Ausgabe 01/2026
Schuld ist das System

Beschimpfungen, Drohungen, sexualisierte Übergriffe, körperliche Angriffe – und ein Arbeitsalltag, der kaum noch Luft zum Atmen lässt. Eine bundesweite Studie mit mehr als 6.300 Befragten zeigt: Gewalt und verletzendes Verhalten gehören in vielen Bereichen der Sozialen Arbeit zur Normalität. Betroffen sind nicht nur Fachkräfte, sondern auch Kinder, Jugendliche und Klient*innen. Die Ursachen liegen selten im individuellen Fehlverhalten. Sie liegen im System.
Elke Alsago hat selbst viele Jahre als Sozialarbeiterin gearbeitet, heute leitet sie die ver.di-Bundesfachgruppe Erziehung, Bildung und Soziale Arbeit – sie erklärt anhand der KiTas wie diese Gewaltspirale entsteht und letztendlich normalisiert wird: "Kolleginnen sind allein mit 28 Kindern, völlig unter Druck, unterbesetzt, ständig am Limit. Dann wird geschrien, Kinder werden härter angefasst, es fallen Sätze wie: 'Die macht ja immer in die Hose, jetzt hat sie schon wieder die Hose voll.' Das ist psychische Gewalt, das ist Beschämen, Bloßstellen, alltägliches verletzendes Verhalten."
Und weil keine Zeit mehr da ist, Konflikte wirklich aufzuarbeiten, erklärt die Gewerkschafterin weiter, wird nur noch sanktioniert: In diesem rauen Klima reagieren irgendwann alle aufeinander immer härter – auch die Kolleg*innen untereinander. So normalisiere sich Gewalt und verletzendes Verhalten letztendlich.
Die Studie
Im gemeinsamen Forschungsprojekt AVASA – Arbeitsbedingungen und verletzendes Verhalten im Alltag der Sozialen Arbeit haben die ver.di-Bundesfachgruppe Erziehung, Bildung und Soziale Arbeit und die Hochschule Fulda untersucht, wie häufig Gewalt und verletzendes Verhalten in unterschiedlichen Handlungsfeldern auftreten.
An der bundesweiten Online-Befragung beteiligten sich rund 6.400 Beschäftigte aus unterschiedlichen Bereichen der Sozialen Arbeit. 3.234 vollständig ausgefüllte Fragebögen gingen in die Auswertung ein. Befragt wurden unter anderem Beschäftigte aus Kitas, Jugendämtern, der stationären Kinder- und Jugendhilfe, der offenen Kinder- und Jugendarbeit, aus Schule und Schulsozialarbeit, aus der Eingliederungshilfe, der Suchthilfe sowie der Wohnungslosenhilfe.
Das zentrale Ergebnis: Verletzendes Verhalten und Gewalt sind kein Randphänomen. Sie sind Alltag und entstehen dort besonders häufig, wo Arbeitsbedingungen prekär sind.
Psychische Gewalt tritt besonders häufig auf – zwischen Klient*innen, gegenüber Beschäftigten, aber auch durch Fachkräfte selbst. Physische und sexualisierte Übergriffe sind in allen untersuchten Arbeitsfeldern präsent. In manchen Bereichen berichten nahezu alle Befragten von entsprechenden Erfahrungen.
Weg vom "Einzelfall"
Immer wieder werden Gewaltereignisse in der Sozialen Arbeit als "bedauerliche Einzelfälle" verhandelt. Die AVASA-Daten widersprechen dieser Erzählung fundamental.
Besonders dort, wo chronischer Personalmangel herrscht, die Arbeitsverdichtung hoch ist und Pausen faktisch ausfallen, steigt das Risiko für Eskalationen und Grenzverletzungen. Gewalt tritt zudem signifikant häufiger in Einrichtungen auf, in denen Schutzkonzepte entweder fehlen oder nur formal existieren, Supervision und kollegiale Unterstützung nicht verlässlich verankert sind und Beschäftigte kaum an Entscheidungen beteiligt werden. Je instabiler die Strukturen, desto höher das Risiko – für Eskalationen, für Grenzverschiebungen, für professionelle Überforderung.
Die Auswertungen nach Arbeitsfeldern zeichnen ein bemerkenswert konsistentes Bild. In Kitas ist psychische Gewalt besonders weit verbreitet – auch durch Fachkräfte selbst – und steht in engem Zusammenhang mit Personalschlüsseln, Leitungshandeln und Teamkultur.
In Jugendämtern und der stationären Jugendhilfe berichten viele Beschäftigte von hoher Gewaltbetroffenheit und struktureller Überforderung; vorhandene Schutzkonzepte greifen dort häufig zu kurz.
In der Suchthilfe und der Wohnungslosenhilfe gehören psychische und physische Gewalt für viele zum Berufsalltag, besonders in stationären Settings und bei Nachtarbeit. Die Eingliederungshilfe – also in Einrichtungen und Diensten für Menschen mit Behinderungen – weist extrem hohe Belastungswerte auf und zeigt besonders die enge Kopplung von Gewalt und Personalnot. Und auch im schulischen Kontext sind Gewalt- und Grenzverletzungserfahrungen weit verbreitet – vor allem Schulsozialarbeiter*innen und Schulbegleiter*innen sind betroffen, während unklare Zuständigkeiten in multiprofessionellen Teams die Risiken zusätzlich verschärfen.
Eine Zentrale Stellschraube zur Unterbrechung der Gewaltspirale sieht Alsago in der Finanzierung der Kommunen: "Gerade die Kinder- und Jugendhilfe und Eingliederungshilfe sind die größten Kostenfaktoren der Kommunen – und sie sind chronisch unterfinanziert. Wir brauchen eine andere Umverteilung: Bund, Länder und Kommunen müssen sich verbindlich an diesen Kosten beteiligen."
„Gewalt entsteht dort, wo Beziehung durch Funktion ersetzt wird“
Elke Alsago, Leiterin der ver.di-Bundesfachgruppe Erziehung, Bildung und Soziale Arbeit, über institutionelle Kälte, Kita-Alltag und politische Verantwortung:
ver.di publik: Was sagen die Daten des Forschungsprojekts „AVASA – Arbeitsbedingungen und verletzendes Verhalten im Alltag der Sozialen Arbeit“ über den Zustand des Hilfesystems?
Elke Alsago: Wir sehen sehr deutlich, dass sich in fast allen Bereichen ein Klima entwickelt, das ich als „institutionelle Kälte“ bezeichne. Das heißt: Das Gegenüber wird mir gleichgültiger. Menschen werden nicht mehr als Gegenüber wahrgenommen, sondern funktional abgearbeitet. Das passt auch zu gesellschaftlichen Entwicklungen: schlanker Staat, Normierung, Funktionalisierung. Beziehung tritt in den Hintergrund. In der Kita etwa sollen Kinder immer früher gemessen, standardisiert, vergleichbar gemacht werden. Statt Beziehungen zu fördern, geht es um Programme, ums Funktionieren. Corona, Fachkräftemangel, Sozialstaatsabbau – all das hat Beziehungsabbrüche verstärkt. Auf diesem Boden wächst diese Kälte.
Wenn Gewalt so eng mit Strukturen zusammenhängt: Wer trägt dafür die Verantwortung?
Da gibt es mehrere Ebenen. Eine zentrale Verantwortung liegt bei der staatlichen Ebene: dort, wo Gesetze gemacht und Ressourcen verteilt werden. Aber auch bei den Trägern. Sie nehmen diese Aufträge an. Sie könnten auch sagen: Unter diesen Bedingungen betreiben wir diese Einrichtungen nicht mehr. Einige tun das. Ich habe es in nrw erlebt, dass Träger Kitas an Kommunen zurückgegeben haben. Gleichzeitig drängen kommerzielle Träger auf den Markt und verdienen Geld damit. Wenn sich mit Einrichtungen Geld verdienen lässt, werden Standards gesenkt. Das muss man klar sagen. Und wenn Träger merken, dass es sich nicht mehr rechnet, wird entweder abgestoßen – oder die Qualität reduziert.
Wo siehst du die größten politischen Hebel, um aus dieser Entwicklung wieder herauszukommen?
Ein zentraler Punkt sind die Kommunalfinanzen. Kinder- und Jugendhilfe und Eingliederungshilfe sind die größten Kostenfaktoren der Kommunen – und sie sind chronisch unterfinanziert. Wir brauchen eine andere Kostenverteilung: Bund, Länder und Kommunen müssen sich verbindlich beteiligen. Zweitens: schärfere Kontrollen der Träger. Es muss überprüfbar sein, dass Geld tatsächlich in Personal, in Hilfe, in Qualität ankommt. Drittens: Träger müssen stärker in die Verantwortung genommen werden, Teams zu stabilisieren – Supervision, Reflexionsräume, gute Arbeitskulturen. Man kann nicht alles nur auf Ressourcen schieben. Auch innerhalb der Organisationen muss aktiv gegen diese raue Kälte gearbeitet werden. Interview: Rita Schuhmacher