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"Ein Ruf an alle" – dem pädagogischen Personal in Schweden reicht'sFoto: Förskoleupproret

Die skandinavischen Länder gelten oft als Vorbilder für Gleichberechtigung. Eine Studie der OECD zeigt: In Deutschland arbeiten über die Hälfte der erwerbstätigen Mütter nicht Vollzeit. In Schweden dagegen sind es 80 Prozent, die mindestens 35 Stunden die Woche arbeiten. Ein Grund ist die gut ausgebaute Kinderbetreuung. In Deutschland besuchen rund 37 Prozent der unter Einjährigen eine Betreuungseinrichtung, in Schweden etwa 57 Prozent.

Die schwedische "Förskola" arbeitet seit den 1980er Jahren nach einem nationalen Lehrplan und bereitet Kinder auf die Grundschule vor. "Unter den richtigen Voraussetzungen können schon die Allerkleinsten davon profitieren", sagt Pia Rizell, die zweite Vorsitzende der schwedischen Lehrergewerkschaft, die als Erzieherin in einer Kita arbeitet. Doch bei den Voraussetzungen hapert es ihrer Meinung nach im Moment.

Die schwedische Schulbehörde empfiehlt Kita-Gruppen von 12 Kindern bei den unter Dreijährigen und 15 Kindern bei den Drei- bis Fünfjährigen. Im Durchschnitt bestehen die Gruppen in Schweden derzeit jedoch aus 15 Kindern schon bei den Kleinsten. Eine Pädagogin betreut dabei bei den unter Dreijährigen bis zu fünf oder sechs Kinder gleichzeitig.

In manchen Kindertagesstätten seien es sogar bis zu 24 Kinder pro Gruppe, sagt Rizell. Für den Berufsverband ist das nun Grund für Protest. Im Mai lädt der Verband zur Großdemonstration in Stockholm ein, zu der Kitapersonal und Eltern aus dem ganzen Land eingeladen sind. Die Forderungen: Kleinere Kindergruppen, mehr Fachpersonal. 2024 hatten bereits Lehrer*innen aller Schularten gemeinsam gegen Kürzungen im Bildungssystem protestiert.

"Wenn ich eine Gruppe von Kindern zwischen drei und fünf Jahren habe und ihnen vorlese, lese ich vielleicht ein Buch, das für die Jüngste zu schwierig ist, aber für den Fünfjährigen zu wenig herausfordernd. Weil es zu viele Kinder sind, kann ich nicht auf ihre genauen Bedürfnisse eingehen." Das ist Pia Rizells Arbeitsalltag und der ihrer Kolleg*innen.

Nur noch 40 Prozent Fachpersonal

Aus Sicht der Gewerkschaft ist jedoch nicht nur wichtig, wie viele Erwachsene die Kinder betreuen, sondern auch, wie gut sie ausgebildet sind. Fachpersonal in schwedischen Kitas studiert vier Jahre an der Universität. Rund 40 Prozent des Personals in heutigen schwedischen Kitas haben laut der schwedischen Schulbehörde Lehramt studiert, der Rest sind Aushilfen. Diese haben entweder fachfremde Abschlüsse oder nur ein Abitur.

Dass die Proteste der Erzieher*innen wirken, zeigt sich am Beispiel der Stadt Göteborg. Dort bemüht man sich, mehr qualifiziertes Personal anzustellen. Parallel tobt in den Meinungsspalten schwedischer Tageszeitungen eine Debatte darüber, ob Eltern ihre Kinder zu lange in der Betreuung lassen, um in dieser Zeit Erledigungen wie Einkäufe zu machen oder ins Fitnessstudio zu gehen. Das entspricht in kommunalen Einrichtungen nicht den Regeln. Kinder dürfen nämlich nur während der Arbeit, Pausen und Pendelzeiten der Eltern in der Kita sein. Verstöße können mit dem Verlust des Betreuungsplatzes bestraft werden. Das bestätigt die Verwaltung für Kindertagesstätten der Stadt Göteborg.

Betreuung von 6 Uhr bis 19 Uhr

Aber stellen Erzieher*innen den Eltern wirklich nach? "Wir haben die Sache vielleicht etwas zu sehr aufgeblasen. Der Druck und die hohe Arbeitsbelastung sorgen für Irritationen. Aus diesem Feuer sind die Vorwürfe gegenüber Eltern entstanden. Wenn man die Umstände verbessert, löscht man diese Glut am besten", sagt Rizell.

Gerade in Großstädten wie Stockholm und Göteborg sind Eltern aufgrund langer Pendelzeiten darauf angewiesen, ihre Kinder acht bis zehn Stunden in der Kita betreuen zu lassen. Eine von ihnen ist Eloisa Pozo Bahto. Die 30-Jährige arbeitet im Sales-Team einer großen amerikanischen IT-Firma im Zentrum von Stockholm. Seit einem halben Jahr bringt sie ihren Zweijährigen in die Kita, nachmittags um 16 Uhr holt ihr Partner ihn ab. Für die junge Mutter war es keine Option, an diesem Punkt ihrer Karriere zurückzustecken. "Ich werde nach Provision bezahlt. Wenn ein Kundenmeeting um 17 Uhr stattfindet, dann muss ich bis um 18 Uhr hier sitzen."

Außerdem denke sie bereits an ihre Rente, bei der die Jahre zwischen 30 und 40 besonders wichtig seien, weil hier die Karriere stattfindet. Ein schlechtes Gewissen habe sie deshalb nicht. In der Kita könne ihr Kind sich richtig austoben. Solche im Vergleich zu Deutschland relativ langen Tage sind in Schweden keine Ausnahme: "Normalerweise werden Kinder in schwedischen Kitas von 7 Uhr 30 bis 16 Uhr 30 betreut", sagt Pia Rizell. Möglich wäre es theoretisch zwischen 6 Uhr morgens und 19 Uhr abends, sowie in Ausnahmefällen auch nachts.

Für Rizell ist wichtig, dass die Debatte nicht gegen die Eltern geführt wird. "Frauen sollen sich nicht dafür schämen müssen, Vollzeit zu arbeiten", sagt sie. Entscheidend sei, die Bedingungen in den Kitas zu verbessern. Denn nur wenn genügend Personal da ist, könne die Vorschule das leisten, was sie in Schweden sein soll: ein Ort, an dem Kinder gefördert werden – und Eltern arbeiten können.