ver.di publik: Was sagen die Daten des Forschungsprojekts "AVASA –Arbeitsbedingungen und verletzendes Verhalten im Alltag der Sozialen Arbeit" über den Zustand des Hilfesystems?

Elke Alsago: Wir sehen sehr deutlich, dass sich in fast allen Bereichen ein Klima entwickelt, das ich als "institutionelle Kälte" bezeichne. Das heißt: Das Gegenüber wird mir gleichgültiger. Menschen werden nicht mehr als Gegenüber wahrgenommen, sondern funktional abgearbeitet. Das passt auch zu gesellschaftlichen Entwicklungen: schlanker Staat, Normierung, Funktionalisierung. Beziehung tritt in den Hintergrund. In der Kita etwa sollen Kinder immer früher gemessen, standardisiert, vergleichbar gemacht werden. Statt Beziehungen zu fördern, geht es um Programme, ums Funktionieren. Corona, Fachkräftemangel, Sozialstaatsabbau – all das hat Beziehungsabbrüche verstärkt. Auf diesem Boden wächst diese Kälte.

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Elke Alsago , Leiterin der ver.di- Bundesfachgruppe Erziehung, Bildung und Soziale Arbeit, über institutionelle Kälte, Kita-Alltag und politische VerantwortungFoto: Holger Asago

Wenn Gewalt so eng mit Strukturen zusammenhängt: Wer trägt dafür die Verantwortung?

Da gibt es mehrere Ebenen. Eine zentrale Verantwortung liegt bei der staatlichen Ebene: dort, wo Gesetze gemacht und Ressourcen verteilt werden. Aber auch bei den Trägern. Sie nehmen diese Aufträge an. Sie könnten auch sagen: Unter diesen Bedingungen betreiben wir diese Einrichtungen nicht mehr. Einige tun das. Ich habe es in NRW erlebt, dass Träger Kitas an Kommunen zurückgegeben haben. Gleichzeitig drängen kommerzielle Träger auf den Markt und verdienen Geld damit. Wenn sich mit Einrichtungen Geld verdienen lässt, werden Standards gesenkt. Das muss man klar sagen. Und wenn Träger merken, dass es sich nicht mehr rechnet, wird entweder abgestoßen – oder die Qualität reduziert.

Wo siehst du die größten politischen Hebel, um aus dieser Entwicklung wieder herauszukommen?

Ein zentraler Punkt sind die Kommunalfinanzen. Kinder- und Jugendhilfe und Eingliederungshilfe sind die größten Kostenfaktoren der Kommunen – und sie sind chronisch unterfinanziert. Wir brauchen eine andere Kostenverteilung: Bund, Länder und Kommunen müssen sich verbindlich beteiligen. Zweitens: schärfere Kontrollen der Träger. Es muss überprüfbar sein, dass Geld tatsächlich in Personal, in Hilfe, in Qualität ankommt. Drittens: Träger müssen stärker in die Verantwortung genommen werden, Teams zu stabilisieren – Supervision, Reflexionsräume, gute Arbeitskulturen. Man kann nicht alles nur auf Ressourcen schieben. Auch innerhalb der Organisationen muss aktiv gegen diese raue Kälte gearbeitet werden.

Interview: Rita Schuhmacher