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Foto: ZDF / © Frantisek Svatos

Ein Nobody gegen Putin

Da dürfte der russische Präsident hörbar mit den Zähnen geknirscht haben. Ein Gesamtschullehrer aus Sibirien hat die Chuzpe besessen, sich seinen Anweisungen zu widersetzen, muss fliehen und wird am Ende vor aller Welt mit einem Oscar für seine Arbeit ausgezeichnet. Sofort setzen die bekannten Reflexe ein. Ein "Manifest des Russenhasses" nannte ausgerechnet der Regisseur Nikita Michalkow den gerade erst preisgekrönten Dokumentarfilm von Pavel Talankin. Dabei wurde einst auch sein eigener, Stalin-kritischer Film von Hollywood ausgezeichnet. Doch das war vor Putins Machtantritt, der Wind hat sich seither gedreht und Stalin ist in Russland rehabilitiert.

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Wie sich das auf das Leben von russischen Schülerinnen und Schülern, Lehrkräfte und Schulbeschäftigte auswirkt, hat Pavel Talankin mit seiner Kamera zwei Jahre lang dokumentiert. Er arbeitet als pädagogischer Projektleiter und als Videograf an der Schule Nr. 1 in Karabasch, die einst auch er besucht hat. Er filmt zunächst mit großem Spaß das Leben an seiner Gesamtschule: ganz normale, neugierige Grundschulkinder und Teenager, ihren Freundeskreis, ihre kreativen Projekte. Sein Büro steht ihnen offen, hier können seine Schüler*innen sein, wie sie sind. Ihre Leistungen sind gut.

Nur einen Monat nach dem Angriff auf die Ukraine 2022 erhalten alle Schulen des Landes den Befehl von oben: Die Kinder müssen ab sofort marschieren und Gedichte über "den Sieg" schreiben, Söldner der Wagner-Gruppe kommen und schwärmen vom Krieg. Was sich da vollzieht, ist wahrlich niederschmetternd. Ab jetzt dient der Unterricht nur noch der Militarisierung und Indoktrinierung der Kinder, die mit zunehmend versteinerten Minen dem folgen, was ihnen die Lehrerinnen eintrichtern müssen. Wo vorher Kuchen und Torten paradiert wurden, sind es jetzt Flaggen und Gewehre. Pavel muss alles filmen und als Beweis der Pflichterfüllung in einem Regierungsserver hochladen. Doch sein Widerstand gegen die Propagandisierung des Unterrichts wächst; heimlich speichert er das Material auf eigenen Festplatten.

Schließlich nimmt Pavel via Instagram Kontakt zum Regisseur Borenstein auf, schickt ihm sein ungesichtetes Material und flieht aus dem Land. Gemeinsam schälen sie einen Erzählstrang aus den Aufnahmen. Manchmal sitzt Pavel selbst vor der Kamera und reflektiert den geistigen Missbrauch an den Schulkindern durch die Dauerpropaganda. Besonders dreist lügt der Geschichtslehrer in die jungen Gesichter. Danach wieder Fahnenappell. Am Ende der zwei Jahre stellen die Lehrkräfte hilflos fest, dass die Leistungen der Kinder generell, aber besonders in Geschichte, stark gesunken sind. Der Geschichtslehrer bekommt zur Belohnung eine schöne Neubauwohnung in der Innenstadt. Einige seiner Schüler sind da teilweise schon im Krieg. Jenny Mansch

Bis Sommer 2030 in der arte Mediathek. R: David Borenstein/Pavel Talankin. Kamera: P. Talankin, Anonymus. L: 90 Minuten

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Siri Hustvedt – Dance around the self

Paul Auster war ihr "Lebensmensch". Mit diesem deutschen Wort beschreibt die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt den Mann, den sie nach 43 gemeinsamen Jahren an den Krebs verliert. Doch das Porträt über sie selbst ist kein trauriges. Zumal Paul, ihr geliebter Mann, immer wieder auftaucht. Vier Jahre lang hat die Regisseurin Sabine Lidl die Schriftstellerin mit der Kamera begleitet, ihren Weg aus der Provinz von Minnesota nach New York und das Zusammentreffen mit Paul Auster nachgezeichnet. Zwischen nachgespielten Rückblicken springt die Kamera in die Gegenwart, zeigt Hustvedt beim Schreiben, beim Kochen, auf Lesungen in Italien, bei Vorträgen, auf Recherche in Norwegen, mit ihrer Familie oder im Gespräch mit ihrem Mann. Es sind oft intime Einblicke in ihr Leben, ihr Denken, ihr Handeln und in die Liebe eines der bekanntesten Autorenpaare der Literatur. Gleich zu Beginn zeigt Hustvedt ihr zeichnerisches Werk, in dem eine junge Frau sich behauptet und über Grenzen und sich hinausgeht. Die Filmemacherin bringt diese Bilder wie Kapitelauftakte zum Laufen. Diese einfühlsamen Schnitte und Hustvedts Präsenz machen diese Doku besonders sehenswert – selbst wenn man diese Siri bisher gar nicht kannte. Petra Welzel

D/CH 2026, R: SABINE LIDL, 110 MINUTEN, KINOSTART 2.4.26

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Gelbe Briefe

Mit seinem Film "Das Lehrerzimmer" war Regisseur İlker Çatak für den Oscar vorgeschlagen, jetzt hat er mit seinem neuen Film Gelbe Briefe auf der Berlinale 2026 den Goldenen Bären für den besten Film erhalten. Was die beiden Filme miteinander vereint, ist İlker Çataks Fokus auf seine Figuren. Immer ist die Kamera sehr nah an ihnen dran, Dialoge in begrenzten Räumen erzeugen eine intensive Spannung, der man sich kaum entziehen kann. Inhaltlich geht es in den Gelben Briefen allerdings um Größeres als den Konflikt einer Lehrerin mit dem System Schule. Hier steht der Konflikt mit dem Staat im Zentrum, der an einen bekannten Dramaturgen und Hochschulprofessor einen der gefürchteten Gelben Briefe verschickt, der ihn mit einem Berufsverbot belegt. Gedreht unter anderem in Berlin und Hamburg, die aber für Ankara und Istanbul stehen, kreist das Drama um Aziz und seiner ebenso gefeierten schauspielernden Frau Derya um die wachsenden Auswüchse eines Überwachungsstaats. Andererseits steht der Konflikt des Künstlerpaars für eine gesellschaftliche Entwicklung, vor der wir uns allerorts in Acht nehmen müssen. Ein sehenswertes Drama mit offenem Ausgang – zum Glück. Petra Welzel

D/FR/T 2026, R: İLKER ÇATAK, D: TANSU BIÇER, ÖZGÜ NAMAL U.A., 128 MINUTEN, KINOSTART 5.3.26