weil sie heimlich junge Mädchen trainierte. Ihre Bestrafung dürfte hart ausfallen, unter anderem gehören öffentliche Auspeitschungen zum Besteck der Taliban.
Doch das sind keine Ausnahmen. Es ist das Muster. Gewalt gegen Frauen – sie ist weltweit politische und gesellschaftliche Realität. Nach jüngsten Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erlebt fast jede dritte Frau in ihrem Leben Gewalt – in den meisten Fällen vom Partner oder dem Ex. Die WHO geht von insgesamt 840 Millionen Opfern aus. Neben körperlichen Übergriffen sind psychische Belästigung, digitale Gewalt und Ausbeutung auch in der Arbeitswelt weit verbreitet, besonders Frauen in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen sind betroffen.
In Deutschland trifft Gewalt im privaten Bereich laut der WHO-Studie rund 16 Prozent der weiblichen Bevölkerung zwischen 15 und 45 Jahren. Zudem nehmen antifeministische Angriffe zu. 2024 wurden in Deutschland laut Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbüros und Gleichstellungsstellen jede Woche mehr als zehn gegen Frauen gerichtete Vorfälle dokumentiert, die von Bedrohungen über Sachbeschädigungen bis hin zu Gewalt reichen. Doch überall sind das nur die gemeldeten Fälle. Viele Frauen schweigen aus Angst vor weiterer Gewalt – und leiden.
Warum Schweigen keine Option mehr ist
Es reicht! Wenn Frauen weltweit am 8. März den Internationalen Frauentag begehen, wird diesem Tag im Kampf um Gleichberechtigung und Selbstbestimmung gleich am folgenden Tag, dem 9. März, ein internationaler Frauenstreiktag folgen. Weltweit werden Frauen ihre Arbeit niederlegen, um ihre unsichtbare und bezahlte Arbeit sichtbar zu machen und gegen patriarchale Strukturen, Lohnungleichheit und Gewalt zu protestieren.
Initiativen wie "ENOUGH! GENUG! BASTA!" organisieren diesen Aufruf zu Aktionen, Streiks und Demonstrationen weltweit. Im Aufruf heißt es: "Die Zeit ist reif. Für einen Protest, der so vielfältig ist, wie wir es sind. Der so sichtbar ist, wie die Probleme es sind. Als notwendige Antwort auf die nicht endenden Kriege, geführt von Autokraten, die in Tateinheit Andersdenkende, die Menschenrechte, das Völkerrecht, Meinungs- und Pressefreiheit missachten, die Klimakatastrophe leugnen, Menschen und Natur ausbeuten und unfassbares Geld anhäufen. All dies geht einher mit zunehmender Bedrohung, Verarmung und Diskriminierung von Frauen* in ihrem ganzen Spektrum. Es ist Zeit für einen hörbaren Aufschrei! Für ein lautstarkes, gemeinsames ENOUGH! GENUG! BASTA!"
Die Lage für die Frauen habe sich in den vergangenen 20 Jahren kaum gebessert, sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus bei der Vorstellung der jüngsten Zahlen. "Gewalt gegen Frauen ist eine der ältesten und am weitesten verbreiteten Ungerechtigkeiten der Menschheit, und dennoch wird dagegen am wenigsten unternommen", so Tedros. Er betont: "Keine Gesellschaft kann sich als fair, sicher oder gesund bezeichnen, wenn die Hälfte ihrer Bevölkerung in Angst lebt."
Patriarchale Gewalt ist Methode
Machthaber wie die Taliban, Trump, Putin, die Mullahs oder Xi Jinping unternehmen so gut wie nichts dagegen. Sie profitieren davon – politisch, ideologisch, strukturell. In Russland ist häusliche Gewalt weit verbreitet. Jährlich sterben dort schätzungsweise 12.000 bis 14.000 Frauen durch häusliche Gewalt. Eine Initiative für ein Gesetz zum Schutz vor Übergriffen wurde durch Putin gestoppt.
Alle sieben Sekunden wird nach letzten Angaben des chinesischen Frauenverbands eine Frau im Reich der Mitte von ihrem Partner geschlagen. Die gewaltsame Ermordung der tibetischen Bloggerin Lhamo im Herbst 2022 hatte in den chinesischen sozialen Medien große Empörung ausgelöst. Lhamo war jahrelang misshandelt worden, während die Polizei wegschaute – und auch die Politik.
Gewalt gegen Frauen hat System. Sie ist gewollt. Der Journalist Nils Minkmar hat es kürzlich in seinem Newsletter "Heute ist der siebte Tag!" so formuliert: "Gewalt gegen Frauen […] ist das geheime Lebenselixier, die gesellschaftliche Energiequelle im System der alten Männer und ihrer rechtsradikalen Bewegungen." Dass Frauen nun weltweit streiken, ist kein Symbol. Es ist Selbstverteidigung.
Internationaler Frauentag 8. März 2026
ver.di wird den Internationalen Frauentag am 8. März mit Veranstaltungen und Aktionen begleiten, genauso wie im Vorfeld den Equal Pay Day unter dem Motto „equal pay every day“, gleiche Bezahlung jeden Tag, am 27. Februar 2026. Mit dem Frauenstreik am 9. März solidarisieren sich die ver.di-Frauen.
Mehr erfahren zum Weltfrauentag, auch zum Equal Pay Day und Equal Care Day, hier entlang