Ausgabe 01/2026
Wohnungen zu irrwitzigen Preisen

Als Magdalena Wesselly aus Köthen einen Ausbildungsplatz bei der Landeshauptstadt München bekam, war das bei aller Freude erstmal "ein Schreckmoment". Wie sollte sie eine Wohnung in München finden? 700 Euro für ein WG-Zimmer: Das kann sich doch kein Mensch leisten!
"Für immer mehr Menschen ist eine Wohnung im frei finanzierten Wohnungsbau nicht mehr erschwinglich" sagt Simone Burger, DGB-Vorsitzende Region München. Die Gründe für die Misere sind vielfältig. Allen voran: Die gestiegenen Bodenpreise und Baukosten. Hinzu kommt der stetige Zustrom von Menschen in die bayerische Millionenstadt, darunter viele Gutverdiener und Singles. Die Verknappung lässt die Mieten in ungekannte Höhen steigen. Auf den einschlägigen Plattformen werden Wohnungen zu irrwitzigen Preisen angeboten. Dort kostet laut Marktbericht des Immobilienverbandes Deutschland der Quadratmeter im Bestand durchschnittlich 21,60 Euro, im Neubau 24,70 Euro.
"Familien finden nichts, Rentner finden nichts, Alleinerziehende finden nichts."
Monika Schmid-Balzert, Mieterverein München
Mitunter ein Treffer
Und damit nicht genug: Immer mehr Vermieter setzen noch eins drauf und bieten ihre Wohnung möbliert und auf Zeit an. So können Vermieter mehr verlangen als üblich – und die Mieten immer wieder an die steigenden Preise anpassen. Die Folge, so Monika Schmid-Balzert vom Mieterverein München: "Familien finden nichts, Rentner finden nichts, Alleinerziehende finden nichts." Laut Pestel-Institut fehlen in München 16.900 Wohnungen, fast 10.000 müssten in den nächsten fünf Jahren jährlich gebaut werden, um den Mangel auszugleichen.
Wer jung ist, kinderlos, angestellt bei einem krisensicheren internationalen Großkonzern, landet mitunter trotzdem einen Treffer. Wie Patrick, 26, und seine Freundin. Nur eine einzige Wohnung haben sie sich angeguckt, Münchner Norden, Siebzigerjahre, Quadratmeterpreis: 20 Euro kalt. Sie bekamen den Zuschlag. Und packen gerade ihre Umzugskisten. Die beiden haben bis jetzt bei ihren Eltern gewohnt. Zu umständlich war die Suche nach einer eigenen Bude. Zu hoch die voraussichtliche Miete. Zu groß das Hin und Her mit Auslandssemestern und Praktika.
Lukas, 24, Student im siebten Semester, kennt das gut. Zwei Jahre lang hat er ein Zimmer gesucht. Anfang Januar ist er endlich zu Hause ausgezogen. Seine WG wird in München als Leuchtturmprojekt gehandelt. In wenigen Jahren soll das Einfamilienhaus in Allach, das der Stadt München gehört, abgerissen werden. Bis es so weit ist, dürfen junge Leute darin wohnen. Die Voraussetzung der kreativen Zwischennutzung: Die Gründung eines Vereins. Und die Bereitschaft, die Renovierungsarbeiten selbst durchzuführen.
1.500 Euro warm zahlen die sieben Bewohner und Bewohnerinnen für ihr S-Bahn-nahes Haus mit Garten – "unschlagbar für München", findet Lukas. "So cool das Projekt ist, noch cooler wäre, wenn wir es nicht bräuchten", sagt Svenja Gutzeit vom Kreisjugendring, der die Zwischennutzung im Leerstand angeschoben und begleitet hat. Für Christian Müller, Geschäftsführer der Münchner Wohnen, hat das Allacher Zwischennutzungsprojekt "modellhafte Wirkung", sein Ziel ist es, den Leerstand der städtischen Wohnungen (derzeit 0,6 Prozent) auf Null zu bringen. 70.000 preisgebundene Wohnungen besitzt die Münchner Wohnen, insgesamt 150.000 Menschen leben darin.
Anders als viele deutsche Kommunen hat die Stadt ihre Wohnungsbaugesellschaften nämlich nicht verscherbelt, sondern in eigener Hand behalten.
Ohnehin macht München, wie Simone Burger bestätigt, eine Menge richtig. Stichwort Zweckentfremdung: Steht eine Wohnung länger als drei Monate leer, verhängt die Stadt, wenn Gespräche mit den Eigentümern nicht fruchten, Bußgelder. Längere Ferienvermietungen sind ebenfalls verboten.
Genossenschaften werden gefördert
Um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, unterstützt München Wohnungssuchende mit Förderprogrammen, sie vergibt städtischen Boden nur im Erbbaurecht und achtet auf sozialgerechte Bodennutzung. Man fördert Genossenschaften, verlangt, dass 60 Prozent der Neubauwohnungen preisgedämpft oder gefördert sein müssen und setzt auf jahrzehntelange Sozialbindung. Neue Baugebiete werden ausgewiesen, mit vielen Genossenschaftsanteilen und viel bezahlbarem Wohnraum, etwa Freiham, wo über 25.000 Menschen leben sollen. Vorbildlich auch, dass die Stadtwerke selbst Werkswohnungen für ihre Mitarbeiter bauen.
Und dann ist da noch das Azubiwerk, ein Herzensprojekt, vom Kreisjugendring, der DGB Jugend und der Stadt auf den Weg gebracht. Erstmals steht damit nicht nur Studierenden, sondern auch jungen Auszubildenden günstiger Wohnraum zur Verfügung. 400 Wohneinheiten sind bereits entstanden, 1.000 sollen es demnächst sein. Magdalena Wesselly gehört zu den glücklichen Bewohnern des Heims in Neuperlach, 300 Euro warm kostet ihr kleines Apartment. "Hätte ich den Platz im Azubiwohnheim nicht bekommen, wäre mein duales Studium an der Wohnungssuche und den hohen Lebenskosten gescheitert", sagt sie.
Junge Familien dagegen haben es weiterhin schwer. Eine bezahlbare 4-Zimmer-Wohnung ist kaum zu finden. Wer eine Wohnung hat, bleibt drin, auch wenn sie nach dem Auszug der Kinder viel zu groß geworden ist. Zum Preis eines Altmietvertrags ist nun mal keine kleinere Wohnung zu haben. Hier ist auch die Initiative Einzelner gefragt. Patricks Mutter Sonja etwa vermietet schon seit Jahren einzelne Zimmer ihrer Altbauwohnung im Glockenbachviertel unter. Wenn ihr Sohn jetzt auszieht, wird ein weiteres Zimmer zur Untervermietung frei. "Man muss sich ein bisschen locker machen", sagt Sonja, die auch in Zukunft gern mit jüngeren Menschen zusammenleben will.
Eine strukturelle Lösung ersetzt das allerdings nicht. Die Situation ist und bleibt extrem angespannt. Zumal München, wie Monika Schmid-Balzert vom Mieterverein sagt, "keine Insel ist". Entscheidende Weichen werden nun mal auf Landes- und Bundesebene gestellt. So hat der Freistaat im vergangenen Jahr aufgrund leerer Kassen einen Förderstopp für sozialen Wohnungsbau verhängt. Nur folgerichtig, dass die deutschlandweite Demo am 7. Februar in München stattfindet.
Was die Höhe der Mieten angeht, nimmt Monika Schmid-Balzert im Übrigen gern die Mieter und Mieterinnen selbst in die Pflicht. Denn die gesetzlich eingeführte Mietpreisbremse für Verträge ab August 2019 funktioniere nur, "wenn sich die Mieter auf die Hinterbeine stellen. Man muss seine Rechte kennen und nutzen!" Das Problem: Wer glücklich eine Wohnung gefunden hat, greift lieber zu tief in die Tasche, als Ärger mit dem Vermieter zu riskieren.