06_07_lr_azubis_gegen_rechts_4.jpg
Angehender Schiffsmechaniker Moritz sticht in See – ein bisschen
06_07_lr_azubis_gegen_rechts_2.jpg
Die Trinkflasche – ein klares Statement
06_07_lr_azubis_gegen_rechts.jpg
Auch Kalle macht eine Ausbildung zur Schiffsmechanikerin
06_07_lr_azubis_gegen_rechts_1.jpg
Für Jonathan endet nach drei Monaten seine Zeit im Internat in Travemünde
06_07_lr_Direktor_Seemannsschule.jpg
Schuldirektor Joachim Thomsen
06_07_lr_azubis_gegen_rechts_3.jpg
Carlo, angehender Bootsbauer und links

"Hier an der Seefahrtschule haben wir, was Rechtsextremismus angeht, recht großes Glück." Sagt Moritz, 21 Jahre alt und Berufsschüler. Er sitzt mit rund 25 weiteren Schüler*innen an einem Dienstagabend im Klassensaal des zur Seefahrtschule gehörenden Internats. "Ich weiß allerdings von Freunden, dass an anderen Schulen rechtsextreme Sprüche an der Tagesordnung sind und von den Lehrkräften sogar akzeptiert werden", erzählt Moritz weiter. Von den Schlafsälen ein Stockwerk höher dröhnt laute Musik. Seine Mitschüler*innen, die alle nur mit dem Vornamen genannt werden möchten, stimmen ihm mit Kopfnicken zu.

Es ist Dienstagabend, und an der Schleswig-Holsteinischen Seemannsschule diskutieren angehende Schiffsmechaniker*innen und Schüler*innen der benachbarten Berufsbildungsstätte Travemünde über ihren Kampf gegen Rechtsextremismus. Auf den Tischen, an denen sie sitzen, stehen Kaffeetassen, Mate- und Colaflaschen. Das T-Shirt eines angehenden Schiffsmechanikers zeigt, wohin die Reise geht: "FCK AFD" steht in großen Lettern auf der Brust. Im Herbst 2025 hat sich hier eine lokale Gruppe der Initiative "Azubis gegen Rechts" – bundesweit von der ver.di Jugend unterstützt – gegründet. Doch den Auszubildenden geht es um mehr: Zwischen Rechtsruck und teils prekären Arbeitsbedingungen suchen sie nach Gehör in der Gesellschaft.

Politisches Engagement nicht gewünscht?

Kaum eine Woche vergeht, in der Medien nicht über rechtsextreme Sprüche und Gewalt an Schulen berichten. Anfang Februar 2026 sprach DIE ZEIT von einer "rechtsextremen Jugendkultur". In immer mehr Regionen, vor allem auf dem Land, gebe es eine rechtsextreme Hegemonie, belegte schon der Südwestrundfunk (SWR) in einem Beitrag aus dem Jahr 2025. Unter dem Rechtsruck leiden vor allem diejenigen, die sich nicht verstecken können: queere Personen oder Menschen mit Migrationsgeschichte. Wer nicht mit der rechten Hegemonie einverstanden ist, vereinsamt und zeigt selten die eigene politische Meinung.

Das dachte sich auch die 25-jährige Kalle. Die Berufsschülerin mit kurzem schwarzem Haar sitzt neben Moritz, dessen blonde Locken bei jeder Bewegung zu tanzen beginnen. Sie nahm als Erste von ihnen im Oktober 2025 an einem Vernetzungstreffen der Initiative "Azubis gegen Rechts" per Videocall teil. "In der Sitzung habe ich eine Bootsbauerin kennengelernt", sagt Kalle. Die – stellte sich heraus – saß im Internat der Berufsbildungsstätte gleich nebenan. Kurzerhand trafen sie sich am Steg, entwarfen einen Flyer und riefen zur ersten lokalen Sitzung auf. Kalle lächelt: Sie war nicht mehr allein!

Damit startete ein Projekt an zwei Berufsschulen mit Internat, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Während sich die Schüler*innen an der Seemannsschule frei treffen können, bemängeln die von nebenan, dass die Schulleitung gegen Flyer und Plakate aktiv vorgeht. Kalle selbst wurde sogar vom Direktor persönlich angerufen. Gleichzeitig sind nebenan die Toiletten mit Hakenkreuzen beschmiert.

Der angehende Bootsbauer Carlo spricht von einem Klima des Konflikts. Er habe das Gefühl, dass politisches Engagement nicht gewünscht sei; als linke Schüler*innen müssten sie sich deshalb zusammenschließen. "Es passiert regelmäßig, dass in den Freizeitaktivitäten kleine Konflikte auftreten", sagt Carlo. Mitschüler*innen von Carlo erklären anonym, dass im Internat Personen gedroht wird, sie zu "vergasen", und queere Personen unangenehme Sprüche erdulden müssen. Die Schulleitung gehe dagegen nicht ausreichend vor, erklären die Schüler*innen unisono.

Auf Anfrage erklärt die Pressestelle der Handwerkskammer Lübeck, die für die Berufsbildungsstätte in Travemünde zuständig ist, "diskriminierende und extremistische Vorfälle nehmen wir außerordentlich ernst". Jeder Vorfall würde genau geprüft und Schmierereien sofort entfernt. Aufgrund häufig wechselnder Schüler*innenschaft sei es aber häufig nicht möglich, die Verursacher*innen dahinter zu ermitteln.

Klare Linie gegen Rechtsextremismus

Warum findet das an der Seemannsschule nicht statt? Schuldirektor Joachim Thomsen setzt sich gemeinsam mit der verantwortlichen Lehrerin für Wirtschaft und Politik, Ulrike Calm, an den runden Tisch des Sprechzimmers. Die Berufsschule ist sehr klein: Etwa 50 Schüler*innen leben hier, die in theoretischen Grundlagen des Berufes sowie an Booten, Rettungseinrichtungen und Maschinen ausgebildet werden. Danach gehen sie wieder für mehrere Monate auf See. Von riesigen Containerschiffen bis zu kleinen Schleppern ist in den Ausbildungsbetrieben alles vertreten. Thomsen meint, "es widerspricht dem Beruf des Seefahrers, solche Einstellungen zu vertreten". Die Crews seien mittlerweile auf fast allen Schiffen international aufgestellt, Englisch sei zur Hauptsprache geworden. Und neben dieser Grundeinstellung verfolge die Schule eine Null-Toleranz-Politik. Informationsmaterial des Bildungsministeriums über rechtsextreme Zeichen und Einstellungen werde ernst genommen und Vorfälle würden konsequent angezeigt, so Thomsen.

Lehrerin Calm betont, dass Lehrkräfte auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung vereidigt werden. Sie sind deshalb verpflichtet, ein Bewusstsein für die Grundwerte zu wecken und sie zu verteidigen. Das bedeute in der gegenwärtigen Situation für ihren Unterricht, "wir müssen zeigen, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist und welche Tendenzen sie aktuell bedrohen."

Darüber hinaus erhalten die Schüler*innen Freiraum, um während des Unterrichts und darüber hinaus zu diskutieren und Veranstaltungen zu organisieren. Sie sollen "ausloten, wie sie dazu beitragen können, dass es keine Entwicklung gibt, die wir alle nicht wollen", sagt Thomsen.

Die strukturellen Probleme der Schulen

Der Umgang an der Seemannsschule ist allerdings keineswegs der Normalfall. Der Soziologe Paul Lachmann kennt viele negative Beispiele. In den Jahren 2023 bis 2024 führte er in Hessen das Projekt "gemEINSAM gegen RECHTS" durch. Dieses verband außerschulische politische Bildung an Berufsschulen und Forschung miteinander. Im Fokus stand dabei die Stärkung demokratiefördernder Kompetenzen, die Sensibilisierung für Vielfalt und die Herausforderungen durch die extreme Rechte.

Lachmann glaubt, dass die Ausbreitung rechtsextremer Ideologien an Berufsschulen strukturelle Probleme hat. "Je berufspraktischer die Schule ausgerichtet ist, desto formaler wird der Politikunterricht. Es werden weniger spielerisch Kompetenzen vermittelt, was wichtig wäre. Oft wird der Fokus auf wirtschaftliche Themen gelegt und Demokratiebildung bleibt eher außen vor", sagt Lachmann. Der fehlende Raum, Demokratie im Kleinen zu leben und über Politik zu diskutieren, führe dazu, dass sich autoritäre Tendenzen verfestigen können.

Im Rahmen des Projekts führte die Gruppe um Lachmann mehrere nicht repräsentative Umfragen durch, die aufgrund gleicher Fragen mit bundesweiten Umfragen vergleichbar waren. "Wir haben ein konservatives bis rechtes Wertesetting beobachtet", sagt Lachmann. Über 60 Prozent der Schüler*innen stimmten etwa der Aussage zu, dass Deutschland durch "die vielen Ausländer*innen gefährlich überfremdet" sei. Dennoch glaubt Lachmann, dass dahinter keine gefestigte extrem rechte Meinung steckt. Er habe viel politische Unsicherheit und Verunsicherung entdeckt. Die Workshops seien dagegen auf großes Interesse gestoßen. "Die Schüler*innen erzählten von rassistischen Alltagserfahrungen, die wir im Gespräch einordnen konnten", sagt Lachmann. Er glaubt daher, dass mehr politische Bildung wichtig wäre, um aktiv Vorurteile abzubauen.

Die scheinbar Unwichtigen

Seine Schlussfolgerungen adressiert er auch an die Schulleitungen. Er habe erlebt, dass Schüler*innen keine wirkliche Mitsprache hätten und ihre Vertretungen nur als Top-Down-System für Informationen genutzt würden, die sie von oben nach unten durchreichen. In einer anderen Schule kam es zum Konflikt zwischen Projekt und Schulleitung. Diese wollte eine Einladung zu einem Theaterstück, in dem die Shoa thematisiert wurde, nicht an die Schüler*innen weiterleiten. Auf Instagram publizierte der Schulleiter einen Screenshot der Mail, schrieb, dass sich so niemand angesprochen fühle, und teilte einen Artikel gegen gendergerechte Sprache. Das nur, weil die Einladung mit "Liebe Alle" begann, sagt Lachmann, während er leicht den Kopf schüttelt.

Berufsschüler*innen fühlen sich häufig von den Schulleitungen nicht wahrgenommen. Diese Auffassung teilt auch Fynn, angehender Zimmerer aus Berlin und Mitglied der IG BAU. Er ist seit Anfang an bei "Azubis gegen Rechts" dabei und froh über diesen Ort des politischen Austauschs. Für junge Erwachsene an Berufsschulen habe es bislang wenig Orte des politischen Engagements gegeben, erklärt Fynn, während er in einem Büro in Berlin sitzt. Er sagt: "Wir sind besonders hart von der aktuellen politischen Lage betroffen." Die Ausbildungslöhne reichten kaum aus, um außerhalb des Elternhauses zu leben, und die Zukunft sehe kaum rosiger aus. "Statt diese Probleme anzugehen, will die Regierung, dass wir für sie in den Krieg ziehen", sagt Fynn.

Trotz motivierten Lehrpersonals sieht Fynn viele Probleme in seiner Ausbildung. Die Finanznot des Landes Berlin sei schon am Materialmangel erkennbar. "Man hat das Gefühl, wir sind nicht wichtig", sagt er. Schüler*innenvertretungen beschäftigten sich bislang vor allem mit organisatorischen Themen in der Schule. Fynn würde die Vertretung gerne politisieren, damit sie ein Ort des Austauschs und der Debatte wird. Er sagt, "ich wünschte mir eine Berufsschule, die auf unser Vorwissen eingeht und ein realer Ort der Mitbestimmung ist".

In Travemünde sind die Berufsschülerinnen da schon einen Schritt weiter. Der zukünftige Schiffsmechaniker Jonathan meint, dass auch die geringe Schüler*innenzahl dazu beitrage: "Die Wege sind kurz, und wir können Probleme schnell angehen." So zum Beispiel, als sie zu Beginn ihres Aufenthalts dafür sorgten, dass in der "Kombüse" – der Kantine des Internats – auch vegane Gerichte angeboten wurden.

Forscher Lachmann sieht eine Herausforderung in den Berufsschulen darin, Projekte über den Aufenthaltszeitraum der jeweiligen Schüler*innen hinaus aufrecht zu erhalten. Er ist der Meinung, dass hier idealerweise gesonderte Personen eingestellt werden sollten, mit dem Auftrag langfristige Projekte zu planen, eine Konstanz zu garantieren und das außerschulische Bildungsangebot zu erweitern.

Mehr als "Gegen Rechts"

Die Berufsschüler*innen in Travemünde begrüßen hingegen ihre Autonomie, sagt Jonathan, während sich die Sitzung mit dem Übergang zur nächsten Generation beschäftigt. Nach drei Monaten in Travemünde verlassen Kalle und Jonathan das Internat. Neue Berufsschüler*innen wie Moritz sollen nun das Zepter übernehmen und über weitere Themen beraten. Eine Forderung ist es beispielsweise, den Namen der "Seemannsschule" in eine genderneutrale Bezeichnung zu ändern. Aus Protest überlegen die Schüler*innen, auf ein Eingangsschild "Seefrauenschule" zu schreiben.

Die Gemeinschaft ist zudem happy darüber, dass ein gemeinsamer Filmabend fast hundert Menschen erreicht hat. Gezeigt wurde der Dokumentarfilm "Kein Land für Niemand" über Seenotrettung im Mittelmeer. Kalle selbst war über ein Jahr in der Seenotrettung, bevor sie sich entschied, Schiffsmechanikerin zu werden. Sie sagt, "leider ist es an Bord nicht selbstverständlich, dass allen Menschen in Seenot geholfen wird." Als Azubi hat sie nun die Erfahrung gemacht, dass Rassismus trotz allem ein Problem auf Schiffen ist.

Der angehende Bootsbauer Carlo sagt, dass ihn die zukünftigen Arbeitsbedingungen pessimistisch stimmen. "Zu Beginn des Kurses hat eine Umfrage unter uns ergeben, dass nur ein gutes Drittel den Beruf später wirklich ausüben möchte", sagt er und ergänzt, "wir alle wissen, dass wir mit dem Job nicht 'reich' werden."

Der angehende Schiffsmechaniker Moritz, der ver.di-Mitglied ist, wünscht sich, dass "die Gewerkschaften mehr auf uns zugingen". So könnte man gemeinsam für eine Zukunft in ihren Berufen sorgen. Gleich darauf übernimmt er die Aufgabe, Kontakt zur Gewerkschaft aufzunehmen.

Wenige Wochen später heißt es von ver.di auf Anfrage: Kontakt hergestellt. Aktiv gegen Rechts zu sein, bedeutet nämlich auch, gemeinsam für Mitbestimmung und bessere Arbeits- und Lebensbedingungen zu kämpfen.