Ausgabe 02/2026
Das Leid der jungen Generation

Immer mehr Kinder und Jugendliche haben Ängste, weigern sich aufzustehen, wollen nicht rausgehen. Sie meiden Kontakte und fühlen sich überfordert, vor ihrer Klasse zu sprechen. Manche müssen oft weinen, andere leiden an Panikattacken, bekommen Herzrasen und Schweißausbrüche und sind davon überzeugt, den schulischen Anforderungen nie gerecht zu werden. Viele Jungen versacken vorm Computer und spielen exzessiv online. Auch Mädchen verlieren sich im Internet, beginnen zu hungern oder zwingen sich zu erbrechen. Versteinern, plötzliche Wutausbrüche und Aggressionen zählen ebenso zu den zunehmenden Verhaltens-auffälligkeiten wie Selbstverletzungen. Nicht wenige junge Menschen äußern sogar Suizidgedanken.
Ulrike Ravens-Sieberer erforscht seit über 20 Jahren, wie es um die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland bestellt ist. Seit Beginn der Pandemie Anfang 2020 befragt ihr Team von der Uniklinik in Hamburg-Eppendorf regelmäßig Eltern und Jugendliche aus allen Bevölkerungsschichten zur mentalen Lage der 7 bis 17-Jährigen. Bei kleineren Kindern füllen die Eltern die online-Fragebögen aus, ab elf schreiben die Kinder selbst. "Wir erfassen Auffälligkeiten, keine Diagnosen", betont die Wissenschaftlerin. Weil die Kinder älter werden und es darum geht, ihre Entwicklungen zu verfolgen, gehören inzwischen auch 23-Jährige zur untersuchten Gruppe.
Über 3.000 Familien sind an der Copsy-Studie beteiligt, dem einzigen bundesweiten Langzeitmonitoring zu diesem Thema. Ende vergangenen Jahres wurden zum achten Mal Ergebnisse veröffentlicht. Demnach zeigen 22 Prozent der Kinder und Jugendlichen psychische Auffälligkeiten. Das ist zwar ein deutlich niedrigerer Wert, als die Wissenschaftler*innen während der harten Corona-Lockdown-Phasen gemessen haben. Doch im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten sieht es nicht gut aus mit der Stabilität der nachwachsenden Generation.
Krieg, Klima, Jobs
Kein Wunder – viele Krisen spitzen sich zu. "Das Gefühl von Machtlosigkeit ist weit verbreitet – die Welt ist ein gefährlicher Ort", fasst Bernd Aschenbrenner vom Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten zusammen. Weit über die Hälfte der jungen Generation hat Angst vor Krieg, auch die voranschreitende Klimaerhitzung empfindet ein Großteil als bedrohlich. Ebenfalls Sorge bereitet die wirtschaftliche Lage. Viele zweifeln, ob sie ihren Wunschberuf ergreifen und später eine Wohnung finden und bezahlen können. Oft setzen sie sich deshalb in der Schule unter enormen Leistungsdruck. Während die Belastungsreaktionen bei Jungen stagnieren, haben Depressionen und Ängste bei Mädchen im vergangenen Jahr noch einmal deutlich zugenommen.
"Mit Gesundheitsförderung und Prävention kann man viel tun, nicht alle diese Kinder brauchen Behandlung", betont Ravens-Sieberer. Gesellschaftspolitisch sei es aber extrem wichtig, die Schutzfaktoren der Kinder und Jugendlichen zu stärken. Dazu gehört die Erfahrung, Dinge gestalten und beeinflussen zu können. Auch der familiäre Zusammenhalt und ein stabiles soziales Umfeld in Schule und Freundeskreis sind Schlüssel, um mit den berechtigten Ängsten klarzukommen. Kinder mit guten Schutzfaktoren haben ein zehnfach geringeres Risiko, psychisch auffällig zu werden, hat die Copsy-Forschungsgruppe herausgefunden.
Bei der "Nummer gegen Kummer" können junge Menschen anonym anrufen. Deutschlandweit an 76 Standorten sitzen montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr Ehrenamtliche am Telefon. Sie hören zu, fragen nach, versuchen zu entlasten. Beide Seiten wissen nicht, wo das Gegenüber lebt – der Kontakt bleibt einmalig. Gerade dadurch überwinden viele ihre Scham. Immer beliebter geworden ist die Möglichkeit zu chatten. Die Hürde ist niedriger, sich zu melden.
"Früher ging es überwiegend um Liebe und Sexualität, heute sind Ängste, Stress und Einsamkeit ebenso oft Thema", berichtet die Sozialpädagogin Birte Freudenberg, die das Hilfsteam in Potsdam leitet. Das jugendliche Lebensgefühl habe sich geändert."Die Leichtigkeit ist weg."
Bei vielen jungen Menschen wirken außerdem die Erfahrungen während der Pandemie bis heute nach. In einer Phase, in der sonst die ersten zarten Flirtversuche stattfinden, mussten sie mit Masken rumlaufen und zu Hause hocken. "Ein Stück Entwicklung wurde damals abrupt gestoppt, sie konnten bestimmte altersangemessene Erfahrungen nicht sammeln", so Freudenberg. Das verunsichert jetzt.
Fehlende Hilfe
Der Bedarf nach Therapien hat zugenommen, das Angebot nicht. Die Zahl der Kassenzulassungen ist gedeckelt. "Nicht selten habe ich fünf neue Anfragen pro Tag", berichtet eine Berliner Kinder- und Jugend-Psychologin, die damit keine Ausnahme ist. Selbst Mädchen und Jungen mit schweren Störungen müssen oft monatelang auf einen Klinikplatz warten. Laut statistischem Bundesamt sind psychische Erkrankungen die häufigste Ursache für einen Krankenhausaufenthalt von Kindern und Jugendlichen – und die Zahlen wachsen rasant. Zwischen 2022 und 2024 stieg die Zahl der Einweisungen um 40 Prozent.
Die Bundesschülerkonferenz hat im vergangenen Jahr auf die mentale Lage von 7,5 Millionen jungen Menschen in Deutschland aufmerksam gemacht mit der Kampagne "Uns gehts gut?"– und die Replik gleich mitgeliefert: "Die einzig ehrliche Antwort lautet: Nein." Ziel war zum einen, das Thema zu enttabuisieren. Zugleich stellte die Schüler*innenvertretung konkrete politische Forderungen auf: Mehr Psycholog*innen und Sozialarbeiter*innen an Lehranstalten, niedrigschwellige Therapieangebote, Präventionsprogramme und die gesetzliche Verankerung mentaler Gesundheit als Bildungsauftrag.
Im Koalitionsvertrag hat die Bundesregierung festgeschrieben, die seelische Gesundheit junger Menschen stärken zu wollen. Trotzdem hat sie das 2023 gestartete Projekt "Mental Health Coaches" gestoppt, bei dem psychologisch ausgebildetes Personal Workshops und Gesprächskreise an Schulen durchgeführt hat. Die Universität Leipzig hatte dem Programm eine sehr gute Wirkung attestiert, 90 Prozent der Beteiligten wünschten eine Fortsetzung. Stattdessen arbeitet die Regierung nun an einer neuen Strategie, teilt eine Sprecherin des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend mit: "Ziel ist, im Jahr 2026 erste konkrete Schritte und Maßnahmen zu erreichen." Auch eine Bedarfsplanung für Psychotherapeut*innen stecke noch in der Pipeline. Angesichts der wachsenden seelischen Not vieler Kinder und Jugendlicher erscheint das Vorgehen der Regierung sehr behäbig.
Nummer gegen Kummer: 116 111