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Banksy zählt zu den berühmtesten Gegenwartskünstlern. Das hängt nicht so sehr an seinen politisch witzigen Straßengraffiti. Sein Ruhm beruht auf Anonymität. Man kennt weder sein Gesicht noch seinen bürgerlichen Namen, daher gilt er für seine Fans als eine Art Zorro, der den Mächtigen Streiche spielt und sich rechtzeitig davon macht. Die Medien, die seine Legende miterschaffen hatten, haben sich nun aber geschworen, diese zu zerstören. So reisten Enthüllungsjournalisten um die halbe Welt, um die Mutmaßung zu belegen, der unsichtbare Mann sei ein Robin Gunningham aus Bristol. Inzwischen hätte er seine Identität gewechselt und hieße jetzt wie halb England – David Jones. Es sei denn, Banksy sei in Wahrheit ein Londoner Bauarbeiter namens George Georgiou. Aufgrund einer vagen Ähnlichkeit mit einem angeblichen Foto des Künstlers setzten weitere Medien diese Behauptung in die Welt. Seitdem kann sich der arme Mann vor Nachfragen und Paparazzi nicht retten. Dabei ist seine Widerrede unanfechtbar: "Glauben Sie, dass der gut betuchte Kerl es nötig hätte, so wie ich auf dem Bau zu schuften?" In der Tat werden die Einnahmen des "subversiven" Sprayers auf mehrere Millionen pro Jahr geschätzt.

Die Geschichte ist symptomatisch für unsere Zeit. Es ist wahrlich eine Kunst, im Verbogenen zu leben. Man wird von Kameras durchgehend überwacht, hinterlässt bei jeder Fahrt und jeder Bezahlung eine identifizierbare Spur. Körperbilder werden für Fake-Pornos geklaut, Stimmen für Fake-Aussagen. Auf soziale Medien kann jeder, wie es Andy Warhol vorhersagte, ein 15-Minuten-Star werden. Wer sich auf Persönlichkeitsrechte beruft, macht sich verdächtig, etwas verbergen zu wollen. Erkannt werden ist nur noch ein Verhängnis. Der wahre Luxus heißt heute: Anonym bleiben können. Offenbar ist das nicht einmal erfolgreichen Künstlern lange vergönnt. Das Privileg haben nur die Superreichen.

Apropos Identität: Über seine Agentur bittet Banksy alle, die zu wissen meinen, wer er in Wirklichkeit ist, ihn zu kontaktieren. Da er selbst mit dieser philosophischen Frage hadere, schreibt er, sei er für jeden Hinweis dankbar.

Guillaume Paoli

Fotos: dpa