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"Ein Mehrfamilienhaus mit Garten, in einer normalen Straße: Von außen ist nicht zu erkennen, wo ich arbeite. Zum Schutz der Frauen. Ich arbeite im Frauenhaus Lotte Lemke der AWO Hessen Süd in Bad Homburg. Mit meinem Team sorge ich dafür, dass Frauen, die vor Gewalt fliehen, mit ihren Kindern in Sicherheit sind. Eine von uns hat immer Rufbereitschaft, 24/7. Fast jeden oder jeden zweiten Tag kommt eine Anfrage: Ob wir ein Zimmer frei haben? Manchmal ruft die Polizei nachts um 3 Uhr an. In so einem Moment muss ich allein am Telefon entscheiden: Wie groß ist die Gefahr? Wie dringend braucht die Frau den Platz? Meist dauert es sehr lange, bis die Frauen den Mut fassen, den Schritt zu gehen, vor allem aus Sorge um ihr Kind. Weil sie Angst haben, das nächste Mal nicht zu überleben. Und dann müssen wir sagen: Wir haben leider keinen Platz! Das ist wahnsinnig frustrierend.

Wir helfen Frauen, ihr Leben neu zu sortieren

Bei uns im Haus gibt es sechs Zimmer, mit jeweils zwei bis vier Betten plus Bad. Mit dem Umzug ins Frauenhaus müssen die Frauen ihr altes Leben komplett hinter sich lassen. Sie ziehen in eine fremde Stadt, dürfen niemandem sagen, wohin. Wir helfen ihnen, ihr Leben neu zu sortieren. Zuerst besprechen wir die Schutzmaßnahmen: Wir checken, ob das Handy geortet werden kann, lassen die Familienversicherung ändern und beantragen Auskunftssperren. In Kooperation mit einer Klinik bieten wir auch medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigungen. Wir begleiten zu Behörden, helfen, eine Kita zu finden oder das Kind in der Schule anzumelden, unterstützen bei der Jobsuche, gehen mit zum Arzt, vermitteln Therapieplätze, und, und, und.

Ich habe Soziale Arbeit in Frankfurt am Main studiert. Doch im Frauenhaus musste ich mir noch viel Fachwissen aneignen, vor allem im Ausländerrecht, im Familien- und Sozialrecht. Außerdem musste ich lernen, wie ich eine Beziehung zu den Frauen aufbaue. Im Studium hieß es immer: professionelle Distanz. Niemand hat uns erklärt, wie professionelle Nähe funktioniert. Dass ich dafür auch etwas von mir preisgeben muss. Die Frauen erzählen mir sehr intime Dinge. Manche Schicksale gehen mir total nah. Zum Glück arbeite ich in einem super Team, ich fühle mich sehr gut aufgehoben. Alle vier Wochen haben wir Supervision. Über alles zu reden, entlastet sehr.

Bei meinem Start ins Berufsleben bin ich direkt bei ver.di eingetreten. Schließlich verdanken wir den Gewerkschaftsmitgliedern alles, was wir haben, ob Löhne oder Arbeitsbedingungen. Unser Träger übernimmt fast 1:1 den Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst. Mit ein paar Kolleginnen streike ich immer mit. Wir erklären den Frauen vorher, warum wir an dem Tag nicht da sind, und kriegen viel Verständnis. Manchmal kommen Frauen sogar mit, so weit geht die Solidarität. Unsere Arbeit findet im Verborgenen statt, ist in der Öffentlichkeit kaum sichtbar. Deshalb ist es ein total gutes Gefühl, zusammen auf die Straße zu gehen."